Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Von A Guarda nach Baiona

Tag 5 (Sa, 17.9.2022) – Von A Guarda nach Baiona

Ich bin heute kurz vor 6 Uhr aufgewacht, weil in meinem Zimmer welche am Packen waren. Die haben zwar ihr Zeug zum Einpacken nach draußen ge­schleppt, aber jede Socke einzeln und mit Taschenlampenunterstützung. Als sie denn damit fertig und alle wach waren, haben sie sich in der Küche gemütlich zum Frühstück niedergelassen. Jeder hat vor sich zwei Joghurt-Becher und ein Trinkpäckchen exakt in einer Reihe aufgestellt und davor eine Obstdose platziert. Bei mir ging das Frühstückmachen schnell: das halbe Baguette vom Vorabend aufgeklappt, drei Scheiben Käse und drei Scheiben Schinken rauf, fertig.

Nach ein paar Bissen bin ich los in der Meinung, dass es ja bald hell wird. Aber ich war ja nicht mehr in Portugal. In Spanien ist eine Stunde später Sonnen­aufgang, etwa um acht. Ich bin also im Stockfinsteren los und eineinhalb Stunden im Dunkeln gelaufen. Das erste Stück ging es auf einem felsigen Weg am Ufer entlang. Da der Felsen hell war, ging das halbwegs. Dann bog der Weg rechts ab und führte bergauf in Richtung Straße und kurz davor links ab in den Wald. Beim Aufstieg habe ich hinter mir eine Lampe gesehen, die plötzlich ausging. Hat derjenige mitbekommen, dass ich ihn wahrgenommen habe? Ich muss gestehen, dass ich mich insbesondere im Wald immer wieder suchend umgedreht habe und in der Erwartung war, plötzlich was über die Rübe zu kriegen. Brüllen hätte nichts genutzt, da weit und breit kein Haus war und das Getöse der Wellen eh alles übertönt hätte, selbst einen Todesschrei.

Ich war auf jeden Fall ziemlich froh, als der Camino auf die Landstraße führte, die ab hier bis zum heutigen Ziel fast lückenlos einen hell asphaltierten Fuß-Radweg hat, der so breit wie jeder der beiden Fahrstreifen ist. Hier konnte man jetzt auch um sich schauen, ohne ins Stolpern zu geraten. Und da war plötzlich wieder das Etwas. Beim Näherkommen stellte sich heraus, dass es die junge Polin war, die sich morgens gerade fertiggemacht hat, als ich los bin. Wir haben nur ein paar Worte gewechselt, dann war sie auch schon entschwunden. Ich hätte mal fragen sollen, ob sie auch im Wald solchen Sch… hatte.

Ab und zu verließ der Weg mal die Straße, aber viel Außergewöhnliches gab es nicht zu sehen, außer in Oia die auf einer hohen Uferbefestigung thronende Kirche. Da hat man aber schon von Weitem gesehen, dass zu ist. Ich habe mir im Touristen­office einen Stempel und eine Karte geben lassen und nebenan in einem wüsten Tabakladen meinen ersten Café con leche auf spanischem Boden geholt. Der kleine Laden sah aus wie ein Warenlager. Da standen allein fünf Plastik-Körbe mit leeren Flaschen rum. Aber der Kaffee war köstlich.

Als der Weg mal wieder an der Straße verlief, fielen ein Hotel und ein Restau­rant mit einer ausgefallenen, burgähnlichen Fassade auf. Gleich daneben ein Kramladen mit allen möglichen Souvenirs: Muscheln, Ohrringe usw. Vielleicht gibt es da auch Sombreros oder wenigstens Basecaps? Mein Basecap habe ich ja schon wieder verbummelt. Ich war noch gar nicht ganz drinnen, da sprang schon eine urige Type mit langen struppigen Haaren, einem riesigen Bart und einer Flasche Estrella Galizia in der Hand auf mich zu. Der Junge, Xabi, hat Geschmack. Und er hat tatsächlich ein Basecap für mich gehabt, gegen eine kleine Spende. Als ich ihn dann noch fotografieren wollte, war er ganz entzückt. Er hat es sogar lachend hingenommen, als ich auf der Suche nach dem besten Kamerastandpunkt seinen halben Laden demoliert, das heißt eine seiner Schiefertafeln mit einem eingravierten Spruch zertrampelt habe.

Geradezu kam ein Leuchtturm etwa auf halber Höhe eines ins Meer ragenden Felskegels ins Blickfeld. Hier habe ich jetzt mal bezüglich des Wegeverlaufs geschummelt und bin nicht nach rechts auf die Abkürzung über die Berge abgebogen, sondern auf der Straße geblieben, die um diesen Felsen herum­führt. Das war zwar sicher länger, aber bestimmt bequemer, als über den Bergkamm zu stolpern. Meine Füße waren auch schon etwas lahm und sollten mich ja wenigstens bis Baiona tragen. Das haben sie auch gemacht, 33 km.

Hier war leider die erste angesteuerte Herberge schon voll. Kein Wunder bei nur 20 Betten, besten Bewertungen und Buchungsmöglichkeiten über Booking.com. Die Dame am Tresen hat aber bei der benachbarten Herberge angerufen und mir dort ein Bett reservieren lassen. Außerdem hat sie mir unaufgefordert einen Meter Küchenpapier gebracht, damit ich mir die Stirn abtrocknen kann. Die andere Herberge, zwei Querstraßen weiter, befindet sich gut getarnt im Erdgeschoss eines Wohnblocks. Das war sicher mal als Laden gedacht. Und obwohl es nur 18 Betten gibt, muss sich das für den Betreiber lohnen. Bei 16 € je Bett kommen täglich knapp 300 € rein. Den Leuten sei es gegönnt, zumal ich mir ohne sie wieder eine Parkbank hätte suchen müssen. Oder ein Zimmer im Parador-Hotel auf der Festung. Da ist bei 268 € pro Nacht im Einzelzimmer das Frühstück aber schon dabei.

Ich habe in der Herberge zunächst ausgiebig geduscht und mir dann aus dem nächsten Supermarkt eine Pizza zum Abendbrot und was fürs Frühstück geholt. Im praktisch eingerichteten und trotzdem halbwegs gemütlichen Aufenthalts­raum mit Küchenzeile habe ich die Pizza auf Verzehrtemperatur gebracht und verschlungen. Dann war mir eigentlich sehr nach einem kleinen Schläfchen, aber ich hätte sicher bis nachts um zwei oder drei geschlafen und erst dann meinen Stadtbummel machen können. Also bin ich erstmal los.

Es waren in Baiona viele Leute unterwegs und es war überall gute Stimmung. Ich bin zuerst zur Festung, die auf einer Landzunge vor der eigentlichen Stadt liegt. Die gehört wohl komplett dem Parador-Hotel, das sich in den alten Gebäuden mittendrin befindet. Zumindest darf man nur als Hotelbesucher die Pforte passieren, die zur Festung führt. Frisch geduscht und mit einem neuen T-Shirt hat man mich trotz Sandalen mit Socken für einen Hotelgast, vermutlich für einen ausgeflippten reichen Ami gehalten und passieren lassen. Ich habe mich da gründlich umgesehen und bin die ganze Festungsmauer auf dem Wehrgang abgelaufen. Da es nur noch eine halbe Stunde bis zum Sonnen­untergang war, habe ich mir ein schönes Plätzchen gesucht und mit meinem Tagesbericht begonnen.

Der Sonnenuntergang war wirklich schön anzusehen, zumal man immer noch ein Stück der Festung mit aufs Bild bekommen hat, zum Beispiel ein Kreuz auf der seeseitigen Mauer. Auf dem Weg ins Quartier hätte man noch viele Stopps einlegen können, aber ich habe nur noch kurz an einer Bar mitten auf dem Strand pausiert, dann hat mich die Müdigkeit nach Hause geführt.

Tag 5