Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Von Vigo nach Arcade

Tag 7 (Mo, 19.9.2022) – Von Vigo nach Arcade

Wie sehr es die Spanier mit dem Brandschutz halten, ist daran abzulesen, dass in der Herberge der Haupteingang geschlossen ist, wenn der Tresen nicht besetzt ist, und dass man die Herberge über den Notausgang im dritten Stock zu verlassen hat. Also im Falle eines Brandes erstmal die Treppen hoch und raus. Aber es hat ja zum Glück nicht gebrannt und man konnte hinter der Notausgangstür in aller Ruhe grübeln, in welche Richtung man nun zu laufen hat. Man steht in einem Gewirr an Treppchen und Gassen und kein Schild weist den Weg. Zum Glück gibt es Online-Karten und GPS-Routen, mit denen ich leicht auf den Camino gefunden habe. In der Altstadt von Vigo kann man den Camino nur online folgen, da es nirgendwo Schilder gibt. Auch etwas auswärts in den Wohngebieten ist die Orientierung schwierig. Schilder mit der Jakobsmuschel findet man nur auf Schaufenster­scheiben. An Laternen oder Hauswänden ist kein Schild zu entdecken. In einem Ort wie Vigo, der überall mit der Jakobs­muschel wirbt, ist eine Ausschilderung offenbar nur möglich, wenn Geschäfts­leute ihre Schaufensterscheiben zur Verfügung stellen. Schade.

Außerhalb der Geschäftsstraßen kommt man hier nur mit GPS oder Menschen­verstand weiter. Ersterer leitet einen durch ein Wohngebiet bis ganz nach unten und dann im Zickzack durch eine Siedlung wieder bis hoch zur Straße, die man gerade verlassen hat. Der gesunde Menschenverstand hätte einem gesagt, dass man viel spart, wenn man auf der Straße bleibt. Aber wer hat schon gesunden Menschenverstand?

Irgendwann war die vermutlich höchstgelegene Straße von Vigo erreicht. Der Aufstieg war anstrengend, aber man wurde immer wieder durch fantastische Blicke auf die Stadt und die Meeresbucht Ria de Vigo belohnt. Zum Glück ging es dann halbwegs auf gleicher Höhe weiter, allerdings durch den Wald, der nur selten mal einen Blick runter zum Wasser erlaubte. An einer solchen Stelle bin ich auf zwei nette Sachsen, Alex und Thomas aus Zwickau gestoßen, denen ich in den letzten Tagen mehrfach über den Weg gelaufen bin. Nett plaudernd sind wir ab da zusammen gegangen. Geeint hat uns das Bedauern, dass es am Weg keine Einkehrmöglichkeiten gibt. In Cedeira, 13 km hinter Vigo und nach einem steilen Ab­stieg gelegen, sollte eine sein. Die hatte aber Ruhetag und zwei Bars waren aus unerfind­lichen Gründen zu. Da mussten wir bis Redondela aushalten. Der Wirt der ersten Kneipe im Ort konnte sich über Umsatz freuen. Wir saßen an einem Tisch draußen auf der Straße und bei jedem Auto, das durch die schmale Gasse wollte, musste man die Beine einziehen. Genau über uns war eine riesige Eisenbahnbrücke, aber in der ganzen Zeit kam kein Zug, aus dem etwas hätte fallen können. Allerdings glaube ich, dass es Eisenbahn-Toiletten, bei denen beim Tritt auf die Pedale das Geschäft in die Tiefe stürzt, auch hier nicht mehr gibt.

Für die meisten Pilger war in Redondela Schluss, 17 km hinter Vigo. Da haben wir kurz vor zwölf schon einige Leute vor den Herbergen warten gesehen. Gemeinsam sind wir weiter nach Arcade. Auf dem Weg haben wir sogar noch eine im Wald versteckte Bar gefunden, in der wir den schon wieder einge­tretenen Flüssigkeitsverlust ausgleichen konnten. Die Beiden, Ende 30, waren zusammen in der Schule und beim Bund, dann haben sie sich einen Weile aus den Augen verloren, aber nun unternehmen sie gern gemeinsam Reisen wie diese. Es ist ihr erster Camino, den sie sich ausgesucht haben, weil sie nur zwei Wochen Zeit haben. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch sie nochmal einen anderen laufen.

Die beiden wollten nur bis Arcade, ich wollte evtl. noch ein Stück weiter, da es aber (abgesehen von einer Herberge im Nachbardorf) erst in Pontevedra, 13 km weiter, die nächste Herberge gibt, habe ich den Plan aufgegeben. Wir haben 30 Grad und wolkenlosen Himmel, da sind 26 km genug. Ich habe mich hier in Arcade allein auf einen Ortsbummel begeben. Wenn man den bis zu der uralten Steinbrücke ausdehnt, findet man sehr schöne Motive und einen kleinen Bade­strand, wo viel los ist. Hier sitze ich jetzt und muss mich langsam aufmachen, um irgendwo was zu essen zu fassen. Hier stehen zwar zwei gut besuchte Verkaufsstände mit Tischen und Bänken am Strand, aber ich glaube, da gibt es nichts zu essen.

Tag 7