Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Von Marinhas nach Carraçeo

Tag 3 (Do, 15.9.2022) – Von Marinhas nach Carraçeo

Ich habe in der letzten Nacht nicht viel geschlafen, obwohl das Bett sehr ordentlich und der Auf-/Abstieg nicht lebensgefährlich war. Aber die Fenster waren so konstruiert, dass man innen die Rollos nur runter lassen kann, wenn das Fenster geschlossen ist. Das haben meine Mitschläfer gegenüber mit ihren Fenstern gemacht. Nun wollte ich das Fenster neben meinem Bett nicht auch noch schließen. Ich habe es gekippt und das Rollo oben gelassen, obwohl draußen eine Laterne stand. Ich schlafe lieber in Hellen, als im Mief von 16 Leuten. Nun hatte sich aber eine der Katzen, die hier rumlaufen, draußen auf das Fensterbrett gesetzt und lautstark gejammert. Sie hat mich immer durchs Fenster angeschaut und versucht, den Spalt des gekippten Fensters zu erreichen. Es war ziemlich herzzerreißend, wenn die Kleine einen flehend durchs Fenster angeschaut hat. Und wenn man sich weggedreht hat, hat sie noch lauter gejammert. Ich dachte schon, sie sei irgendwo hochgeklettert, wo sie nicht wieder runterkommt, aber da war eine Traverse und sie ist ja zwischendurch auch mal verschwunden. Mitten in der Nacht wurde mir das Gejammer aber zu viel und ich habe das Fenster zu gemacht und das Rollo runter gelassen. Nach einer viertel Stunde hatte ich jedoch das berechtigte Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Da habe ich bei heruntergelassenem Rollo das Fenster leicht abgekippt. Das ging. Und da die Katze mich nicht mehr sehen konnte, hat sie Ruhe gegeben und sich auf dem Fensterbrett zum Schlafen hingelegt.

Um sechs begannen die ersten, sich fertig zu machen. Ich habe meinen ganzen Kram in den Rucksack geschmissen, den Schlafsack gegriffen und mich in den Aufenthaltsraum ver­zogen. Dort habe ich dann richtig gepackt und noch einen Kaffee getrunken. Die haben eine Kaffeemaschine mit Kapseln und ein Dreh­regal, wo man sich für 50 Cent eine Kaffeesorte aussuchen kann.

Gegen halb sieben bin ich los. Da war es noch dunkel, aber der Weg war leicht zu finden. Zum Glück hatte es gerade aufgehört zu regnen. Der Weg tauchte bald in einen dichten Eukalyptus-Wald ein und wurde immer enger und steiler. Zusammen mit einem mitunter reißenden Bach führte er um eine hohe Felswand herum. Dann ging es über eine aus großen Steinplatten bestehende schmale Brücke über den Fluss und wieder in den dichten Wald hinein. Hier waren manche Waldstücke mit dicken, hohen Mauern eingezäunt, was man sonst nur von Stasi-Liegenschaften kennt. An einer der Mauern war eine große Plane befestigt, darunter ein Halbkreis aus Stühlen und in der Mitte ein Buffet mit Birnen, Bananen, sauber verpackten Melonen-Stücken, Knabberzeug und eisgekühlten Getränken, darunter auch Sachen, die ich trinke. Und sogar ein Gästebuch. Dazwischen eine Büchse, in die man nach Gutdünken was einwerfen konnte. Tolle Idee.

Der Weg ging dann ziemlich bergauf und -ab, laut GPS ca. 700 m hoch und runter. Das war doch bergiger und anstrengender als gedacht. Aber zum Glück blieb es trocken, denn auf den Wegen stand schon genug Wasser. Der nasse Eukalyptus-Wald riecht übrigens wirklich ein bisschen wie Lutschbonbon.

Ich bin heute mal etwas zügiger gelaufen, um nicht wieder so spät im potentiellen Quartier zu sein. Ich hab nichts gebucht und je später man kommt, desto geringer ist die Chance, ein Bett zu bekommen. Um 10 Uhr war ich schon in Chafé, wo die erste offene Bar war, in der man was Essen konnte. Ich habe mir ein Amerikanisches Sandwich (Schinken, Käse, gekochtes Ei, Salat und Tomate) bestellt, das wirklich lecker war. Es hat nur ewig gedauert, weil der Wirt beim gleichzeitigen Eintreffen von fünf Pilgern und drei Einheimischen überfordert war, zumal er gleichzeitig in einem Backofen hinter dem Tresen leckere Brötchen gebacken hat. So habe ich da fast eine Stunde zugebracht.

Von Chafé waren es dann vielleicht noch vier Kilometer bis zum Rio Lima, über den eine doppelstöckige Brücke (unten Eisenbahn, oben Autos und Fußgänger) führt. Auf der anderen Seite des Flusses liegt Viana do Castelo, eine etwas größere Stadt mit einigen schönen alten Gebäuden, die aber in jüngerer Zeit durch ein paar klotzige, hässliche Einkaufscenter u. ä. verunstaltet wurde. Hier gibt es einige Herbergen und der Großteil der Pilger hat hier offenbar Quartier genommen, denn ich bin erst kurz vor meinem Ziel wieder welchen begegnet. Da es aber erst kurz vor zwei war, wollte ich hier noch nicht Schluss machen. 8 km weiter in Carreço sind zwei Herbergen gelistet. Bis um vier müsste ich es bis dort geschafft haben.

Eine richtige Abgrenzung der Orte findet man hier nicht. Viana do Castelo zieht sich ziemlich weit nach Norden hin. Der Camino verläuft entlang einer Straße zu Füßen einer kleinen Bergkette. Links, zum Meer hin, sind Neubaugebiete, rechts am Berghang stehen noble Villen. Dann wird es irgendwann ländlicher und der Camino verlässt die Straße und verläuft im Zickzack zwischen den mit Mauern eingefriedeten Grundstücken, auf denen von Bruchbuden bis Nobelvillen alles Mögliche steht. Ab und zu hat man mal einen Blick aufs Meer, das aber wenig spektakulär aussieht.

Nach besagten 8 km war ich in Carraçeo, das auch nicht spektakulär aussieht. Eine geschlossene Kirche, eine Spelunke und ein Minimarkt, in dem es vom Käse über Wurst bis zum Pullover das gesamte Landwarenhaus-Sortiment gibt, scheint erstmal alles zu sein. Die angepeilte Herberge „Casa do Sardao“, die schon im Internet verlockend aussieht, war leider bereits voll. Ich hätte die drei Mädels kurz vor der Herberge nicht überholen brauchen, denn die hatten dort reserviert. Die Herberge war wirklich urig. Altes Gemäuer, alte Balken, alte Möbel, aber neue Betten, Bäder und Küchen. Und sehr originell ausgestattete Aufenthalts­räume. Auf dem Hof eine große, von Wein überdachte Fläche, auf der gerade ein paar alte Damen Weinlese hielten und schon einige Kübel blauer Trauben zusammen hatten. Der Herbergsvater hat mir angeboten, mich zum gleichen Preis (13 €) bei einem Freund unter­zubringen, der mich gleich abholen würde. Da habe ich gern zugesagt. Um die Wartezeit zu überbrücken könnte ich mich bei dem Bier im Kühlschrank bedienen; die Preise sind in der Küche angeschlagen und dort in einer Büchse zu entrichten.

Tatsächlich kam nach etwa 20 Minuten die Frau des besagten Freundes mit den Auto, um mich abzuholen. Deren Haus ist sehr schön und modern. Es steht am Hang. Vorn ist es eine Etage, hinten sind es zwei. Obendrauf ein Dach mit zwei Gästezimmern. Ich habe eins mit Doppelliege. Es ist zwar ein Durchgangs­zimmer, aber das andere ist nicht belegt. Ein paar andere Pilger sind wohl noch im Erdgeschoss untergebracht. Das müssen Mädchen sein, denn das Bad ist laufend besetzt. Ich hab mal vorsichtig nach einer Waschmaschine gefragt, da hat mir die Wirtin gleich einen Wäschekorb gebracht und ihre eigenen Sachen aus der schon bestückten Waschmaschine geholt. Nach einer dreiviertel Stunde war meine Wäsche sauber und schon ziemlich trocken. Ich hab sie aufgehängt und den Wäscheständer unters Dach, aber in den Wind gestellt. Bestimmt ist längst alles trocken. Die gute Frau wollte dafür nicht mal was haben. Ich habe ihr hingelegt, was man in einer Herberge in den Automaten stecken müsste.

Nachdem ich eine Pause in der Badezimmerbelegung für eine Dusche genutzt habe, bin ich los zur Ortsbesichtigung. Das empfohlene Restaurant habe ich partout nicht gefunden. In meinen beiden Landkartenprogrammen war nur die Spelunke neben dem „Landwarenhaus“ verzeichnet. Bevor ich mich auf die Suche begeben habe, bin ich erstmal zum Leuchtturm. Da war zwar jemand im Haus, aber schon alles abgesperrt. Auf der Suche nach einem Platz, von dem man aufs Meer schauen kann, bin ich auf eine alte Windmühle neben dem Leuchtturm gestoßen. Da war neben der Tür eine Steinbank, auf der vermutlich immer der Müller nach Feierabend gesessen hat. Laut Wetter-App waren es noch 45 Minuten bis zum Sonnenuntergang. So viel Zeit muss sein. Ich habe mich also hingesetzt und an meinem Reisebericht geschrieben, bis die Sonne kurz über dem Horizont stand und dann allmählich hinter dem Rand der Erdscheibe verschwand. Das Smartphone macht daraus spektakuläre Bilder, auch wenn es in Wirklichkeit stinknormal aussieht. Nun habe ich zwecks Abendbrot mal Google-Maps zu Rate gezogen. Da waren drei Restaurants gelistet: das vermeintlich empfohlene ist „vorübergehend geschlossen“ (und tatsächlich ist in der Straße nirgends Licht zu sehen). Das zweite ist die Bäckerei, die natürlich längst zu ist. Da blieb nur das „Restaurante de Sergio“, an dem ich wegen Nichtgefallens zunächst vorbei gelaufen bin. Nun hatte ich einen knurrenden Magen und keine Wahl. Die Gaststätte kommt von der Größe und von Flair einer Aula nahe, die Beleuchtung ist wie auf dem Bahnhof und das Gestühl wie bei uns im Festzelt. Die Theke ist zugebaut mit den Warenlieferungen der letzten Wochen und der junge Kellner läuft mit T-Shirt und Boxershorts rum. Eine Speisekarte gibt es nicht, nur einen Zettel, auf dem ohne Inhaltsangabe zwei Pilgermenüs zu 15 € und zwei Platten aufgeführt sind. Ich habe die Fleisch-Variante gewählt und war erstaunt, dass ich statt Suppe einen Teller Gambas bekam. Eine Weile habe ich noch gewartet, ob es dazu auch Besteck gibt, dann habe ich wie die Leute an den Nachbartischen begonnen, die Gambas mir den Fingern zu pulen und gleich in den Mund zu stecken. Bei der schwarzen Augen war ich mir nicht sicher, ob die in den Mund oder auf den Schalenteller gehören. Ich habe mich für Hälfte/Hälfte entschieden. Als Hauptgericht kam eine Platte mit Hühnerbeinen und Rippchen an Pommes und Reis. Also, was das Fleisch betrifft, alles Sachen, die man schon immer mal in der Gaststätte mit Messer und Gabel essen wollte. Da die Finger von den Gambas eh eingesaut waren, habe ich nun auch die Hühnerbeine und Rippen (ganz dem Ambiente entsprechend) in die Hände genommen und das daran befindliche Fleisch abgeknabbert. Es hat prima geschmeckt. Da es noch Kaffee und Kuchen gab und ein Bier gratis war, ist der Preis nicht überzogen, auch wenn das anderswo preiswerter gewesen wäre. Aber ein „anderswo“ gab es hier nicht.

Mittendrin ging die Tür auf und ein gutes Dutzend junger Leute mit schwarzen Anzügen bzw. Kostümen und weißen Hemden oder Blusen kam rein, die Revers mehr oder weniger mit Orden geschmückt. Über die Schulter hatten alle eine schwarze Decke oder einen Umhang, reichlich mit Aufnähern bestückt. Für Heilsarmee stimmte das Alter nicht, für Pfadfinder war die Verkleidung nicht richtig. Da alle wie gut situierte Studenten aussahen, nehme ich an, dass das so eine Art Burschenschaft war, die ausnahmsweise auch Mädchen aufnimmt. Also eine Bursch*innenschaft. Weil meine Hände vor Fett trieften, konnte ich leider kein Bild machen.

Inzwischen sitze ich zum Schreiben in meinem Quartier. Da mir aber die Augen zufallen, werde ich jetzt Schluss machen.

Tag 3