Unterwegs auf dem Camino Francés / Finisterre
Von Estella nach Sansol

Tag 6 (Di, 3.5.2022) – Von Estella nach Sansol (hinter Los Arcos)

In der kommunalen Herberge in Estella sind sogar noch ein paar Betten frei geblieben, glücklicherweise auch das über mir. Um halb zehn ist noch jemand gekommen und eingelassen worden. So muss es sein!

Zum Gaststättenbesuch wäre nachzutragen, dass die Gaststätte sich um 20 Uhr, als ich gegangen bin, doch zur Hälfte gefüllt hatte. Halb sieben ist wohl für Spanien eine sehr ungewöhnliche Zeit, Essen zu gehen. Da sind ja die Spanier gerade erst mit ihrer Siesta fertig.

Mein Essen scheint zumindest keine kurzfristig wirkenden Gifte enthalten zu haben, sonst könnte ich diese Zeilen nicht schreiben. Ich habe in dem 24-Mann-Zimmer prima geschlafen und prompt verschlafen: 6.30 Uhr, da war der Saal schon fast leer. Zwischendurch war ich mal wegen Krach von außen wach, dieses Mal war es aber kein seltsamer Vogel, sondern wirklich die Müllabfuhr, die nachts um 4 Uhr durch den Ort fuhr.

Das am Abend zuvor festgestellte Phänomen, dass eine ungerade Anzahl Socken aus der Waschmaschine kam, konnte ich klären: die fehlende Socke fand sich als Schulterpolster in einem T-Shirt. Nachdem ich meine tägliche Tablettenration konsumiert hatte, ging es los. (Ich hätte mal für ein paar Tage mein Tablettensortiment in szenetypischen Tütchen verpacken sollen, dann ginge es morgens wesentlich schneller.)

Am Ortsausgang von Estella, einem Ort, der sich als viel größer als erwartet erwies, kam ich an einem (morgens halb acht natürlich noch geschlossenen) Decathlon vorbei, wo ich gut meine langsam auseinander fallenden Schuhe hätte ersetzen können. Da hätte sich sicher auch was Praktischeres als Zweitschuh gefunden, als meine Ballerinas. Nun hoffe ich, dass die Schuhe bis Burgos durchhalten oder dass ich einen Autowerkstatt oder Ähnliches finde, die mit starkem Klebeband aushelfen kann. Die gut eingelaufenen Schuhe fallen mir sicher nicht so schnell von den Füßen, aber bei Regen wird es drinnen nass werden.

Nicht weit hinter Estella führt der Jakobsweg an der spektakulären Bodega Irache vorbei, wo ein Hahn an der Wand kostenfreien Rotwein liefert, der sehr gut schmeckt. Hier habe ich zum ersten Mal die Tasse gebraucht, die ich mit mir rumschleppe. Es hätte da aber auch ein Glas für alle gegeben und richtig sportliche Typen haben sich mit dem Rucksack auf dem Rücken soweit herunter gebeugt, dass sie aus dem Hahn trinken konnten. Standesgemäß ist natürlich die Benutzung der am Rucksack hängenden Jakobsmuschel als Trinkschale, aber da habe ich leider nur eine sehr kleine mit. Bald danach kam ein endlos lang erscheinendes Wegstück ohne Baum und Strauch. Da musste ich an meinen Lieblingsautor Roland Marske denken, der hier bei glühender Hitze bitter bereut hat, dass er an der Weinquelle seinen Trinkwasservorrat durch Rotwein ersetzt hat.

Ich hatte den ganzen Tag dicke Wolken über mir, was zum Pilgern hervorragend war, aber leider nicht die schönen Postkartenmotive bot, die man sonst in dieser leicht welligen, üppig grünen Landschaft mit Getreide- und Rapsfeldern und dazwischen Weinbergen hat. Und zwischen den Hügeln liegen ganz malerisch kleine Dörfer mit wuchtigen Kirchen.

Abgesehen von einem langen Anstieg am Anfang war die Tour sehr mäßig. Mir fiel auf, dass die lärmenden Gruppen von Engländern und Italienern plötzlich fehlten. Vermutlich verkauft man in London und Rom die Pyrenäen-Überquerung als Adventure-Tour. Man hat hier täglich so viele Erlebnisse und es geht einem so viel durch den Kopf, das man das abends nicht mehr sortiert bekommt. Ich will mir jetzt auch nicht die Mühe machen, zu jedem Ereignis oder Bild den richtigen Ort rauszusuchen, das kann ich später zuhause machen.

Nahrungsmäßig habe ich den Vormittag mir den zwei Weißbrotscheiben überstanden, die ich am Abend aus der Gaststätte geschmuggelt habe. In einer Bar am Wegesrand habe ich mir einen Kaffee und ein Bocadillo do Chorizo geholt. Dort habe ich Tina aus Köpenick wiedergetroffen, die mir unterwegs erzählt hatte, dass sie nicht nur nach Santiago und Fisterra (am Ende der Welt) will, sondern noch weiter nach Porto, von wo Ryanair nach Berlin fliegt. Um das zu schaffen macht sie jeden Tag eineinhalb Etappen, also weit mehr als 30 Kilometer. Die hat nicht lange mit meinem langsamen Schritt mitgehalten, weshalb wir bald Abschied genommen haben. Dann bin ich eine Weile mit einem japanisch oder chinesisch aussehenden Paar gelaufen, das aber aus San José in Kalifornien stammte. Danach traf ich auf eine Frau, die förmlich schlich und sich offensichtlich richtig abkämpfte. Ich habe ihr aufmunternd auf die Schulter geklopft um dann erfahren, dass sie aus Kanada stammt, zum vierten Mal (auf verschiedenen Routen) nach Santiago läuft und dieses Mal schon seit dem zweiten Tag starke Knieschmerzen hat. Ich habe sie mit guten Wünschen und großem Bedauern zurückgelassen.

Irgendwann nach einer Biegung des ansonsten schnurgeraden Weges stand ein Auto, aus dem heraus Kaffee, kalte Getränke und sogar Suppe verkauft wurde, alles etwas teurer als in der Stadt, aber das nimmt man gern in Kauf. Ich hatte kaum meinen Kaffee in der Hand, da kam schon die Kanadierin angehumpelt. Ich habe ihr gratuliert und sie erzählte, dass sie das Bein mal richtig langgestreckt hat und dass es dann plötzlich ging. Ich wünsche ihr, dass sie durchhält.

Kurz vor Los Arcos habe ich zwei sehr nette Ostwestfalen aus Lippe kennen gelernt, die erzählten, dass sie noch über das Etappenziel Los Arcos hinaus laufen wollen, was auch mein Ansinnen war.

Ich war schon halb zwei in Los Arcos, viel zu früh, dort Quartier zu nehmen. Darum hab ich mich dort nur etwas umgesehen, ein leckeres Süppchen gegessen und mich dann auf den Weg in das nächste, etwa 7 km entfernte Dorf gemacht, wo es drei Herbergen geben soll. Eine junge Schweizerin, die durch die Stadt humpelte, erzählte, dass sie da auch hin will, weil sie reserviert hat, dass sie aber den Bus nehmen muss, da sie des Fuß voller Blasen hat. Im Ort hätte sie sicher was gefunden, aber ihr Quartier ließ sich nicht stornieren. Reservieren hat also nicht nur Vorteile.

Im besagten nächsten Dorf, Sansol, war gleich die erste Herberge geschlossen, in der zweiten, wo ich die Ostwestfalen wiedertraf, die dort eingecheckt haben, gab es nur noch Betten ab 25 € aufwärts, die dritte war voll, aber die vierte, das „Palacio“, ein altes Herrenhaus von 1702 direkt am Marktplatz, hatte noch freie Betten, wobei es nicht einfach war, da ranzukommen. Das Haus stand offen, aber die Rezeption war unbesetzt. Ein spanisches Paar, das mit mir kam, hat nach einer Weile die Telefonnummer der Unterkunft angerufen und konnte berichten, dass der Hausherr Mittagsschlaf macht. Nach einer Weile kann dann ein alter Herr angeschlurft, der kein Wort Englisch sprach und auch keine Gebärdensprache verstand. Der wollte mir für 50 € ein Einzelzimmer andrehen. Mit Hilfe der ausgehängten Preisliste konnte ich ihm klarmachen, dass ich ein Pilgerbett im Schlafsaal haben will und bekam dann für 13 € (+10% Steuer) ein Bett in einem 6er-Zimmer. Dort war und ist bis jetzt nur ein einziges Bett belegt von einem netten Holländer in meinem Alter, der ganz gut Deutsch spricht. Für die möglichen 6 Leute gibt es je eine Steckdose und ein riesiges Schließfach, ein Klo, zwei Duschen und drei Waschbecken - alles sehr neu und hochwertig. Das ist wirklich fürstlich!

Leider war die einzige Kneipe im Dorf, die zugleich Supermarkt ist, geschlossen. Aber eine Querstraße weiter fand sich eine weitere Herberge mit einem Ausschank, wo es von 18 bis 20 Uhr auch was zu essen gibt. Noch war der Gastraum leer bis auf die beiden Ostwestfalen (ich liebe diese Ortsbezeichnung, das klingt wie „Nordsüdbayern“), zu denen ich mich an den Tisch setzte und schnell Freundschaft schloss: Reiner (Baujahr 61), der in der IT-Abteilung eines großen Küchenfabrikanten tätig ist, und Hermann (Baujahr 55), der als Selbständiger ein Ingenieurbüro für Gebäudeautomatisierung betreibt und eine Léonie als Enkeltochter hat. Da gab es also viele Gesprächsansätze und wir hatten einen wirklich schönen Abend zusammen. Reiner konnte sogar ein paar Worte spanisch und hat sich getraut, zu bestellen. Ich habe ihm gesagt, dass er das, was er haben will, einfach zweimal bestellen soll. Die Auswahl war in der kleinen Gastwirtschaft verständlicherweise sehr beschränkt. Was kam, war lecker. Als Vorspeise gab es einen Mix aus Kartoffeln und grünen Bohnen, danach ein leckeres, aber nicht sehr üppiges Steak mit ein paar wenigen Pommes und danach einen Obstmix aus Ananas und Pfirsich, der auch für Diabetiker geeignet war. Alles zusammen für 12 €, das war ok. Die Flasche Rotwein haben die Beiden übernommen, die um 20 Uhr abgerückt sind, weil sie morgen einen 50-km-Trip (!) vorhaben, zwei der ausgewiesenen Etappen.

Ich bin kurz darauf auch los und habe im Palacio fast die ganze Belegschaft (die aber aus weniger als 10 Leuten zu bestehen scheint) vor dem Fernseher gefunden, wo das Spiel Villareal - Liverpool lief, allerdings auf einem Sender, bei dem umrahmt von diverser Reklame nur ein winziges Fenster für die Übertragung bleibt. Aber man sitzt hier im Aufenthaltsraum prima auf Ledersesseln mit herrlichem Blick auf das Umland, wo es nun allerdings auch dunkel wird. Wenn ich hier mit Tippen fertig bin, werde ich mich auch verabschieden.

Heute war ein richtig schöner Tag mit vielem schönen Erlebnissen und netten Bekannt-schaften; einem Wegstück von Los Arcos bis hier, auf dem ich ganz allein war; mit einem Herbergsangebot wie man es sich wünscht und das jede Sorge überflüssig macht. Morgen werde ich gegenüber den aus Los Arcos kommenden Pilgern zwei Stunden Vorsprung haben und nicht viele Leute um mich haben - so wie nach der Nacht im Freien, wo ich drei Stunden Vorsprung vor den Pamplonern hatte und fast den ganzen Tag allein gelaufen bin.

So schön es ist, nette Leute um sich zu haben, so schön und wichtig ist es, auch mal allein zu laufen und seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Dabei kommt nicht gleich eine Erleuchtung, aber die eine oder andere Einsicht. So habe ich beim Wandern im Pulk immer angefangen, die Mitpilger in verschiedene Klassen einzuordnen: die Echten, die ihren Kram auf dem Rücken herumschleppen; die Schummler, die mit einem kleinen Beutelchen unterwegs sind und ihr Gepäck fahren lassen; und hinten an die Radfahrer. Ich bin da natürlich in der besten Klasse. Aber dann kam mir der Gedanke, dass die Anderen vielleicht ganz andere Maßstäbe ansetzen und die Mitpilger in ganz andere Kategorien einteilen, zum Beispiel Fotografen und Nichtfotografen, wo ich in der sicher wenig beliebten Schublade der Fotografen landen würde, weil ich laufend unvermittelt stehen bleibe und irgendwas Nebensächliches knipse. Also versuche ich, das Schubkastendenken aus meinem Kopf zu verdrängen. Aber der Groll auf die Radfahrer bleibt, besonders auf die Mountainbike-Fahrer, die mit einem Beutelchen auf dem Rücken Staub aufwirbelnd an dir vorbei schießen und dir eventuell das letzte Bett wegschnappen. Da wären wir schon wieder bei dem Übernachtungsproblem, das sich zumindest heute als völlig unbegründet herausgestellt hat. Vielleicht sollte man die Umgebung einfach so annehmen wie sie ist und sich nicht so viele Sorgen um alles machen. Ich will’s versuchen. Gute Nacht!

Nachtrag: Ich habe gerade meinen Bericht von 6. Tag abgeschickt, da kommen mir noch ein paar Gedanken. Ich fühle mich heute ausgeruht und durch die 30 km nicht überfordert. Da muss ich noch nicht ins Bett steigen.

Ich rede konsequent vom Pilgern, obwohl das bisher eher Wandern ist. Wenn man nicht so richtig, sondern wie ich nur ein bisschen fromm auf die Tour geht, dann braucht man zwischendurch schon immer mal einen Anstoß, zum Beispiel durch eine offene Kirche, in die man sich mal setzen und zur Ruhe und Besinnung kommen kann. Aber leider sind hier in den Dörfern die Kirchen ebenso wie bei uns verschlossen und eine Pilgermesse mit aufmunterndem Gesang kann man bestenfalls in einer der Großstädte erwarten. Und das in einer Gegend die seit Jahrhunderten von Pilgern geprägt ist und wo es ohne diese sehr trübe aussähe. (Die Gaststätte war vorhin zur Essenszeit von etwa 40 Fremden besetzt, zwei Einheimische saßen draußen.) Aber vielleicht ist das Besondere an diesem Weg, dass man mal in seinen Gedanken aufräumt und lernt, sich und seine Umwelt aus neuen Blickwinkeln wahrzunehmen. Ich bin gespannt und will deshalb schon mal vorsorglich beim „Pilgern“ statt beim „Wandern“ bleiben.

In meinem Zimmer ist es bei der 2-Mann-Belegung geblieben, mein holländischer Nachbar gibt keinen Ton von sich - es wird also zumindest für mich eine ruhige Nacht werden. Wenn er nicht gerade vor dem Morgengrauen aufbricht, werde ich schön ausschlafen und dann loslaufen. Wie weit, das wird sich zeigen. Auf alle Fälle bis Logroño, dem Etappenziel, aber hoffentlich noch ein Stück weiter, denn ich habe ja etwas Vorsprung herausgearbeitet. Ich lasse es einfach darauf ankommen - die Wegverhältnisse kann ich nicht beeinflussen und wie das Wetter wird, weiß ich nicht.

Camino Francés / Finisterre - Tag 6