Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Von Betanzos nach Hospital de Bruma

Tag 13 (So, 25.9.2022) – Von Betanzos nach Hospital de Bruma

Gestern Abend wollte ich mal wieder in der Herberge essen und habe mich in einem Supermarkt mit allem Möglichen eingedeckt, auch für das Frühstück. Zum Abendbrot hatte ich eine Pizza im Einkaufsbeutel, denn in der Herberge stand eine Mikrowelle. Das war aber auch alles, keine Teller und kein Besteck. Als Teller musste also die Pizzaverpackung herhalten und zum Schneiden hatte ich ein Plastemesser aus irgendeiner Dönerbude dabei. In einem Schubfach fanden sich noch ein Becher und ein paar Löffel. Den Joghurt habe ich mit einem der Löffel problemlos in den Mund bekommen und der Becher war bei der Milch sehr hilfreich. Da es keinen Kühlschrank und auch keine richtige Abstellmöglichkeit für Lebensmittel gab, habe ich den Liter Milch gleich ausgetrunken. Danach war mir so übel, als hätte ich die doppelte Menge Bier getrunken. Vielleicht ein Zuckerschock, denn es sind ja fast 10 Stück Zucker im Liter Milch. Meinen abendlichen Spaziergang habe ich deshalb abgekürzt und mich zeitig ins Bett begeben. Geschlafen habe ich prima, halb sieben hat mich das Gewusel ringsum geweckt.

In Betanzos war wie in den zuvor besuchten Orten am frühen Morgen alles aufgeräumt und sauber gemacht. Noch im Ort konnte ich heute Morgen einer Engländerin beim Suchen ihrer Brille behilflich sein. Sie hat sie dann aber selbst gefunden, als die den Weg noch einmal zurückgegangen und dann erneut in der ursprünglichen Richtung gegangen ist. In der Stadt war am Sonntagmorgen um sieben mächtig was los. Überall lungerten Gruppen von Jugend­lichen herum, die gerade aus einer Diskothek kamen, manchmal war auch ein Polizeiwagen dazwischen, weil es irgendwelchen Zwist gab. Ich hätte gern in einer der schon geöffneten Bars einen Kaffee getrunken, aber das Publikum war mir dann doch etwas unheimlich und vor allem zu laut.

Da Betanzos auf einem Hügel liegt, ging es zunächst bergab und, wie man sich denken kann, dahinter gleich wieder ordentlich bergauf. Durch den Regen am Vortag hatte es sich deutlich abgekühlt. Es waren nur noch 10 Grad und gelegentlich kamen auch ein paar Tropfen runter, gerade so viel, dass ich mehrmals die Jacke an- und ausziehen musste.

Den ganzen Tag über ging es nur selten durch Ortschaften. Um zehn gab es erstmals die Möglichkeit, einen Kaffee zu trinken. Zwei Stunden später, in Meangos fand sich erst die nächste, Xente no Camino. Diese Gaststätte, ein frei stehendes Haus, war zugleich Museum. Außen und innen hingen lauter Bilder galizischer Adliger, im Schankraum stand zudem eine Ritterrüstung und in Vitrinen lag allerlei Zeug herum. Dort habe ich Justo, einen Spanier aus der Nähe von Zaragossa wiedergetroffen, der letzte Nacht neben mir geschlafen hat. Der hat sich von der Wirtin durchs Museum führen lassen und mir dann das Wichtigste übersetzt: Besitzer des Hauses ist ein Professor für mittelalterliche Geschichte Galiziens, der sämtliche galizischen Adelsfamilien kennt und die Bilder alle selbst gemalt hat.

Auf dem Weg habe ich einen nicht alltäglichen Fund gemacht: ein Gebiss. Das lag am Wegesrand und ich habe es dort liegen lassen. 500 Meter weiter kam mir eine Deutsche entgegen und erklärte mir mit schwer verständlicher Stimme, dass sie etwas Verlorenes sucht. Worum es ging, brauchte sie nicht sagen – ich konnte sie trösten, dass sie das Vermisste gleich finden wird.

Danach gab es nur noch eine Kneipe, kurz vorm Ziel gelegen, aber die habe ich aus­gelassen, um schneller in Bruma zu sein und dort ein Bett zu bekommen. Laut Pilger-App gibt es dort nur eine Herberge mit 23 Betten. Etwa so viele waren wir bisher immer in der Herberge, dazu aber noch einige in anderen Quartieren. Nun kam noch erschwerend hinzu, dass der andere, aus A Coruna kommende Zweig des Camino Inglés kurz vor Bruma auf „meinen“ Weg trifft und nicht abzuschätzen war, wie viele dort laufen. Es war also Eile angesagt und ich habe tatsächlich auf den letzten Kilometern noch ein paar Pilger überholen können, aber auch nur, da es anders als erwartet keine steilen Aufstiege mehr gab. Tat­sächlich hatte die kommunale 8-Euro-Herberge in Hospital de Bruma nur 21 Betten, von denen ich Nummer 17 bekommen habe. Da war also nicht mehr viel Luft. Allerdings fand sich in Ort unerwartet noch eine zweite, ganz neue 20-Euro-Herberge, in der ich in meiner Eile beinahe eingecheckt hätte.

Die kommunale Herberge besteht aus einem alten Gebäudeteil, der sogar über einen Backofen verfügt und jetzt als Küche und Aufenthaltsraum dient. Daran angebaut ist ein Schlafsaal mit Empore. Die Bäder befinden sich auf der anderen Seite eines kleinen Innenhofes. Der Weg dorthin ist allerdings überdacht. 50 Meter entfernt ist die einzige Gast­stätte des Ortes. Die ist recht groß und war mächtig voll, als ich kam. Im eigentlichen Gastraum saß die halbe Herbergs­besatzung und in zwei angrenzenden Sälen fanden Familienfeiern statt. Dadurch war es mächtig laut und es war nur ein Platz im Hof zu empfehlen, wo es einem allerdings ohne Pullover und Jacke schnell kalt werden konnte.

Da habe ich mit meinem Bettnachbarn Mario aus Wien gesessen, der gerade mehrere Caminos hintereinander läuft und jetzt beim sechsten ist, wenn ich mir alle gemerkt habe. Er hat am 13. Juni angefangen und ist jetzt mit nur einer Unterbrechung wegen eines Familien­besuchs seit 103 Tagen unterwegs. Angefangen hat er am Atlantik in Finisterre. Von Santiago ist er dann auf dem Camino Francés in „falscher“ Richtung in die Pyrenäen und auf dem Camino del Norte entlang der Küste zurück nach Santiago. Danach den Camino Portugues rückwärts bis Porto, mit dem Bus nach Sevilla und von dort auf der Via de la Plata wieder nach Santiago. Jetzt läuft er den Camino Inglés rückwärts nach Ferrol und anschließend will er noch den Camino Primitivo machen, der wegen seiner Berge gefürchtet wird. Neben seinem normalen Gepäck hat er noch eine Gitarre dabei!

Ich bin nach diesem Plausch erstmal zurück in die Herberge, um das Smartphone aufzu­laden, was überzuziehen und einen Moment die Beine hochzulegen. In der Herberge bin ich wieder auf die beiden nicht mehr ganz jungen und auch nicht übermäßig schlanken Damen aus Hagen getroffen, die schon mit in der vorherigen Herberge waren und dort erzählten, dass sie immer so 15 km am Tag laufen. Umso erstaunter war ich, sie hier zu treffen. Ein Taxi zur Überbrückung der ersten, steilen Kilometer hat es ermöglicht. Zusammen sind wir dann bald zum Essen ins Restaurant, da dort um 20 Uhr Küchenschluss ist. Zum 12-Euro-Pilgermenü, bestehend aus einer leckeren Gemüsesuppe (Kartoffeln und Spinat) und Schweinefleisch mit den hier so großartig zu­bereiteten Kartoffeln habe ich mir mal statt Bier Rotwein kommen lassen, um auch auf dieser Tour wenigstens einmal Vino Tinto getrunken zu haben. Für zwei Personen gibt es immer eine Flasche zum Menü. Die beiden Damen hatten zusammen eine und bei mir wusste der Kellner nicht, wie er die Flasche halbieren sollte. (Beim Bezahlen wollte mir die Dame am Tresen eine ganze Flasche berechnen. Nach meiner Reklamation, dass doch eine halbe zum Menü gehört, hat sie den Wein ganz von der Rechnung genommen.) Mario, der später dazukam, bekam auch eine ganze Flasche zum Menü. Wir hatten also reichlich „Stoff“ auf dem Tisch, nicht nur viel Gesprächsstoff. Gisela hat mir von Ihrer Familie erzählt. Ihr Mann, ein Italiener, ist schon verstorben, aber ihre vier Töchter haben ihre Kinder so genannt, dass dessen Name irgendwie vorkommt. Ihr Sohn, den sie sich so gewünscht hat, ist vor gar nicht langer Zeit mit 37 binnen drei Stunden an einer unentdeckten Infektion gestorben. Da standen ihr beim Erzählen natürlich die Tränen in den Augen. Barbara, deren Vater aus Köpenick stammt, hat sich als Fontane-Liebhaberin zu erkennen gegeben. Demnächst will sie mal im Berliner Umland auf Fontanes Spuren wandern.

Es war ein interessanter Abend, aber der Vino Tinto hat schnell seine Wirkung gezeigt und mich gleich einschlafen lassen, kaum dass ich mich um acht hingelegt habe. Entsprechend zeitig war ich wach und an ein Wiedereinschlafen war nicht zu denken, da Gisela im Nachbarbett oben gesägt hat, was das Zeug hält. Mario im Bett darunter war schon mit seiner Matratze in die Küche gezogen. Dank der erzwungenen Wachphase konnte ich aber wenigstens den vorliegenden Bericht verfassen.

P.S. Die beiden Damen sind ein eingespieltes Team. Gerade hat Gisela mal aufgehört zu schnarchen, da hat Barbara über mir angefangen. Inzwischen findet Synchronschnarchen statt.

Tag 13