Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Von O Faramello nach Santiago und weiter nach Ferrol

Tag 10 (Do, 22.9.2022) – Von O Faramello nach Santiago und weiter nach Ferrol

Es ist jetzt kurz nach zwei. Ich bin in Santiago und sitze im Bus nach Ferrol an der Nordküste Galiziens. Ich habe bis zum Rückflug noch ein paar Tage Zeit und will jetzt den Camino Inglés laufen, auf dem früher die Pilger aus England nach Santiago gegangen sind.

Ich bin heute kurz vor sechs aufgewacht - einen Wecker braucht man nicht, es gibt immer jemand, der so früh schon Krach macht. Da ich schon alles bereitgelegt hatte, ging das Fertigmachen schnell und ich war schon viertel sieben in der Spur. Das Stück durch den Ort ging gut, weil es doch einige Laternen gab. Dann ging es in den Wald. Da hat das helle Pflaster auch nichts genutzt, da das ja nur reflektieren kann, was an Licht drauf fällt. Und das ist bei fast Neumond nicht viel. Ich musste also mit der Smartphone-Lampe nach­helfen. Nach einem Stück Ort kam wieder Wald. Da habe ich, um den Akku zu schonen, den parallel zum Camino verlaufenden Weg durch eine Siedlung gewählt, weil dort Laternen waren. Als der Weg zu Ende war, bin ich auf die beleuchtete, aber auch sehr stark befahrene Fern­straße gewechselt. Da war es zwar ätzend laut, weil ein Auto hinter dem anderen fuhr. Aber da es einen breiten Randstreifen gab, konnte man halbwegs sicher laufen.

Ich war schon kurz nach zehn im Pilgerzentrum in Santiago und bekam die Nummer 133. Da nur noch etwa 20 Leute vor mir warteten und 16 Schalter besetzt waren, ging es schnell und ich hatte schon nach 10 Minuten meine Compostela in der Hand.

In der Kapelle des Pilgerzentrums gab es um 10.30 Uhr einen englischen Pilgergottesdienst. Da fehlten nur noch fünf Minuten, darum habe ich mich mit rein gesetzt. Gehalten hat den Gottesdienst ein sehr netter philippinischer Franziskaner-Pater. Zum Anfang haben sich die etwa dreißig Pilger kurz vorgestellt und gesagt, von wo sie gelaufen sind. Der große Mehrzahl war Amerikaner, dann noch ein paar Engländer und Paare aus Australien und Neuseeland. Ich war der einzige Deutsche. Von der Predigt über „Connections“ habe ich nicht viel verstanden. Sie muss aber witzig gewesen sein, da laufend gelacht wurde. Der Pater hat damit begonnen, dass alle Pilger, egal woher sie kommen, in der Herberge als Erstes nach WiFi fragen. Am Schluss hat er noch Reklame dafür gemacht, dass man sich in der nahen Franziskanerkirche noch eine spezielle Pilgerurkunde holen kann. Das habe ich natürlich gemacht, aber mir vorher schon ein Busticket für 14 Uhr geholt. Dann habe ich noch schnell was gegessen (wieder mal „Piementos de Padron“) und versucht, in die Kathedrale zu kommen, was aber an meinem Rucksack gescheitert ist. Egal.

Ich bin schon mal los zum Busbahnhof, obwohl noch eine Stunde Zeit war und angeblich nur 25 Minuten nötig waren. Ich habe die Zeit aber fast gebraucht, weil jüngst der Busbahnhof auf die andere Seite der Eisenbahnstation verlegt wurde, was der Routenplaner noch nicht wusste. Ich bin auf der nunmehr falschen Seite des Bahnhofs, wo eine große Baustelle ist, immer auf und ab gelaufen, bis mir jemand sagte, dass ich über die Fußgängerbrücke auf die andere Seite des Bahnhofs muss. Ich habe den Bus gefunden und genieße jetzt die Fahrt ans Meer.

15.30 Uhr. Ich bin in Ferrol angekommen. Es war eine tolle Busfahrt auf der Autobahn über elegante Brücken und durch diverse Tunnel und zwischendurch ein Stück an der Küste entlang. Da gab es grandiose Blicke, zum Beispiel über die Bucht nach A Coruna, einem alternativen Startpunkt des Camino Inglés.

Leider hatte ich mir nicht vorher genau angeschaut, wo die Herbergen der Stadt liegen. Eine Herberge auf Spendenbasis, die ich favorisiert hatte, liegt nämlich noch vor dem Stadt­zentrum, da hätte ich früher aussteigen müssen. Vom Busbahnhof dort hin zu laufen und dann, wenn sie belegt ist, wieder zurück, schien mir nicht geraten. Also habe ich die zweite auf der Liste gewählt, die nicht weit vom Busbahnhof entfernt ist und ziemlich im Zentrum liegt, das Hostal La Frontera, wo es Einzelzimmer für 18 € gibt. Kurz vor vier stand ich vor dem Hostel - zu. Um zu erfahren, wie man reinkommt, habe ich Booking.com aufgerufen und erfahren, dass hier Checkin ab 16 Uhr ist und dass nur noch ein Zimmer frei ist. Das habe ich vorsichtshalber schnell reserviert. Kurz nach vier kam dann auch jemand und schloss auf. Das Zimmer ist ein sehr ordentliches Einzelzimmer mit eigenem Bad. Außerdem Schrank, Tisch und Fernseher - bislang unbekannter Luxus. Außerdem Handtücher, Duschbad (neu, nicht liegengeblieben) und sogar eine ebenfalls noch nicht benutzte Zahnbürste. Das einzige Manko: das Zimmer hat kein Fenster. Mal sehen, wie ich damit klar­komme. Manche ver­bringen ganze Seereisen so. Je nach dem, wann ich keine Luft mehr bekomme, werde ich morgen aufbrechen, spätestens um sieben.

Morgen will ich nach Pontedeume. Der offizielle Weg, der um die ganze Bucht führt, ist fast dreißig Kilometer lang. Es gibt aber zwei Brücken über die Bucht, über die man abkürzen kann. Nimmt man gleich die erste, sind es nur gut 20 km, bei der zweiten Brücke liegt man dazwischen. Ich werde über eine Abkürzung entscheiden, wenn ich an der ersten Brücke angekommen bin. Zwei Mädels, die ich heute im Touristenoffice bzw. an einer verschlos­senen Kirche kennengelernt habe, Gabriela aus Tschechien und eine Spanierin, wollen die große Runde nehmen. Na mal sehen. Beide laufen zum ersten Mal einen Camino und haben sich den kurzen Camino Inglés als Trainingsstrecke ausgesucht. Wir werden uns sicher noch öfter über den Weg laufen.

So viele Ausweichmöglichkeiten gibt es nicht und die Etappen sind mehr oder weniger vor­gegeben. Im Abstand von ca. 25 km sind das Ferrol - Pontedeume - Betanzos - Hospital de Bruma - Sigüeiro - Santiago. Die dritte Etappe ist wohl die schlimmste, weil es da auf 460 m hoch geht. Aber da oben ist ja das Hospital … Ich bin gespannt.

Tag 10