Unterwegs auf dem Camino Francés / Finisterre
Von Foncebadón nach Ponferrada

Tag 22 (Do, 19.5.2022) – Von Foncebadón nach Ponferrada

Ich bin gestern noch im Hellen ins Bett und habe wunderbar geschlafen. Nur um 3 Uhr musste ich mal dringend raus, weil die am Abend gegessene Paella meinen Körper schwung- und geräuschvoll wieder verlassen wollte. Die Muscheln waren eventuell nicht ganz fangfrisch. Ich habe beschlossen, meine Gelüste auf Meeresfrüchte doch lieber zurückzustellen, bis das Meer wenigstens in Sichtweite ist.

Um drei viertel sechs bin ich wach geworden, weil um mich herum geräuschvolles Gewusel war. Die Gruppe um Juan und ein paar andere waren dabei, ihre Sachen zu packen. Jetzt hielt mich da auch nichts mehr im Bett. Da ich nicht viel ausgepackt hatte, brauchte ich bloß meinen Schlafsack einrollen und die paar Sachen auf dem Bett (Smartphone, Brille, Lampe) greifen und mit den Sachen in den als Aufenthalts-und Speisesaal gedachten Vorraum verschwinden. Dort konnte ich dann in Ruhe einpacken, Zähne putzen und meinen Pillenmix nehmen.

Auf der Hauptstraße des Dorfes, das eigentlich nur aus Herbergen und dazugehörigen Kneipen besteht, war viertel sieben schon ordentlich Betrieb und mich beschlich der Verdacht, dass die alle zum etwa 2 km entfernten Cruz de Ferro wollen, wo der Sonnenaufgang (heute 6.59 Uhr) besonders spektakulär sein soll. Auf dem Weg, der natürlich bergauf führte, habe ich zwar hinter mir einen farbigen Himmel als Vorboten gesehen, aber rechtzeitig am Cruz angekommen, war vom Sonnenaufgang nichts zu sehen, weil es inzwischen viel zu hell war. Da oben war schon ziemlich Betrieb, viele kletterten auf den Steinhaufen rings um die hohe Steinsäule, auf der sich in 1530 m Höhe ein kleines eisernes Kreuz befindet. Auf dem Haufen liegen viele Steine mit Namen drauf und an der Säule klebten Visitenkarten, Bilder, Fähnchen, Bänder, Rosenkränze, Zettel mit Sprüchen usw.

Ich bin gefragt worden, ob ich da auch was abgelegt habe. Ich muss gestehen, dass ich, obwohl ich den Brauch kenne, vergessen habe, einen Stein von zuhause mitzubringen. Was soll ich da ablegen? Die beiden Hemden, die vermutlich überflüssig sind, weil keine Hochzeit ansteht, wären vermutlich unpassend gewesen. Ich hätte da noch die Muschel aus der Bretagne gehabt, die ich in einer durchsichtigen Außentasche meines Rucksacks habe. Letztens habe ich ja einem Eremiten eine richtige weiße, mit einen Kreuz und einer roten Schnur versehene Muschel für den Rucksack abgekauft. Aber was man da ablegt, soll ja ein Symbol für irgendetwas sein. Wofür würde ich die Muschel ablegen? Ich habe das Privileg, ziemlich sorgenfrei auf den Weg gegangen zu sein. Ich suche niemand in mir, ich muss keine Entscheidungen für die Zukunft treffen und ich habe das Glück, keinen Kummer und kein Leid zu haben, das ich hier ablegen könnte. Und was ich als Hoffnung und guten Wünschen, zum Beispiel für das vierte Enkelkind, mit mir herumtrage, will ich hier nicht ablegen, sondern weiter tragen. Was mich ansonsten in der Seele so bewegt, ist in einer der kleinen Kapellen am Wegesrand besser aufgehoben, als hier auf dem Geröllhaufen mit der Litfaßsäule drauf, um es mal grob zu sagen. Aber natürlich habe ich Achtung davor, wenn jemand dort z.B. das Bild eines verunglückten Freundes anbringt, aber nicht, wenn da einer seine (noch dazu geschäftliche) Visitenkarte anheftet. Sehr berührt hat mich, als jemand auf dem Steinhaufen niederkniete und betete.

Die kleine Kapelle neben dem Cruz war bedauerlicherweise geschlossen. Wie bei uns kann man hier leider wegen Vandalismus und Diebstahl Kirchen und Kapellen nicht ohne Aufsicht offen lassen.

Vom Cruz aus ging es einige Zeit auf 1500 Meter Höhe ohne größere Auf- und Abstiege um die Berge herum. Imposant waren die mit Nebel verhangenen Seitentäler, die aussahen, als wären sie mit einem Gletscher bedeckt. Der Weg auf 1500 Meter Höhe war eigentlich schon oberhalb der Baumgrenze, aber ein paar einzelne waren noch zu finden, meist von unten bis oben mit Moos und Flechten bedeckt. Beidseits des Weges standen neben Ginster (das Einzige, was ich kenne), weiße und lila Büsche, oft mannshoch. Das war was fürs Auge, im Herbst sieht das hier bestimmt alles grau aus.

Irgendwann ging es dann hinunter ins Tal. Das war ein fantastischer Anblick. Ich war praktisch über den Wolken, die wie in Teppich die Orte unten im Tal bedeckten. Da die Wolken zu dieser Tageszeit nicht mehr bis an die Berge heranreichten, konnte man sehen, was sich unter der Wolkendecke befindet. Man ist praktisch von oben durch die Wolken hindurch nach unten abgestiegen.

In einer Wegbiegung hat man schon von weitem gesehen, dass da ein Imbiss ist. Da stand ein sehr professionell umgebauter Wohnwagen, aus dem heraus eine etwa 40jährige Frau Kaffee, kalte Getränke und selbst gebackenen Kuchen verkaufte, der von allen Konsumenten sehr gelobt wurde. Sie hat jeden freundlich begrüßt und sogar versucht, in der jeweiligen Sprache zu antworten. Mit regelrechter Hingabe und Geschick hat sie aus der modernen, gasbetriebenen Espresso-Maschine ganz köstlichen Kaffee hervorgebracht und mit einem ungekünstelten Lächeln serviert. Das war eine richtige Freude am frühen Morgen. Leider habe ich sie nicht gebeten, an die Tür zu treten, als ich den Wagen fotografierte, denn ihr Lächeln und Winken an der Kaffeemaschine ist auf den Bildern leider nicht zu sehen.

Der Weg war mächtig holprig, weshalb ich an manchen Stellen lieber auf der nahen Fahrbahn gelaufen bin. Es war ja nicht viel Verkehr. An einer Stelle, an der die Straße einen anderen Verlauf nimmt, bin ich auf dem ausgeschilderten Weg gelaufen und prompt trotz sehr bedachten Laufens auf dem losen Schotter des Weges ausgerutscht und hinten auf den Rucksack gefallen. Ich hab mir dabei nichts getan, lag aber in einer Position, aus der sich auch Schildkröten und Maikäfer kaum befreien können. Zum Glück kam zufälligerweise dicht hinter mir Juan, der mich hochhievte und dahinter Guiseppe aus Venedig, der mir mein Smartphone brachte, das ich bei der Aktion verloren hatte.

Im ersten Ort auf dem Weg, Manjarin, lud gleich am Eingang eine Gaststätte ein. Von der Terrasse hörte ich schon meinen Namen rufen, aber ich musste mir drinnen einen Platz dicht an einer Steckdose suchen, weil mein Akku fast leer war und ich festgestellt habe, dass das Ladegerät meine Powerbank gar nicht geladen hatte. Das tolle Schnellladegerät mit 2x USB, das ich mir extra für diese Tour besorgt habe, hat schon seinen Geist aufgegeben. Zum Glück habe ich auch dafür Ersatz dabei, aber nur so ein kleines iPhone-Ladegerät, das endlos lange lädt. Nun musste ich da eine Weile an meiner 0,25er Flasche alkoholfreiem Bier nuckeln, bis wieder etwas auf dem Akku war.

Ich hab die Zeit genutzt und mich schon mal mit Sonnencreme behandelt. Dabei habe ich wohl meine Schirmmütze liegen lassen. Als ich das gemerkt habe, war ich schon so weit weg, dass ich keine Lust hatte, deswegen nochmal den steilen Berg hochzulaufen, zumal ich noch eine zweite im Rucksack habe. Während ich noch am Überlegen war, ob ich anhalte und in meinem völlig verwüsteten Rucksack nach der Mütze suche, liegt doch prompt auf einen Kilometerstein eine blaue Schirmmütze, die vermutlich einer verloren hat. Das kommt ja passend. Die liegen lassen, macht nicht viel Sinn, da der Verlierer (wie ich) kaum zurücklaufen wird. Da ist es schon wahrscheinlicher, dass wir am Abend aufeinandertreffen - dann kann er sie gern haben.

Ein Stück weiter kommt mir in den Sinn, dass ich mal einen Schluck aus der Wasserflasche nehmen könnte, aber dafür müsste ich den Rucksack abnehmen, was beschwerlich ist, wenn nicht irgend ein Stein oder Ähnliches in Hüfthöhe in der Nähe ist. Und prompt kommt da eine kleine Mauer in passender Höhe. Prima, auf dem Weg kann man sich offenbar was wünschen. Ob ich es mal mit einem Bier versuche? Aber das ist verwegen, wer stellt mir hier schon eine gut gekühlte Flasche Bier an den Weg? Außerdem hatte ich ja schon längst beschlossen, heute in Anbetracht des holprigen Weges das Bier zum Mittag wegzulassen.

Aber eine Bank mit einem Tisch davor, möglichst im Schatten, wäre auch schon schön, denn ich schleppe immer noch Weißbrot und eine Fischbüchse mit mir herum. Das hat eine ganze Weile gedauert, bis der Wunsch erfüllt wurde: ein schöner flacher Felsbrocken unter ein paar Bäumen. Ein hervorragender Sitz. Das mit dem Tisch war wohl bei meiner Bestellung untergegangen. Macht nichts, ein anderer ebener Stein eignete sich gut, mein spartanisches Mahl auf sich zu nehmen. Eigentlich hätte ich die Fischbüchse auch auf meine Knie stellen können, so dreckig wie die Hose ist.

Ich hatte noch einige andere schöne Begegnungen, die den physisch sehr anstrengenden Tag etwas erträglicher machten. Es waren 27,5 km bei zuletzt 28…29 Grad mit einem steilen Abstieg von 1000 Metern. Und dann diese furchtbaren Fels- und Schotterwege. Ich war heilfroh und völlig geschafft, als ich wohlbehalten unten in Campo angekommen bin. Nun ging es noch 4 km auf natürlich überwiegend ansteigenden Straßen nach Ponferrada, meinem heutigen Ziel.

Hier gibt es eine große Herberge mit angeblich 140 Betten, die schon am Ortseingang ausgeschildert ist. Es war schon 16 Uhr, als ich ankam und ich war mir nicht sicher, ob ich da noch einen Platz bekomme. Aber es hat geklappt. Allerdings wäre es besser gewesen, 10 Minuten später zu kommen, da hier die Plätze in den 4-Bett-Zimmern der Reihe nach vergeben werden. Ich musste das letzte Bett in einem mit nur 3 Leuten (Torben und Hennig aus der Nähe von Bielefeld und Jenny aus der Pfalz) nehmen, während sich die nach mir kommende Koreanerin im noch leeren Nachbarzimmer was aussuchen konnte. Ich habe den Hospitalero bekniet, ob ich nicht auch in das leere Zimmer dürfte, aber er war unerbittlich.

Ich habe erstmal nur meinen Rucksack abgestellt und bin runter zum Automaten, um mir da was zum Trinken zu holen. Als ich dort mit meiner Cruzcampo-Büchse saß, kam einer der jungen Männer vorbei und sagte, dass ich sein Bett unten haben könne, er zieht nach oben. Na, das war ja eine tolle Überraschung. Gern habe ich dieses Angebot angenommen, das ich niemals erwartet hätte.

Ich habe erstmal ausgiebig geduscht und bin dann frisch gekleidet (mit meinen eigentlich für eine eventuell anfallende Hochzeit gedachten Hemd) in die Stadt, die ein paar schöne Ecken und wunderbare, Jahrhunderte alte Gaststätten hat. Am eindrucksvollsten ist die Burg im Zentrum, die aber gerade geschlossen hat, als ich da ankam (18.00 Uhr). Auf der Mauer der Burgzufahrt sitzend habe ich Dirk aus Hamburg getroffen, der stets an seiner Videokamera erkennbar ist. Ich hatte wohl schon erzählt, dass er immer mal was für seinen YouTube-Kanal dreht. Nun war Zeit zu plaudern. Dabei kam raus, dass er Chefredakteur bei Computer-Bild ist und nun endlich mal 4 Wochen Urlaub nehmen konnte, um den Camino Francés in einem Stück zu laufen. Sonst waren immer nur Teilstücke möglich. Er hat vor 20 Jahren angefangen und war bereits 19 Mal auf einem der spanischen Jakobswege unterwegs. Sicher werden wir uns in den nächsten Tagen nochmal treffen.

Camino Francés / Finisterre - Tag 22