Unterwegs auf dem Camino Francés / Finisterre
Von Boadilla del Camino nach Carrión de los Condes

Tag 15 (Do, 12.5.2022) – Von Boadilla del Camino nach Carrión de los Condes

Aus touristischen Gesichtspunkten hat der Tag heute nur gebracht, dass ich Santiago 25 km näher gekommen bin und dass etwa hier die Hälfte des Weges (400 km) geschafft ist. Ich bin in meinem Zimmer (10 € je Bett) allein geblieben und habe gut ausgeschlafen. Gestern Abend habe ich noch eine Weile mit Sven (53) vom Prenzelberg und ein paar anderen zusammengesessen. Sven hat erzählt, dass er mal zehn Jahre in England war und sich dort vom Tellerwäscher zum Restaurantchef hochgearbeitet hat. Dann war er ein paar Jahre in Südamerika und ist jetzt als selbständiger Fotograf tätig. Der hat sich natürlich mit allen Fremden glänzend unterhalten können.

Um 7.15 Uhr bin ich los, da war der Himmel völlig verhangen und man hat gesehen, dass es geradezu regnet. Ich brauchte mich also nicht ärgern, dass ich so spät los bin. Wäre ich früher gegangen, hätte sich die Wolke genau über mir ausgeheult.

Die ersten ca. 5 km ging es entlang des Canal de Castillo, einem etwa 10 m breiten Wasserlauf, der schon unendlich alt sein muss. Auf den (spanischen) Infotafeln am Wasser tauchten Jahreszahlen aus dem 11. Jahrhundert auf. Von diesem Kanal zweigen alle paar hundert Meter durch große Schieber abgesperrte Wasserrinnen ab, die sich zwecks Bewässerung durch die Felder ziehen. Er ist aber auch schiffbar. Es gibt Anlegestellen und an einer davon dümpelt ein kleiner Ausflugsdampfer herum.

In Fromista endet der Kanal an einem mittelalterlichen Wehr, wo das überschüssige Wasser über eine Kaskade in einen etwa 50 Meter tiefer liegenden anderen Kanal stürzt. Fromista ist wie alle nachfolgenden Orte nicht übermäßig ansehnlich, wird aber von Jakobsweg nur am Rand geschnitten.

Ab hier verläuft der Jakobsweg immer entlang der Straße. Bis zum nächsten Ort auf einem gut hergerichteten Sandstreifen mit Borden und Barrieren, damit da keiner mit dem Auto drauf fährt. Später ist der Weg eher ein zweispuriger Trampelpfad und führt über einige Kilometer schnurgeradeaus. Eintönigkeit pur.

In Plobación de Campos führt die Straße über einen Fluss. Da ist kein Platz für einen Fußweg und dahinter geht es ein ganzes Stück auf einem abschüssigen Randstreifen der Fahrbahn, allerdings durch eine Leitplanke von der Fahrbahn getrennt. Seit meiner Hüft-OP ist bei mir ein Bein etwas kürzer. Da ist ein etwas schräger Fußweg ideal - vorausgesetzt, die Neigung zeigt in die richtige Richtung. Wenn sich der Weg wie hier in die andere Richtung neigt, muss man aufpassen, dass man nicht wie ein Hanghuhn zur Seite kippt. An der Brücke gab es übrigens gerade eine Stauung, denn der Schäfer kam mit seiner Herde und die Schafe nahmen die ganze Brückenbreite ein.

Als mir dann mal zwei Regentropfen auf den Kopf fielen, habe ich den Anorak aus dem Rucksack geholt, nach weiteren zwei Tropfen die Plane über den Rucksack gestülpt und beim zehnten Tropfen den Poncho über Mensch und Gepäck gezogen. Eigentlich habe ich das nur versucht, denn ohne fremde Hilfe ist es nicht möglich, den hinten über den Rucksack zu ziehen. Nach wenigen Minuten habe ich das Ganze in umgekehrter Reihenfolge wieder ausgezogen und verstaut.

Weil der Weg an der Straße wirklich ziemlich öde ist, schlägt der Wanderführer zwischen Población und Villalcázar de Sirga eine alternative Route entlang des Flüsschens Ucieza vor. Die ist sicher viel schöner, aber wenn ich schon auf den Spuren früherer Pilger unterwegs bin, dann will ich auch genau den Weg, laufen, den die damals gezogen sind.

Hätte ich die Alternative genommen, wäre ich auch um ein wirklich schönes Erlebnis gekommen: Kurz vor Villalcázar stoppt auf meiner Höhe ein Radfahrer, liest etwas auf der Straße auf und kommt damit zu mir auf den Gehweg. Es ist ein Holländer und was er gefunden hat, ist ein Schlüsselbund. Er will von mir wissen, was er damit machen soll. Ich habe auch keine rechte Idee, vielleicht in der nächsten Kneipe abgeben? Dann habe ich an einem Schlüssel ein Schildchen von einem E-Bike-Händler gesehen. Da durchzuckte es mich, denn vor ein paar Minuten ist jemand mit einem Krankenfahrstuhl an mir vorbeigezogen. Bestimmt hat der die Schlüssel verloren. Ich hab dem Holländer den Schlüsselbund in die Hand gedrückt und ihn gebeten, kräftig in die Pedalen zu treten. Dann würde er ihn sicher noch einholen. Ich habe bald danach am Horizont zwei Punkte gesehen, die erst dicht beieinander standen und sich dann voneinander entfernten. Ob das die erfolgreiche Schlüsselübergabe war?

In Villelcázar, dem vorletzten Ort der heutigen Etappe, bin ich mal ins Dorf hineingelaufen, weil die über dem Ort thronende Kirche sich von der Vorderseite als sehr interessant erwies. Vor der Bar gegenüber der Kirche stand plötzlich der Krankenfahrstuhl und am Tisch daneben saß ein etwa 50jähriger Mann, der eine Krücke am Tisch zu lehnen hat. Ich habe ihn gefragt, ob er den Schlüsselbund verloren und wiederbekommen hat - ja! Prima! Und er sprach sogar Deutsch, weshalb ich mich einen Moment zu ihm setzte. Er (Frank aus Bremen) erzählte, dass er recht bald gemerkt hat, dass seine Jackentasche offen ist und der Schlüsselbund fehlt. Die Schlüssel gehörten alle irgendwie zu seinem Fahrzeug, ohne die hätte er keine Batterien mehr wechseln können und hätte aufgeben müssen. In seiner Verzweiflung hat er überlegt, was er denn machen soll. Gleich zurück fahren oder erstmal ein Stoßgebet „nach oben“ schicken soll. Kaum war letzteres getan, stand der Radfahrer neben ihm und fragte, ob er einen Schlüssel vermisse.

Überglücklich hat er mich zu einem Wein eingeladen (14 Uhr, höchste Zeit für einen Vino Tinto!). Er hat erzählt, dass er seit 11 Jahren eine Nervenkrankheit hat und die Beine nicht richtig bewegen kann. Da er aber unbedingt den Jakobsweg absolvieren wollte, hat er sich mit diesem Gefährt und einem großen Rucksack auf dem Gepäckträger auf den Weg gemacht. Er will möglichst dicht an der normalen Wegführung bleiben, nur die Pyrenäen hat er sich verkniffen. Freunde haben ihn und sein Gefährt nach Pamplona gebracht und am 20. Mai wird seine Frau mit dem Auto in Santiago sein und ihn in Empfang nehmen. Ich wünsche ihm Buen Camino!

In Carrión de Los Condes habe ich gleich die erste Herberge genommen, eine kirchliche im Kloster Santa Clara. Wenn schon Pilgertour, dann kann es auch was Frommes sein. Ich befürchte nur, dass diese Nacht im Ranking gleich nach der im Freien folgen wird. Ein kleiner verwinkelter Raum mit 8 Doppelstockbetten. Ich habe das letzte bekommen, hinten in der Ecke oben, zu erreichen über einen Stuhl, auf dem aber meine Untermieterin noch ihr Teegeschirr zu stehen hatte.

Als ich in den Raum kam, dachte ich schon, ich sei in einem Feldlazarett oder auf der geriatrischen Abteilung gelandet. Nachmittags um vier lagen da in mindestens 10 Betten völlig erschöpfte Menschen. Ausschlaggebend für das 9-Euro-Quartier war der Umstand, dass man hier Wäsche waschen kann. Denn inzwischen hatte sich doch einiges angesammelt, u.a. die Hose, die beim Gegen-den-Wind-Pinkeln was abbekommen hat. Bei einer solchen Pilgerkarawane, wie sie an jenem Tag unterwegs war, musste man froh sein, mal eine Lücke abzupassen. Und wenn an der Stelle sogar noch ein Baum oder Strauch ist, kann man nicht erst lange die Windrichtung prüfen.

Das kuriose an der hiesigen Wäscherei ist, dass man zum Pförtner geht und dort 7,50 € hinlegt (das ist Wucher, da muss ich mich bei den nächsten Sonntagskollekten etwas zurückhalten, um das wieder einzuspielen). Dann geht der Pförtner, der immer beide Hände braucht, um die rutschende Hose zu halten, mit Dir zur Waschmaschine, zeigt Dir, dass Du die Wäsche vorn in die Maschine tun sollst, und wirft für Dich ein paar der Münzen ein. Nach einer Stunde kommt er dann, füllt die Wäsche in den nebenstehenden Trockner und wirft dort den Rest der Münzen ein. Nach einer weiteren Stunde holt er sie dort raus und wirft sie in eine Ecke des Tisches über den Maschinen. Zum Glück ist sie wirklich richtig trocken geworden, denn es regnet und man kann deshalb nichts draußen aufhängen. Es wird eine spannende Nacht werden!

Camino Francés / Finisterre - Tag 15