Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Von Ferrol nach Pontedeume

Tag 11 (Fr, 23.9.2022) – Von Ferrol nach Pontedeume

Ich habe in Ferrol im Hostel wunderbar geschlafen und bin nur durch den auf halb sieben gestellten Wecker wach geworden. Es war schön, weder durch Schnarchen, noch durch frühzeitiges Einpacken unter Benutzung von Flak-Scheinwerfern wach zu werden. Die Tür hatte ich zwecks Lüftung ein Stück offen gelassen und mit dem Seifenstück verkeilt. Für eventuelle Besucher hatte ich innen die Wasserflasche auf die Türklinke gelegt. Es kam aber keiner. In der Nacht ist es dann noch etwas kalt geworden und nun stellte sich die Frage, wie man sich zudecken soll. Dafür blieb nur das, was man bei uns Tagesdecke nennt. Dafür gab es aber keinen Bezug. Da fing das Grübeln an, wer denn hier in den letzten Wochen geschlafen hat. Leider lag im Zimmer kein Gästebuch aus.

Es ist 16.00 Uhr. Ich sitze in Pontedeume vor dem Touristenoffice, um mich dort um ein Bett für die gleich nebenan befindliche Herberge zu bewerben. Die Chancen stehen gut. Laut Anschlag sind noch 11 der 20 Betten frei und ich bin bisher der Einzige vor der Tür. Um 16.30 Uhr öffnet das Office. Ich habe meinen Rucksack in Pool Position platziert und mir erstmal in einer nahe gelegenen Kaschemme was zu Trinken besorgt, womit ich gerade auf einer ausgetretenen Steintreppe am Torreón dos Andrade beschäftigt bin. Die drei Bars in Sichtweite dieses mittelalterlichen Wohnturmes, in dem sich das Touristenoffice befindet, haben leider noch Mittagspause. Die Herberge nebenan soll sehr urig sein, hat mir gerade ein Holländer erzählt, der schon eingecheckt hat. Nichts als Betten, Klo‘s und Duschen. Mehr hätte ich eigentlich für 5 € auch nicht erwartet.

Jetzt ist es 19 Uhr. Ich habe mein Quartier bezogen. Das ist wirklich einfach, aber sehr ordentlich. In einer großen flachen Halle mit überdachtem Umgang, die bestimmt schon ein paar hundert Jahre steht, aber ein ganz neues Dach bekommen hat, sind auf der einen Seite alle paar Meter Türen. Hinter einer verbirgt sich die Herberge, ein großer Saal mit Empore, in dem 10 Doppelstock­betten verteilt sind. Auf der Rückseite sind zweimal Klo und Dusche. Wie gesagt, für eine Nacht völlig ausreichend. Alles neu und sauber. Wer mehr Komfort will, findet hier einige Alternativen.

Inzwischen bin ich mit meinem Stadtrundgang halbwegs fertig. Ich bin völlig überrascht, wie viele Gassen sich in dieser 8000-Einwohnerstadt finden und wie viele Kneipen. Ich bin bestimmt an 20 offenen vorbeigelaufen. Etwa so viele sind (noch) zu. Da, wo ich gerade auf der Terrasse gesessen habe, bin ich geflüchtet, weil eine Familie kam, deren Jüngster seine zwei mitgebrachten Saurier so lautstark imitierte, dass ich meinte, ein ganzes Rudel Saurier stürmt auf mich zu. Ich habe inzwischen bei verschiedenen Restaurants die Speisekarten studiert, immer in der Hoffnung, Paella zu finden. Aber die scheint nur am Mittelmeer Mode zu sein. Hier gibt es überall Pulpo, längs, quer und schräg geschnitten. Natürlich noch ein paar andere Sachen, für die man aber immer das Über­setzungsprogramm zücken muss. Jetzt hatte ich gerade eine Kneipe gefunden, die verschiedene Menüs mit identifizierbaren Zutaten im Angebot hat - ab 20 Uhr. Bis dahin drehe ich noch eine Runde oder schau woanders rein.

Zum heutigen Tag sei gesagt, dass der wie erwartet schön und abwechslungs­reich war. Ich bin um sieben los. Da war es noch dunkel, aber in der Stadt macht das nichts. Der Weg führte auf gut beleuchteten Straßen immer an der Hafen­mauer entlang durch Ferrol. Da auf dem Hafengelände auch Militär stationiert ist und sich dort eine Marineschule befindet, kommt man nicht rauf. An der Beleuchtung war aber zu sehen, dass da morgens schon eifrig gearbeitet wird.

Da, wo der Weg direkt am Ufer entlang läuft, bin ich auf der parallel ver­laufenden Straße geblieben, um nicht im Dunkeln auf die Nase zu fallen. Bald war die erste Abkürzungs­möglichkeit über die Brücke einer Fernstraße erreicht. Die habe ich aber ignoriert, auch den Fußweg entlang einer Eisenbahnbrücke eine Stunde später. Ich bin also eisern geblieben und habe die Etappe in voller Länge absolviert, also komplett um die Meeresbucht Ria de Ferrol herum. Landschaftlich hat sich das gelohnt. Allerdings war gerade nicht viel Wasser in der Bucht, vermutlich war Ebbe.

Punkt 10.00 Uhr war ich am Camino-Kilometerstein 100,000 km. Das passt. Kurz vorher bin ich auf das spanische Mädel getroffen, das am Vorabend um die verschlossene Konkathedrale in Ferrol geschlichen ist. Besser gesagt ist sie auf mich getroffen, denn sie ist erst halb acht gestartet und hat mich hier bereits eingeholt. Ihren Namen musste ich mir ins Smartphone tippen lassen, den hätte ich nicht schreiben können: Ainhoa. Ich bin ein Stück mit ihr gelaufen. Dann hat sie eine Pause auf einer herrlich in einem Park am Wasser gelegenen Bank machen wollen, während mich der Hunger in eine Bar getrieben hat, in der es was zu essen gibt. Die fand sich zum Glück bald am äußersten Ende der Bucht, an der Brücke über den Rio Grande de Xubia. Der Wirt hat mir ein leckeres Sandwich (damit ist hier ein kurzes, breites Baguette gemeint) gemacht, mit Schinken und Käse und das Ganze kurz in den Ofen. Lecker. Derweil hat mich der Wirt mit einem Pilgerbier verwöhnt: Estrella del Camino, einem Witbier. Ich musste erstmal googeln, was das ist: ein Weizenbier mit ein paar Gewürzen drin. Auf dem Etikett und auf dem zugehörigen Glas ist auch erklärt, woher die Zutaten kommen. Ich bin kein Weizen- oder Weißbierfan, aber das hat mir geschmeckt. Vielleicht auch nur des Namens wegen.

Der Weg ging nach einer Weile ein bisschen von der Küste weg, was hier heißt, dass es in die Berge ging. Ich bin den ausgeschilderten Weg gelaufen, der jetzt mitunter deutlich von dem abwich, den die heruntergeladene GPS-Route vorgibt, insbesondere bei den Autobahn-Querungen. Der Weg führt öfter mal unter der Autobahn hinweg und ich konnte die imposanten Bauwerke bewundern, die ich am Tag zuvor bei der Fahrt darüber hinweg bestaunt habe.

Um halb vier war ich dann da, wo eine lange, alte Steinbrücke über die Eume führt, die hier in die Bucht mündet. Ponte (Brücke) und Eume haben der am anderen Ufer liegenden Stadt ihren Namen „Pontedeume“ gegeben. Das ist die galizische Schreibweise. Wenn auf den Straßenschildern die spanische Variante „Puentedeume“ erscheint, wird das von den Galiziern schnell mit einem dicken Edding korrigiert.

Beim Schreiben der letzten Zeilen war hinter mir erneut Kinderlärm zu hören. Draußen auf der Terrasse feierte offenbar eine Gruppe 6- bis 8-Jähriger mit ihren Eltern Geburtstag und es war gerade ein Spiel dran. Ärgerlicher war, dass es inzwischen angefangen hatte zu regnen. Da habe ich den Plan aufgegeben, zurück zu der Gaststätte mit dem 20-Uhr-Menü zu laufen. Stattdessen habe ich mich in Richtung Herberge bewegt und bin unterwegs in einer Dönerbude eingekehrt. Man kann ja mal testen, wie anderswo Döner schmeckt. Ehrlich gesagt: bei uns sind sie leckerer. Aber die Darreichungsform war besser: halb auseinander­geklappt in einem Schälchen, da komme selbst ich ohne Kleckern ziemlich weit. Allerdings entsprach die Soße keiner der bei uns üblichen Geschmacksrichtungen. Aber ich war froh, dass ich nicht gefragt wurde, welche Soße ich haben will. Die gleiche Soße, eine Art Majonäse gab es dann leider auch zu den Pommes.

In der Dönerbude waren etwa zehn 12-Jährige, die über ein paar Smartphones gebeugt saßen und Pommes knabbernd das Dargebotene kommentierten.

Die Gruppe der 14- bis 16- jährigen stand fein rausgeputzt schon um halb sieben in einer langen Schlange an einer Disko an. An Jugend mangelt es hier also nicht und die Kneiper können froh sein, dass Kundschaft nachwächst.

Dem direkt neben der Herberge gelegenen Kneiper habe ich (da es in der Dönerbude nur Brause gab) auf dem Heimweg noch ein Estrella de Navidad, ein dunkles Lagerbier, abgenommen. Das ist der perfekte Tagesabschluss!

Tag 11