Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Von Briallos nach O Faramello

Tag 9 (Mi, 21.9.2022) – Von Briallos nach O Faramello

Es ist 18.00 Uhr. Ich bin gerade in der Albergue de peregrinos de Teo kurz hinter O Faramello angekommen. Das ist ein Neubau mit 20 Betten, der so versteckt an einem holprigen Abschnitt des Camino liegt, dass ich hier nur noch ein Hexenhaus erwartet hätte. Jetzt warte ich darauf, dass die Waschmaschine fertig ist, dann werde ich mich ins Dorf begeben und sehen, was man da zu Essen/Trinken bekommt.

Die letzte Nacht habe ich in der Albergue de peregrinos de Briallos Portas für 8 € hervor­ragend geschlafen. Es ist bei 10 Leuten auf 28 Betten geblieben. Ich habe mir mit Josef & Maria und zwei allein Reisenden einen 14-Betten-Saal geteilt. [Jetzt sollte eigentlich die Waschmaschine fertig sein, aber sie hat beim Schleudern „unbalanced“ gemeldet, weil sich die Wäsche auf einer Seite der Trommel gesammelt hatte. Nun dauert es noch 12 Minuten, danach ist Trocknen angesagt.] Halb acht bin ich los, nachdem ich noch gefrühstückt und mit Josef&Maria geplaudert habe. Da war es draußen noch dunkel, Sonnen­aufgang war erst um 8.20 Uhr.

Im nächsten größeren Ort, Caldas de Reis, 5 km weiter, wurde es voll. Da war es halb neun und die Heerscharen strömten aus den dortigen Herbergen. Ab hier ging es fast im Gänsemarsch, aber an den Rucksäcken war zu erkennen, dass hier wieder eine Menge Light-Pilger dabei waren und offenbar auch einige Einheimische, die einfach nur ein Stück wandern wollten. Der Weg war wirklich schön und verlief überwiegend durch urigen Wald, nur ab und zu mal durch kleine Dörfer und noch kleinere Weinberge. Oft sind es nur ein paar Stangen und Drähte, auf denen der Wein ein Dach bildet, wie es bei uns viele über ihren Terrassen haben. Aber hier hängt alles voller roter Weintrauben, die süß sind und sicher einen guten Wein ergeben. An vielen Stellen sind gerade die Leute bei der Weinlese und es ist erstaunlich, welche Mengen sie von den „Weindächern“ holen.

Der Tross der Pilger löste sich langsam auf und nach einer Stunde waren alle Gruppen, Pärchen und Einzelpilger auf exaktem Pinkelverhinderungsabstand von etwa 50 Metern. Das heißt, es war nicht so einfach möglich, mal am Wegesrand ein kleines Geschäft zu erledigen. Man musste schon bis zu den Vorauslaufenden aufschließen (in der Hoffnung, dass die Nachfolgenden nicht in gleichem Tempo folgen), erledigen, was gemacht werden muss, und dann tun, als ob man sich nur die Schnürsenkel zugebunden hat.

Gegen zehn habe ich in einer Bar gefrühstückt. Zehn vor Elf habe ich in einer anderen Bar (bei Kilometer 37,640, wie das Gemälde an der Wand verriet) Thomas im Biergarten und Alex in der Warteschlange entdeckt. Dabei haben die immer drauf gepocht, dass es vor elf kein Bier gibt! Aber vielleicht hat es auch noch so lange gedauert, bis Alex dran war. Ich habe nur schnell in Erfahrung gebracht, dass die Beiden ein Dorf weiter als ich untergekommen waren und dort noch einen langen amüsanten Abend mit Gitarrenmusik hatten. Wir haben uns wieder auf irgendwo unterwegs verabredet und sie hatten mich wirklich bald eingeholt. Da der Weg gut war und kaum Steigungen aufwies, konnte ich das nächste Stück halbwegs mit deren Tempo mithalten.

In Valga haben wir die Iglesia de San Miguel inspiziert, weil da permanent, aber in verschie­denen Tonlagen und uneinheitlichen Abständen die Glocke läutete. Wir dachten, das wäre eine Glocke, an deren Strippe jeder Pilger mal ziehen darf, aber da war keine Strippe und die Kirche war verschlossen. Wir haben uns darauf geeinigt, dass das ein verhindertes Glocken­spiel ist. Wirklich nur um zu ergründen, welche Melodie das sein könnte, haben wir uns in die nächste Bar gesetzt und ein Bier bestellt, damit man uns nicht von den Stühlen jagt.

Ich bin noch mit Alex und Thomas zusammen bis Padron gelaufen, wo die Beiden wie die meisten Pilger bleiben wollten. Die Stadt hat zunächst einen abstoßenden Eindruck gemacht, aber dann fand sich doch am Flussufer eine nette Promenade unter alten Bäumen, wo einige Restaurants ihre Tische und Stühle aufgebaut hatten. Da konnte man schön im Schatten sitzen. Wir hatten aber bereits in einer Bar Abschied genommen, weil ich noch etwa 10 km weiter bis nach O Faramello wollte, um ein Stück näher an Santiago zu sein. Von dort aus könnte ich (wenn mir keiner Berge in den Weg legt) noch vormittags in Santiago sein, meinen Orden abholen, vielleicht das große Weihrauchfass schwingen sehen und am Nachmittag noch irgendein Unternehmen starten. Was genau, weiß ich noch nicht, aber es ist ja auch noch ein Tag hin.

Ich bin also ab Padron allein weitergelaufen. Das ging ziemlich auf gleicher Höhe dahin, mal auf der Straße und mal im Zickzack neben der Straße her. Da war es zwar halbwegs sicher und leise, aber auf die Dauer auch langweilig. Darum bin ich öfter als vorgesehen an der Straße entlang gelaufen, die auf beiden Seiten einen breiten Standstreifen hat, auf dem man halbwegs sicher laufen kann. Ich habe mein schlechtes Gewissen damit getröstet, dass im Mittelalter, als der Autoverkehr noch nicht so stark war, die Pilger sicher immer entlang der Straße gelaufen sind, statt auf sumpfigen Wegen hinter den Grundstücken, wo sie Gefahr liefen, als vermeintliche Einbrecher erschlagen zu werden.

Endlich, nach etwa 34 km in O Faramello angekommen, habe ich gleich die Herberge am Straßenrand entdeckt, eingecheckt und ein frisches Bier bestellt. Als der Wirt beim Bezahlen für das Zimmer 18 statt 8 € haben wollte, bin ich stutzig geworden. Es stellte sich heraus, dass ich noch gar nicht in der ange­peilten kommunalen, sondern in einer privaten Herberge bin. Da habe ich gleich wieder ausgecheckt und bin 800 Meter weiter bis zu der gesuchten gelaufen. Da waren von den 20 Betten noch drei frei. Die nach mir noch übrig gebliebenen Betten hat das Pärchen aus Siebenbürgen bekommen, mit denen ich vorhin noch Essen war. Zsuzsànna und Levente haben übrigens letztens, als sie nach acht zum Essen kamen und sich danach um ein Quartier kümmern wollten, noch was gefunden, aber 10 km weiter privat bei einer Herbergsleiterin, die sie rausgeklingelt haben.

Auch heute ist es wieder spät geworden. Es war schon halb zehn durch, als wir wieder in der Herberge waren, die um zehn schließt. Als wir kamen, hat draußen gerade ein Grüppchen Jugendlicher, das den ganzen Abend an einem veganen Salat geschnippelt hatte, im Jogasitz meditiert. Jetzt wird die Welt bestimmt besser werden.

Tag 9