Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Von Hospital de Bruma nach Sigüeiro

Tag 14 (Mo, 26.9.2022) – Von Hospital de Bruma nach Sigüeiro

Heute ist der letzte Abend in Spanien. Ich bin in Sigüeiro, 16 km vor Santiago. Ich will morgen zeitig aufbrechen, damit ich 10…11 Uhr in Santiago bin, mir meinen Orden (Urkunde) holen und dann gemütlich mit dem Bus zum Flughafen fahren kann. Der Ort hier besteht touristisch gesehen aus nicht viel mehr als einer großen Kreuzung. Auf der Hauptstraße und in den Nebenstraßen sind Unmengen Kneipen und drei Supermärkte, die aber am Nachmittag fast alle zu sind und später nochmal aufmachen. Angeschlagene Öffnungszeiten sind hier selten. Aus dem einzigen offenen Supermarkt habe ich mir verschiedene Speisen und Getränke geholt, die geeignet sind, mir einen schönen Abend zu bereiten. Ich habe irgendwie keine Lust, hier abends durch die Kneipen zu ziehen. Meine Herberge ist gemütlich und hat eine Küche. Da habe ich mir gerade eine Nudelsuppe bereitet, jetzt sind Tomaten, eingelegte Paprika und Oliven auf dem Tisch, später schiebe ich mir noch eine Pizza in den Ofen oder in die Mikrowelle.

Ich habe hier in Sigüeiro gleich die erste der vier von der App ausgewiesenen Herbergen genommen und eine gute Wahl getroffen. Für 15 € ein Bett im 6er-Zimmer mit Bettzeug, Handtüchern, Duschbad, eigener Steckdose usw. Und für das kostenlose Frühstück stehen hier schon alle möglichen Sachen auf dem Tisch. Ich habe mich gleich vergewissert, dass ich hier auch morgen früh um sechs rauskomme, weil in der App „Auschecken 7 bis 10 Uhr“ stand. Das ist Blödsinn. Man kommt hier jederzeit raus und ggf. mit einem Code wieder rein.

Mit verschlossenen Türen fing das nämlich heute an. Trotz des Schnarchens bin ich gegen fünf wieder eingeschlafen und dann halb sieben durch das Gerammel und Gewusel der schon einpackenden Pilger aus dem Tiefschlaf geholt worden. Ich hab dann auch die übliche Morgenprozedur durchgezogen und war um sieben abmarschbereit. Aber die Tür zum Gehöft war verschlossen. Ein paar Frühaufsteher saßen schon meckernd im Aufenthaltsraum und warteten darauf, dass die Herbergsmutter oder sonst jemand kommt und die Tür aufschließt. Da wollte ich mich noch einreihen. Mit meinem im Osten erworbenen Freiheits­drang bin ich durchs Fenster raus. Da musste man sich nicht mal anstrengen, da die Brüstung nur etwa 70 cm hoch war. In der Hoffnung, dass ich beim Zähl­appell nicht vermisst werde, habe ich mich im Dunkeln auf den Weg gemacht. Da war öfter mal die Lampe des Smartphones gefragt, vor allem, wenn Autos entgegen kamen.

Meine Mitbewohner müssen wohl Hemmungen gehabt haben, mir zu folgen, denn über eine Stunde war hinter mir keiner zu sehen. In der ersten Gaststätte nach ca. 10 km habe ich gefrühstückt: Café con leche und ein schönes Toastbrot mit Butter, die man hier selten mal auf dem Brot hat. Um zehn, also drei Stunden nach der Flucht bin ich in einer Bar auf die ersten Flüchtlinge aus meiner Herberge gestoßen. Vier hatten mich wohl beim Frühstück überholt und haben jetzt selbst was gegessen, ein paar andere kamen gerade an. Die erzählten, dass sie auch alle durchs Fenster sind. Barbara und Gisela, die Dank Taxi für die halbe Strecke auch bis hier nach Sigüeiro gekommen sind, erzählten, dass sie sich viertel nach acht ebenfalls aufgerafft haben und durch das Fenster geklettert sind. Der Witz daran ist, dass an der Rezeption steht, dass man bis acht ausgecheckt haben muss. Da hat wohl jemand einfach verpennt.

Zum heutigen Tag ist ansonsten nicht viel zu erzählen. Der Weg war wie auf den anderen Etappen sehr abwechslungsreich. Mal ging es durch den Wald, mal entlang von Maisfeldern, dann mal wieder auf der Straße. Alles ohne über­mäßige Steigungen. Da konnte man so einfach vor sich hinlaufen. Der Rucksack hat nicht gedrückt, mitunter habe ich hinter mich gegriffen, ob ich ihn auch nicht irgendwo vergessen habe. In einem Dorf gleich hinter Bruma standen lauter Skulpturen und sogenannte Kunstwerke aus Stahl rum. Da war es noch dunkel und die Installationen sahen ziemlich gespenstig aus. Kläffende Hunde gab es wieder reichlich, die meisten haben sich aber gleich ängstlich zurück­gezogen, wenn man auf sie zugelaufen ist und Buh gemacht hat. Auf einer Wiese war ein Ehepaar dabei, Heu zu machen. Er hat einen zweirädrigen Mäher vor sich her geschoben und Sie hat das geschnittene Gras zusammengeharkt. Das waren fleißige Leute und es sah fast aus, als würde ihnen das Spaß machen.

Vor meinem Tagesziel habe ich wieder einen Schritt zugelegt und sogar noch ein paar Schlafstellenkonkurrenten überholt, aber das war offenbar nicht nötig. Es gibt hier laut App vier Herbergen mit 10…20 Betten und Preisen um 15 €. Ich habe es gleich in der ersten versucht, wo zwar viel reserviert, aber immer noch was frei war. Hier gibt es zwei Räume mit drei Doppelstockbetten (15 €) und zwei mit sechs Einzelbetten (18 €), außerdem noch in einem Nachbarhaus Doppelzimmer.

Der Standard ist hier wirklich gut und alles ist sehr einladend eingerichtet. Die Küche ist gut ausgestattet mit 2 Mikrowellen und einem Grill, Wasserkochern, aber leider keinen Herd­platten. Die Tütensuppen, die ich schon seit ein paar Tagen mit mir rumtrage, konnte ich also wieder nicht zur Anwendung bringen. Ich habe mir für den ersten Hunger im Supermarkt zwei Becher Nudeln gekauft, bei denen man nur Wasser aufgießen braucht. Bei der einen ergab das rings um die Nudeln eine ganz brauchbare Hühnersuppe. Bei der anderen Büchse sollte man das Wasser nach drei Minuten weg gießen und durch eine braune Sojasoße ersetzen. Hätte man da vorher auch die Hälfte der Nudeln weg gegossen, hätte die Soße vielleicht gereicht, um aus dem Rest was Schmackhaftes zu machen. Satt bin ich trotzdem geworden. Nach zwei Stunden Mittagsschlaf habe ich mich dann an die Pizza gemacht, die sich auch nicht als übermäßig lecker erwies. „Barbecue“ stand drauf. Drinnen war eine stinknormale Schinkenpizza, über die man nach dem Erwärmen eine mitgelieferte Barbecue-Soße schütten sollte. Diesen Versuch der Selbstversorgung würde ich jetzt mal als gescheitert be­trachten. Zum Glück hatte ich für reichlich Beilagen gesorgt: Oliven, eingelegte Paprika und frische Tomaten. Damit konnte ich den Gaumen trösten.

Inzwischen ist in dem fast voll gewordenen Zimmer das Licht aus. Ich werde jetzt auch Schluss machen und hoffe, dass ich nicht verschlafe.

Tag 14