Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Anreise und Porto

Tag 0 (Mo, 12.9.2022) - Anreise und Porto

0.00 Uhr. Ich bin auf dem Weg zum Flughafen. Ich habe mal wieder eine Pilgertour nach Santiago vor. Um 6.10 Uhr geht mein Flieger nach Porto. Von dort will ich auf dem Camino Portugues da Costa nach Santiago laufen. Das sind etwa 270 km, was in zwei Wochen gut zu schaffen sein sollte. Wie der Name schon sagt, verläuft der Weg nah an der Küste, zu 1/3 in Portugal und 2/3 in Spanien. Ein anderer Weg, der Camino Portugues Central, verläuft im Landes­inneren. Den hebe ich mir für den Fall auf, dass ich mal von Lissabon über Porto nach Santiago laufe, denn da verläuft auch der Abschnitt bis Porto im Innern des Landes. Außerdem gibt es noch einen Küstenweg, der direkt am Strand und überwiegend auf Holz­stegen verläuft. Der ist sicher auch schön und soll keines­falls langweilig sein. Aber das ist nichts für mich, denn ich möchte wie im Früh­jahr auf einem Weg laufen, der schon seit langer Zeit von Pilgern benutzt wird. Bei dem Holzbohlenweg ist das vermutlich nicht der Fall.

Viel mehr, als dass es diese drei Wegvarianten gibt, weiß ich allerdings nicht über den Portugiesischen Jakobsweg. Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, einen Reiseführer zu studieren. Ich habe nur ein paar Webseiten durchge­blättert und eine Karte nebst GPS-Route heruntergeladen, falls man sich doch mal verläuft. Mehr habe ich auf dem Camino Francés auch nicht gebraucht. Mit der Art des Laufens will ich es dieses Mal wenn möglich wieder so halten, wie im Frühjahr: zwischendurch kein Bus oder Taxi, immer schön auf dem histo­rischen Weg bleiben, Unterkunft in Herbergen, keine vorherige Reservierung.

Aber ich fange schon mit einer Ausnahme an: ich habe mir für heute Abend in Porto ein Bett in einer Herberge reserviert, weil ich einfach keine Lust habe, mir nach dem Stadtbummel noch einen Schlafplatz suchen zu müssen. Meine Portugiesisch-Kenntnisse gleichen nämlich meinen Spanisch-Kenntnissen: null. Eigentlich sind sie sogar noch schlechter, denn auf Spanisch kann ich wenigstens ein Bier bestellen. Aber da alle Befragten versichert haben, dass man in Portugal prima klar kommt und die Leute dort furchtbar nett sind, werde ich wohl irgendwie überleben. Vor ein paar Jahren waren wir mal für eine Woche in Lissabon, da sind wir auch gut zurechtgekommen.

3.00 Uhr. Ich war schon kurz nach 1.00 Uhr auf dem Flugplatz. Ich habe noch eine der letzten S-Bahnen genommen, damit meine liebe Frau, die mich zum Bahnhof gebracht hat, nicht die ganze Nacht einbüßt. Auf dem Flughafen sind alle Sicherheitskontrollen zu, vermutlich bis etwa 4 Uhr. Das heißt, dass man sich die Zeit in der Eingangshalle vertreiben muss. Da gibt es ein paar wenige Bänke, aber die hat man mit festen Lehnen versehen, damit man sich da nicht lang strecken kann. Ein paar Akrobaten schaffen das, aber ich habe nach dem Ausprobieren von ein paar Dutzend Schlafstellungen aufgegeben.

Nun sitze ich hier also rum und beobachte die Leute, die nach und nach dazu kommen. Das werden jetzt doch deutlich mehr. Gegen sechs geht hier ein halbes Dutzend Flieger und einige folgen der Empfehlung, drei Stunden vor Abflug hier zu sein - um dann vor verschlos­senen Schranken zu stehen.

Die Bänke sind nicht nur zum Schlafen ungeeignet, sondern riechen auch noch ziemlich übel nach Kunstleder. Aber trotzdem sind sie begehrt und wenn man aufs Klo muss, ist Einfalls­reichtum angesagt. Man kann den Rucksack ja nicht einfach auf dem Sitz liegen lassen wie auf Malle das Handtuch auf dem Liege­stuhl. Es wird laufend durchgesagt, dass man kein Gepäck unbeaufsichtigt lassen darf und es läuft auch Sicherheitspersonal herum. Man muss deshalb warten, bis mal einer der Nachbarn eine Wachphase hat und die Beaufsichti­gung übernehmen kann.

Apropos Gepäck: der Rucksack wiegt dieses Mal 6,6 kg, das sind etwa eineinhalb Kilo weniger als beim letzten Mal, obwohl ich dieses Mal richtige Sandalen statt der ungeeigneten Gummiballerinas dabei habe. Dafür aber keine Hochzeits­hemden und Ähnliches. Viel Gewicht bringen wieder die Regensachen (Anorak, Regen­cape und das Verhüterli für den Rucksack) auf die Waage. Aber laut Wetter-App kann man die in den nächsten Tagen gut gebrauchen.

6.00 Uhr. Glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass sowohl ein Flugzeug, als auch eine Besatzung für den Flug nach Porto bereit steht. 40 Minuten vor dem Abflug wurde schon mit dem Boarding begonnen und nach 20 Minuten waren alle drin und die Tür zu. Alles deutet darauf hin, dass wir pünktlich sind. Unglaublich! Der Flug wird etwa Dreieinhalb Stunden dauern. Da eine Stunde Zeitverschiebung ist, werden wir 8 Uhr noch was da sein. Gleich geht es los.

Der Flieger ist super pünktlich gestartet. Eine Minute vor der offiziellen Startzeit hat er abgehoben. Wir waren noch gar nicht ganz oben, da bin ich schon ein­geschlafen. Als ich nach einer Stunde aufwachte, flogen wir gerade nördlich an Versailles vorbei. Der Grundriss dieser Stadt und des Schlossparks hat sich inzwischen eingeprägt. Die weitere Flugroute auf der Karte zu verfolgen, war im Flugmodus, also ohne GPS, schwierig. Es ging über einen breiten Fluss mit vielen Inseln, die vielleicht auch nur der Trockenheit geschuldet sind. Das war sicher die Loire.

Anders als erwartet flogen wir dann weiter gen Westen aufs Meer hinaus. Der überflogene Küstenabschnitt war wieder leicht auf der Karte zu finden. Wir sind nördlich der Ile de Ré raus aufs Meer geflogen. Diese Insel, die bei La Rochelle am Festland „hängt“, hat eine eigentümliche, markante Form. In der Festungs­stadt St. Martin de Ile de Ré war übrigens Theodor Fontane inhaftiert, nachdem er seiner Neugier wegen im Krieg 1870/71 verhaftet wurde. Er war als Kriegs­berichterstatter an der Front und wollte unbedingt den Geburtsort von Jeanne d‘Arc besichtigen. Der lag aber auf französischer Seite der Front und da hat man ihn hopp genommen. Über mehrere Stationen ist er dann auf die Ile de Ré gekommen und seine Freilassung bedurfte Bismarcks Intervention. Das ist alles ganz spannend in Fontanes Kriegsberichten nachzulesen.

Inzwischen sind wir weit draußen über der Biskaya. Unter uns ist eine dichte Wolkendecke und der Pilot hat gerade durchgesagt, dass in Porto 20 Grad sind und häufig Regenschauer auftreten. Letzteres habe ich mir nicht gewünscht, aber der Natur ist der Regen zu gönnen. Vorhin wurde mal durchgesagt, dass die Flugzeit 2 Stunden 50 Minuten beträgt, also weniger als im Flugplan aus­gewiesen. Wenn der Flieger nicht noch Warteschleifen drehen muss, sind wir also schon um 8 Uhr Ortszeit (eine Stunde hinter unserer Zeit zurück) in Porto.

Es ist jetzt 9 Uhr bzw. 8 Uhr Ortszeit und wir sind tatsächlich im Landeanflug. Der Flieger ist vermutlich in Galizien wieder aufs Festland geflogen und dann die Route abgeflogen, die ich laufen will. Da kann man sich schon mal einen ersten Eindruck verschaffen. Die Gegend scheint ziemlich dicht besiedelt zu sein. Ein Dorf reiht sich ans andere. Was sofort auffällt, sind die fast leeren Stauseen. Aber trotzdem ist es unheimlich grün.

Gelandet. Draußen ist es nass, aber es regnet im Moment nicht.

15.45 Uhr. Ich habe gerade im „Change The World Hostal Porto“ in der Straße Santa Catarina eingecheckt und mich danach in einem nahen Restaurant zu einem erfrischenden Getränk niedergelassen. Ich muss aber bald wieder auf­springen, da hier gleich Feierabend (oder Mittagspause?) ist.

Am Flughafen war es heute etwas schwierig, die U-Bahn zu finden. Die fährt außerhalb des Zentrums oberirdisch und war von der Halle aus zu sehen - dazwischen waren allerdings die Straße und Absperrgitter. Es muss also einen Tunnel dorthin geben - in der Flughafenhalle sind auch überall „Treppe runter“-Wegweiser zur Metro, aber es ist keine Treppe zu finden. Die sind so gut hinter Mietwagen-Ständen versteckt, dass man sie suchen muss.

Bei der Metro angekommen, ist der Fahrkartenkauf das nächste Problem, weil es hier verschiedene Zonen und eine komplizierte Automatenbedienung gibt. Ein Schild auf Portugiesisch verrät, dass man zur Fahrt ins Stadtzentrum einen Fahrschein für Zone 4 braucht. Die Automaten haben zwar auch ein englisches Menü, aber es ist trotzdem nicht leicht, sich da zurecht zu finden, weil es so viele Varianten (Tageskarten, Aufladen einer vorhandenen Karte usw.) gibt und zwischendurch auch mal gefragt wird, ob man die Quittung mit Steuernummer haben will. Um immer genau die richtige Taste links oder rechts von Bildschirm zu treffen, sollte man sich am besten hinknien, um einen Parallaxenfehler zu vermeiden. Und wenn man sich nicht beeilt, gibt es einen Timeout-Fehler, der den Automaten für ein paar Minuten lahmlegt. Irgendwie bin ich dann doch zu einem Fahrschein gekommen, genauer gesagt für 2,60 € zu einer aufladbaren Karte, auf der 2 € drauf sind - für eine Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt. Man muss sie vor dem Ein- und Umsteigen an ein Lesegerät halten, das auf Portugiesisch den Status der Karte anzeigt. Das versteht man als Fremder kaum, da muss man sich darauf verlassen, dass alles ok ist, wenn die grüne Lampe leuchtet. Schwarzfahren ist hier teuer, das 100fache des Fahrpreises. Bei einer versehentlich nicht entwerteten Fahrkarte ins Zentrum wären das 200 €.

Mit einmal Umsteigen bin ich bis zur Kathedrale gefahren und hab dort einen Pilgerstempel sowie für 3 € eine Eintrittskarte erworben. Neben der Kathedrale, die mit einem großen goldenen Hauptaltar und zwei prunkvollen Seitenaltären aufwartet, gibt es hier einen sehr schönen Kreuzgang und verschiedene Kloster­räumlichkeiten zu sehen, allesamt sehr reich­lich mit blauen Fliesen versehen, die große Wandbilder bilden. Man kann dort auch den Kirchturm besteigen, von dessen Aussichtsplattform fast die ganze Stadt überblicken kann. Das habe ich mir trotz Regen und Rucksack auf dem Rücken nicht entgehen lassen.

Danach bin ich noch ein bisschen durch die engen Altstadtgassen und runter zum Hafen gelaufen, in dem es von Ausflugsdampfern wimmelt. In den Gassen und am Kai waren Unmengen an Touristen unterwegs, trotz des fast dauer­haften Nieselregens. Die alten Häuser an den engen, oft steil bergauf oder bergab führenden Gassen sehen zwar malerisch aus, erweisen sich aber bei näherem Hinsehen als ziemlich heruntergekommen. Vom Ufer bin ich auf einer Treppe mit mehr als 250 Stufen wieder in den oberen Teil der Altstadt gelangt. Vorbei an der Kathedrale ging es zum Bahnhof, dessen blau geflieste Bahnhofs­halle mehr Fotografen als Bahnfahrer anlockt.

Die Straße, die hinter dem Bahnhof parallel zu den längst in Tunneln ver­schwundenen Gleisen verläuft, stößt auf eine außen fast komplett mit blauen Fliesen verzierte Kirche und die Straße Santa Catarina, wo sich meine Herberge befindet. Ein ganz schmales, vier­geschossiges Haus mit Hotelzimmern und zwei Schlafsälen. Ich habe ein Bett in einem sehr ordentlichen 6-Bett-Zimmer mit Toilette und zwei Duschen, kompletter Bettwäsche und Handtüchern. Gebucht bei Booking.com mit Stornierungsmöglichkeit bis einen Tag vorher für 13 €. Da kann man nicht meckern.

17.00 Uhr. Kaum aus der einen Kneipe rausgeflogen, sitze ich schon wieder in der nächsten. Es ist zwar noch keine richtige Abendbrotzeit, aber bei mir hat sich Hunger eingestellt und hier hat mich das Chicken-Steak mit Pilzen für 7,50 € gereizt. Ich weiß gar nicht, warum ich schon wieder hungrig bin, denn ich habe mittags schon mal in bzw. vor einer Altstadtkneipe was gegessen. Die Gaststätte hatte einen ziemlich kleinen, engen Gastraum und auf der gegenüber liegenden Straßenseite eine Reihe kleiner 2-Mann-Tische. Was da von der Gasse übrig blieb, hätte einem Zwillingswagen Probleme bereitet. Das fand ich wie einige Andere einladend und so hat sich dort sogar eine kleine Warteschlange gebildet. Aber die Bedienung durch eine einzige Kellnerin und einen Barkeeper ging rasend schnell. Es gab ein 7-Euro-Menü mit Vorsuppe, Fisch oder Fleisch, Getränk und Brot. Ich habe die Fleisch-Variante gewählt, weil man ja hier unter „Fisch“ alles versteht, was aus dem Wasser kommt. Und das schmeichelt mitunter weder dem Auge noch dem Magen. Aber auch beim Fleisch kann man auf ausgefallene Sachen stoßen. Auf Reis und weißen Bohnen drapiert waren etwas Speck, ein paar Wurstscheiben und eine große Kelle Kuddeln, auch Kutteln oder Flecken genannt (hier: Tripas). Das ist Pansen vom Rind, aber häufiger vom Schaf. Es gibt vermutlich auch bei uns Menschen, die so was essen, sonst gäbe es dafür keinen deutschen Namen. Und auch ich habe mich bis runter zum Porzellan durch das Kuddelmuddel gekämpft.

Eine portugiesische Jakobsweg-Erfahrung habe ich damit schon mal. Die zweite hat nicht lange auf sich warten lassen: Das Bier, das es gerade zu den ganz gut schmeckenden Hühnersteaks gab. Wenn in dem Glas drin ist, was drauf steht, dann ist es ein „Negra Munich / 1888 Bock Damm“. Das Etikett ist verziert mit einem Esel und der Verdacht liegt nahe, dass der ins Fass gepinkelt hat. Es kann aber auch sein, dass es sich um einen zweiten Aufguss der Brauereirückstände von Sternburg-Bier handelt. An dem Glas könnte ich mich den ganzen Abend aufhalten und jeden Schluck vorsichtig hinter die Zungenspitze träufeln. Aber wenigstens darf man dieses Getränk hier „Negra“ nennen. Bei uns bekäme man es gleich mit dem Antidiskriminierungbeauftragten zu tun. Ich werde jetzt trotz des Dauerregens noch eine Runde durch die Altstadt drehen und versuchen, das Bier auszuschwitzen, bevor die inneren Organe Schaden nehmen.

Tag 0