Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Von Porto nach Vila do Conde

Tag 1 (Di, 13.9.2022) – Von Porto nach Vila do Conde

Ich habe hervorragend geschlafen. Die Matratze war ok und die Steppdecke hervorragend. Die gab es ohne Bezug, dafür bekam man ein etwa zwei Meter breites Laken. Eine gute Idee, denn abends, als der Raum noch aufgeheizt war, reichte das Laken zum Zudecken aus, als es dann nachts kühler wurde, brauchte man nur die weiche, leichte Steppdecke drauflegen.

Ich habe wie immer bis halb sechs geschlafen und hätte dann eigentlich auf­stehen und aufbrechen können. Aber ich hatte vier Langschläferinnen im Zimmer, die ich nicht hoch­scheuchen wollte. Es waren zwei junge Belgierinnen, die gerade zum Essen aufbrechen wollten, als ich gestern Abend kam. Sie waren zwei Tage hier und wollen noch mit dem Zug nach Braga und Lissabon. Die beiden Spanierinnen, die wie ich zu Fuß nach Santiago wollen, habe ich schon im Bett liegend angetroffen, als ich aus der Küche im ersten Stock zurück kam, wohin ich mich verkrochen hatte, weil nur da WLAN funktionierte. In der Küche waren gerade drei junge Mädels aus Slowenien dabei, sich einen aufwändigen Salat zu bereiten, weshalb ich nicht länger geblieben bin, als nötig. Sonst hätte man da gut am Fenster sitzen und die Leute auf der quirligen Einkaufsstraße beobachten können.

Als sich heute früh die ersten Damen rührten, bin ich auch aufgestanden und um sieben los­gezogen, erstmal bis zum Bäcker nebenan, wo es ein riesiges warmes Toast mit Schinken, Käse und Wurst gab. Die Kalorien, die ich heute verlieren wollte, habe ich damit vorab aufgeladen und vermutlich bleibt sogar noch was übrig. Um am richtigen Ort zu starten, habe ich nicht die Abkürzung zum Jakobsweg genommen, sondern bin zur Kathedrale in der Altstadt gelaufen. Die war so früh am Tag noch zu, was einen jungen spanischen Pilger, der sich dort einen Stempel holen wollte, fast zur Verzweiflung getrieben hat.

Ich hatte übrigens gestern in der Kathedrale von Porto den richtigen Pilger­auftakt. Nachdem ich mich da umgeschaut hatte, habe ich mich hinter eine Säule gesetzt, um ein bisschen zu ruhen. Von weitem sah das wie stille Besinnung aus, ich hoffe, das klang auch so. Als ich von meinem Nickerchen erwachte, war um mich herum abgesperrt, um die Fotografen fern­zuhalten, weil gerade eine Messe angefangen hatte. Eine heimliche Flucht war da nicht mehr möglich. Also habe ich die Messe mitgefeiert, was ja ohne Predigt und Gesang nicht lange dauert. Und der Segen zum Schluss kann ja nicht schaden, wenn man sich auf eine Reise begibt.

Leider regnet es heute schon den ganzen Vormittag. Jetzt ist es um zehn und es kommt mal ein etwas stärkerer Regenguss runter, weshalb ich mich in eine Bar am Wegesrand (noch immer in Porto) zurückgezogen habe und warte, bis der Regen wieder nachlässt.

In einem der vielen Vororte von Porto bin ich in einer Art Bürgerbüro, das mit einem Pilger­stempel geworben hat, auf Raphael, einen Pilger aus Koblenz gestoßen, mit dem ich den ganzen restlichen Tag gelaufen bin. So viele Alternativen gab es auch nicht, wir haben nur einmal ein Mädel mit Rucksack getroffen. Heute früh waren da noch der Spanier, der im Morgengrauen eine Stempelstelle gesucht hat, und eine Engländerin, die sich zwar an­schickte, mit mir zu laufen, aber dann ihre eigene Navigation auf dem Smartphone begann. Ich hoffe, dass sie den Weg nach Santiago findet!

Eigentlich ist alles prima ausgeschildert. Laufend trifft man auf die Muschel, meist aus Stahl auf dem Boden oder an der Wand. Darunter steht dann sogar noch, auf welchem Camino man sich befindet. Nur in der Altstadt von Porto ist die Ausschilderung verwirrend. Da trifft man mitunter dicht nebeneinander auf Wegweiser, die in verschiedene Richtungen zeigen, weil ja der Weg hin zur Kathedrale (für die aus Lissabon Kommenden) und von der Kathedrale weg (nach Santiago) ausgeschildert ist.

Den ganzen Vormittag hat es mehr oder weniger geregnet, dann zogen endlich die Wolken für eine Weile ab. Aber der starke Wind blieb, zum Glück im Rücken. Der Camino führt am Flughafen von Porto vorbei, ganz dicht am nördlichen Ende der Landebahn. Da konnte man sehen, dass ganz schön Betrieb ist. Am späten Vormittag standen dort mehrere startbereite Flugzeuge Schlange, weil Maschinen im Landeanflug waren. Letztere zu beobachten hat Spaß gemacht, denn die haben bei dem Wind ganz schön geschaukelt und man konnte meinen, die wollen einem mit ihren Flügen zuwinken.

Bis zum Flughafen ging es immer durch mehr oder weniger dicht bebaute Wohngebiete, dann kamen auch mal Maisfelder oder Eukalyptus-Wälder. Der Weg verlief fast ausschließ­lich auf oder an Landstraßen, streckenweise auf Kopfsteinpflaster, das am Straßenrand ziemlich übel verlegt und oft auch abschüssig war. (Ich erinnere ans Hanghuhn!) Kurz vor fünf waren wir in Vila do Conde, einer etwas größeren Stadt am Meer. Hier hat der Online-Pilgerführer eine kommunale und zwei private Herbergen zu bieten.

Eigentlich wollte ich noch bis in den nächsten Ort, aber nun waren schon 30 km auf dem Tacho, da muss man kein schlechtes Gewissen haben, wenn man sich nach einem Quartier umsieht. Man muss ja auch noch etwas Puffer haben, falls man nichts findet. Den Puffer hätte ich auch fast gebraucht, aber ich habe hier in der kommunalen Herberge das letzte Bett bekommen. Raphael musste schon mit einer Matratze im Flur Vorlieb nehmen. Ich muss dafür das Obergeschoss eines Doppelstockbetts erklimmen! Ich weiß gar nicht, wo die anderen Pilger in der Herberge herkommen. Die sind vermutlich alle ganz früh am Morgen aufgebrochen. Etwas ernüchternd ist, dass man hier her und sogar noch ein paar Kilometer weiter, nach Póvoa de Varzim, auch hätte mit der U-Bahn fahren können. Das machen auch manche Pilger, aber ich fand es gut und interessant, zu Fuß durch die Vororte von Porto zu ziehen, weil es da doch etwas anders als auf den Postkarten aussieht.

Hier angekommen, habe ich mich gleich auf die Suche nach einer Lokalität gemacht, in der ich meinen Flüssigkeitsverlust ausgleichen kann. Die erste Gaststätte habe ich ausge­klammert, weil ich da gleich mein 8-Euro-Pilgermenü einnehmen will. Die zweite Gast­stätte habe ich übersprungen, weil es mir da zu laut war. Nicht die Leute, aber die Musik. Alle nach­folgenden Kneipen am Hafen hatten aber zu, viele bestimmt, weil es noch so früh am Tage ist. Nun bin ich doch in der lauten Gaststätte gelandet. Die Musik ist jetzt leiser, weil im Fernseher das Champions-League-Spiel zwischen Sporting Lissabon und Tottenham läuft. Es ist gerade Halbzeit und es steht 0:0. Nun werde ich zur Gaststätte mit dem Pilgermenü wechseln.

19.45 Uhr. Gerade ist das Spiel SPO-TOT zu Ende gegangen. Bis kurz vor Schluss stand es 0:0. Gleich nachdem Lloris in einer irren Aktion einen Schuss gehalten hat, hat SPO in der 90. Minute getroffen und drei Minuten später in der Nachspielzeit nochmal. Weil ich in einer portugiesischen Bar sitze, ist mir das 2:0 lieber als umgekehrt. Da hier aber keine 10 Leute sitzen, hielt sich das Jubeln in Grenzen.

Ich bin jetzt in der Gaststätte, in der es das 8-Euro-Pilgermenü gibt. Das war ganz ordentlich. Man konnte wieder zwischen Fleisch und Fisch wählen. Nach den gestrigen Kuddeln habe ich mich heute für Fisch entschieden, auf die Gefahr hin, dass da Tintenfischarme kommen. Aber was da nach der Suppe kam, war ok: zwei ordentliche, panierte Fischfilets mit Pommes und Reis. Mein Gegenüber hatte die Fleisch-Variante. Das waren zwei oder drei kleine Steaks, also auch lecker. Zum Schluss gab es noch einen Espresso, der Tote erwecken kann. Alles richtig gemacht.

Bei meinem Gegenüber handelte es sich übrigens um meinen Untermieter im Doppelstock­bett. Der kommt von der Insel Jersey, auf der ich zwar noch nie war, die aber schon lange zu meinen Begierden zählt, zumal sie vor St. Malo liegt, wo ich so gern bin. Ich habe ihn gefragt, welche Einschränkungen der Brexit für ihn gebracht hat und musste mich belehren lassen, dass Jersey, Guernsey und die anderen Kanalinseln nicht zu Großbritannien gehören, obwohl sie direkt der britischen Krone unterstellt sind. Das nährt meine Hoffnung, dass es irgendwann mal mit dem Katamaran von St. Malo auf eine der Kanalinseln geht.

Neben mir nimmt gerade ein Pärchen Platz, das noch den Rucksack mit der Muschel dran auf den Rücken hat. Die sind ja spät dran. Gerade hat das Champions-League-Spiel Porto (POR) gegen Brügge (BRU) begonnen. Porto liegt hier ein Stück näher dran als Lissabon. Da bin ich auf die Reaktionen gespannt, wenn hier Tore für Porto fallen sollten.

Die beiden neben mir habe ich inzwischen interviewt. Sie stammen aus Siebenbürgen (Rumänien), wo man normalerweise Ungarisch spricht. Aber Er hat eine Weile in Österreich gearbeitet und spricht gut Deutsch. Sie sind wirklich gerade erst aus Porto angekommen und wollen sich nach dem Essen ein Quartier suchen. Sportlich!

Ich glaube übrigens, dass im Alter doch noch ein Sprachgenie aus mir wird. Ich habe jetzt schon die Begrüßung auf Portugiesisch drauf: „Uma cerveja, por favor.“ „Gute Nacht“ habe ich noch nicht drauf, weshalb ich mich jetzt mit der deutschen Variante verabschiede. POR-BRU steht immer noch 0:1, also kein Jubel im Saal, der mich halten könnte.

Ein peinlicher Nachtrag: Manchmal ist es gut, wenn man die Sprache des Gastlandes nicht beherrscht. Da ich die Zahlen noch nicht drauf habe, habe ich gerade beim Bezahlen „Menü und Bier“ gesagt und die Kellnerin war der Meinung, ich hätte nur eins getrunken. Wie soll man das ohne Sprachkenntnisse korrigieren? Außerdem möchte man ja nicht belehrend auftreten. Ich denke, dass ich den nächsten Almosenkasten ordentlich füttern muss, um für die Folgen mangelnder Sprachkenntnisse Sühne zu leisten.

Apropos „Sparen“: Einer meiner Vorgänger hat sein Duschgel in der Dusche stehen lassen. In großen Ziffern steht „4+1“ drauf. Was sich dahinter verbirgt, konnte ich ohne Brille nicht erkennen. Aber ich befürchte, dass man das „+1“ gar nicht braucht, wenn man allein unterwegs ist. Hauptsache, es war über­haupt ein Duschbad, denn es kam ziemlich schwarz aus der Flasche. So was habe ich zuletzt beim Autoschrauber meines Vertrauens gesehen. Riecht aber gut!

Tag 1