Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Von Pontedeume nach Betanzos

Tag 12 (Sa, 24.9.2022) – Von Pontedeume nach Betanzos

14.00 Uhr. Ich sitze in Betanzos schräg gegenüber der Herberge auf einer der Bänke am Straßenrand. Zwischen den Bänken stehen halbierte Weinfässer als Tische. Auf beiden Seiten der Straße ist ein Geschäft, auf der einen Seite ein Käseladen und auf der anderen ein Weinladen, die offenbar zusammen gehören. In beiden Geschäften sind auch innen ein paar Sitzplätze. Und man kann sich in beiden ein Bier bestellen. Die Bedienung läuft ggf. auf die andere Straßenseite, um es dort aus dem Kühlschrank zu holen. Wenn man nichts an­deres bestellt, kommt hier überall Flaschenbier, das gleiche gibt es aber auch aus dem Zapf­hahn, welchen man sogar im Weinladen findet. Die Tische innen und außen sind gut besetzt, draußen laufen zwei niedliche Hunde, die einem der Gäste gehören, umher und betteln an jedem Tisch um ein Stück der Salami, die hier als Häppchen zum Bier gereicht wird.

So zeitig wie heute habe ich noch nie eingecheckt. Ich wäre gut noch etwas gelaufen, aber zwischen hier und dem nächsten, 25 km entfernten Etappenziel Bruma gibt es keine Herberge. Ich werde gleich zu einer Besichtigung der sehr interessanten Stadt aufbrechen. Dem ersten Anschein nach wurde sie auf einen kegelförmigen Berg gebaut und sicher mal von einer Stadtmauer umgeben, die jetzt überbaut ist. Die Gassen sind allesamt urig und führen vom Zentrum bergab. Zumindest jene, in der ich sitze, stößt unten auf ein Tor.

Ich muss hier noch ein paar Minuten warten, bis der Wäschetrockner fertig ist. Ich hatte was zu waschen und habe unter den gerade Angekommenen noch ein paar mit gleichem Anliegen zusammengetrommelt. Ein Mädel hat sich ange­boten, nach 40 Minuten die Wäsche aus der Waschmaschine in den Trockner zu befördern und ich habe versprochen, die Wäsche nach vermutlich weiteren 40 Minuten rauszuholen. Die Kosten für Waschmaschine (3 €) und Trockner (2 €) haben wir uns geteilt, das macht für jeden 1 €. Dafür muss man sich nicht die Mühe einer Handwäsche machen, zumal beim heutigen Wetter die Luft­trocknung lange dauern wird.

15.15 Uhr. Ich war gerade nachschauen, was der Trockner macht. Der läuft noch eine Weile. Gut für den Wirt in der Kneipe gegenüber der Kirche. Da gab es gerade eine Hochzeit. Ein alter Bentley oder etwas in der Art kam gerade mit dem Brautpaar eine der engen Gassen runter. Vor der Kirche fegt noch Einer das Konfetti zusammen und der Pfarrer ist in der Kneipe gegenüber ver­schwunden. Ich bin ihm einfach gefolgt. Das kann ja kein sündhafter Ort sein.

Ich sitze hier gemütlich in der Gaststätte auf einer Ledercouch und habe auf der Holzkiste vor mir ein 1906er zu stehen, ein „Reserva Especial“ aus dem Hahn, das gut schmeckt, aber auch ziemlich gehaltvoll ist. Davon kann man nur zwischendurch mal eins trinken.

16.00 Uhr. Der Wäsche-Job ist erledigt. Die Wäsche ist so trocken, dass man sie gleich anziehen könnte. Ich habe mich beim letzten Camino zur Anschaffung eines Waschnetzes inspirieren lassen. Darin kann man seine Dreckwäsche sammeln und wenn man sich die Maschine mit anderen teilt, hat man nicht das Problem, nach dem Waschen die Wäsche zu sortieren. Soweit die Theorie. Eine der Höllenmaschinen hat sich offenbar in einer solchen Geschwindigkeit gedreht, dass der Reißverschluss des Wäschenetzes aufgegangen und die Wäsche rausgeflogen ist. Nun musste ich also meine Wäsche aus jener der beteiligten Damen heraussuchen, was mehr oder weniger Spaß gemacht hat, da nicht alle an der Wäsche beteiligten Damen jugendlich waren.

Ich habe heute ein paar nette Leute kennengelernt und ein paar bekannte wiedergetroffen. Ein Treffpunkt war der von einer netten Spanierin betriebene Pilgertreff in dem kleinen Ort Ponte de Baixoi. Das war ein Platz mit über­dachten Tischen, einem Souvenirstand und einem kleinen, sehr liebevoll ausgestatteten Häuschen, in dem die Wirtin anbot, was des Pilgers Herz oder Magen verlangt. Ich habe mir aus fertigen Schnittchen, einem Ei und einem Café con leche ein schönes Frühstück zusammengestellt. Neben mir saßen drei Iren aus Tullamore, was Whiskey-Trinkern ein Begriff sein dürfte. Befragt nach eigenen Pilger­wegen erzählten sie, dass nur 5 km von ihrem Heimatort entfernt ein Wallfahrtsort sei. Der Name sagte mir aber nichts. Natürlich kannten sie St. Colomb, der vor 1300 Jahren von Irland durch Frankreich und die Schweiz nach Italien gezogen ist und auf dem Weg einige Klöster gegründet hat. Über den habe ich gerade einen Vortrag gehört.

Zu mir setzte sich Scarlett aus London, die in Madrid lebt. Gabriela, die ich schon in Ferrol kennengelernt hatte, saß bereits in der Sonne vor einer Zeichnung des Pilgerweges. Zusammen mit Mary aus den USA haben sie sich dann dort zu einem Foto platziert. Kurz darauf traf ich auf einen Holländer, der mit drei anderen Pilgern unterwegs war. Der spricht zwar kaum Deutsch, aber ein Englisch, das ich verstehe. Er heißt Jakobus, ist Anfang siebzig und stammt aus der Gegend von Nimwegen, lebt jetzt aber bei Rotterdam. Den Namen, der ihn schon vor einiger Zeit auf den Jakobsweg gelockt hat, hat ihm seine Großmutter bei der Taufe gegeben, in Erinnerung an den verstorben Großvater. Seiner Schwester hat das aber nicht gefallen, weshalb er immer (englisch) „George“ genannt wurde, so wie der Freund der Schwester hieß. Er ist jetzt Rentner, vorher war er Bäcker. Beim Militär war er als Koch bei der Artillerie auch mal in Deutschland, bei einem Manöver in der Lüneburger Heide.

Zusammen haben wir zwei urige Typen kennengelernt: Philippe aus Brasilien und José aus Spanien. Letzterer ist in fast authentischer Pilgerkluft mit zwei großen Hunden unterwegs nach Santiago und weiter nach Rom und Jerusalem. Als es dann unerwartet etwas zu regnen anfing, haben wir uns in einem Dorf unter eine überdachte Tribüne geflüchtet, die dort auf den Dorfplatz stand. Dabei habe ich zwei Herren aus Köln kennengelernt, kurz vor dem Ziel zwei Frauen aus der Gegend von Dortmund. Letztere sind auch in der hiesigen Herberge und kamen gerade ganz verwundert von ihrem Rundgang zurück. Alle Geschäfte, die sie gefunden hatten, sind zu. Na, spätestens um sechs wird sich das ändern, bestimmt auch am Wochenende.

Um mir meinen Hunger für später aufzusparen habe ich mir jetzt nur eine Kleinigkeit gesucht. An einer kleinen Jamoneria, das heißt einem Laden, in dem die Schinken von der Decke hängen, habe ich mir das großartig angepriesene „Bocadillo Iberico“ für 4,50 € bestellt. Was kam, war ein Baguette mit leckerem Schinken belegt. Das hat gut geschmeckt, aber irgendwie hatte ich mir da was anderes drunter vorgestellt. Ich habe noch nicht raus­bekommen, wie die leckeren Speisen heißen, die hier vor meiner Nase über die Terrasse getragen wurden. Hinter mir ist laufend ein Knallen zu hören. Da spielen ein paar Männer Domino und nach mir unbekannten Regeln wird da immer mal ein Stein lautstark auf den Tisch geknallt. Jetzt kommt die Sonne wieder raus, da werde ich noch eine Runde drehen. Bis dann!

Tag 12