Unterwegs auf dem Camino Francés / Finisterre
Von La Faba nach Triacastela

Tag 25 (So, 22.5.2022) – Von La Faba nach Triacastela

Wegen Kneipe&Kirche wurde es gestern etwas eng mit der Berichterstattung, deshalb hier noch ein paar Nachträge.

Auf der etwas eintönigen Strecke entlang der Landstraße gesellte sich plötzlich Peggy aus Colorado zu mir, die offensichtlich Unterhaltung suchte. Sie erzählte, dass sie in Frankfurt (Main) geboren wurde, weil ihr Vater dort beim Militär war. Leider spreche sie kein Deutsch und war auch noch nie in Deutschland. Demnächst wolle die aber mal hin, um zu sehen, wo sie geboren wurde. Ich persönlich hätte mir ja erstmal meinen Geburtsort angeschaut, statt auf Pilgertour zu gehen. Unsere Konversation stockte laufend, weil ich immer gar nicht mitbekam, wenn sie eine Frage stellte. Das hat mir nicht so richtig Spaß gemacht.

Nach einem Picknick war ich wieder allein, aber dann stand plötzlich Ralf neben mir, dann Tina, die ich im nächsten Ort wieder bei Dirk habe sitzen gelassen habe usw. Es hat irgendwie genau gepasst. Man war eine Weile allein, dann war wieder jemand zur Unterhaltung da.

Beim ätzenden Aufstieg ist dann jeder für sich gestorben. irgendwann war ich so weit, dass ich mich einfach am Wegesrand hinlegen und schlafen wollte. Aber dann kamen mir die Fliegen in den Sinn, die ich gerade dabei beobachtet hatte, wie sie zu Hunderten einen Haufen Pferdeäpfel zerlegen. Die wären vermutlich sofort zu mir gewechselt, denn sicher roch ich inzwischen verlockender als der Pferdemist.

Am vorläufigen Ende des Aufstiegs war in La Faba ein Brunnen, an dem ich einige Minuten eine innerliche und äußerliche Wasserbehandlung genossen und eine ganze Weile auf der Bank gesessen habe. Ralf hat mir später erzählt, dass er genau das gleiche dort zelebriert hat.

In der tollen, von den Schwaben betriebenen Herberge habe ich dann, wie schon erzählt, auch Tina wieder und Henry erstmals getroffen. Die waren gerade dabei, zusammen mit Ralf eine Waschmaschine zu bestücken und ich habe schnell meine Dreckwäsche zusammen gesammelt und beigesteuert. Nach dem Waschgang stellte sich die Frage, ob man die Wäsche gleich in den Trockner packt oder auf die Leine hängt. Für mich kam nur ersteres in Frage, Ralf war gleicher Meinung. Tina und Henry wollten aber die freie Natur am Trocknungsprozess beteiligen und hängten ihre Sachen auf die Leine und sind dann schon mal los in die Gaststätte. Ich habe mir hingegen mit Ralf ein Nudelsüppchen aus dem Spendenregal gekocht, während der Trockner seine Runden drehte. Kurz bevor der fertig war, fielen 2 bis 3 Tropfen vom Himmel und kurz danach kamen Tina und Henry herbeigeeilt, um ihre Wäsche vor dem vermeintlichen Regen in Sicherheit zu bringen. Sie waren gerade an der Gaststätte angekommen als die Tropfen fielen und sind gleich zurück geeilt. Pech gehabt, nichts mit vorzeitigem Biergenuss!

Heute früh ist Ralf schon kurz nach fünf losgezogen. Ich wollte bis um sechs liegen bleiben, aber bald darauf hat Romana aus Linz im Bett gegenüber ihre Schlafstätte illuminiert und ich habe die Gelegenheit genutzt, in ihrem Lichtkegel meine Sachen zu packen. Da sie danach noch auf dem Flur ihre Blasen aufstechen musste, war ich sogar noch vor ihr auf der Straße. Dort traf ich Agnes aus Schaffhausen (Schweiz), mit der ich vor einigen Tagen schon mal geschwatzt hatte, als sie wegen der Blasen an den Füßen den Bus nehmen musste, um zu ihrem gebuchten Quartier zu kommen. Sie hat sich inzwischen gut er- und uns eingeholt. Gemeinsam haben wir den wieder furchtbar steilen und 4 km langen Aufstieg nach O Cebreiro gemeistert. Zum Glück hat sie im Gegensatz zu mir ihre Stirnfunzel im Rucksack gefunden und konnte damit den Weg ausleuchten, denn erst um sieben ging die Sonne auf.

In O Cebreiro haben wir vor einer Bar Ralf getroffen, der dort eine Stunde gesessen und den Sonnenaufgang genossen hat. Die Beiden sind dann nach dem gemeinsamen Kaffeetrinken los, während ich mich noch ein wenig in dem reizenden Bergdorf umgesehen habe, das eigentlich nur aus einer Kirche, Herbergen, Pensionen und Kneipen besteht. Auf zwei Seiten konnte man ins Tal runterschauen und es ergaben sich viele schöne Fotomotive. Mit etwa 1300 Metern war hier eigentlich schon der höchste Punkt erreicht und es ging eine Weile auf gleicher Höhe voran. Aber dann ging es wieder ein Stückchen bergab und danach erneut steil bergauf.

Dort bin ich auf Meike aus Bremen gestoßen, die genauso keuchte wie ich. Beim Aufstieg fehlte uns beiden die Luft für eine Unterhaltung, aber oben angekommen erzählte sie, dass sie Gesundheitswissenschaften studiert und gerade ihre Masterarbeit abgegeben hat. Bis sie deren Beurteilung bekommt, hat sie sich auf den Pilgerweg begeben, auch um einen Schlussstrich unter den von Schule und Studium geprägten Lebensabschnitt zu ziehen. Danach wird sie vermutlich bei einem Verein anfangen, der kleine und mittlere Unternehmen dabei berät, welche gesundheitsfördernde Maßnahmen sie ihren Mitarbeitern zukommen lassen könnten und sollten. Was sie über ihr Studium erzählte, war sehr interessant. Sie hat dort alle denkbaren medizinischen Gebiete gestreift, wobei es vornehmlich um Studien und statistische Auswertungen ging. Sie erzählte, dass sie bereits vor fünf Jahren beim Bachelor-Studium mit Hospitalisierungsraten und 7-Tage-Inzidenzen konfrontiert wurde, was uns ja bis vor zwei Jahren verwehrt blieb. Sie musste damals mit Ebola-Daten rechnen, jetzt hätte sie die näher liegenden Corona-Daten nutzen können.

Da sie gerade nicht gut zu Fuß ist und viel Zeit hat, macht sie immer nur kleine Etappen. In Fonfria hatte sie in der Casa Lucas ihr Ziel erreicht. Da es zu regnen begann und es Spaß machte, ihr zuzuhören, habe ich mich noch zu ihr in die Gaststätte gesetzt und was gegessen. Als der Regen nachzulassen schien, habe ich mich auf den Weg gemacht und dummerweise ihr Angebot ausgeschlagen, mir in den Regenponcho zu helfen. Schon wenige Schritte weiter hat es so gegossen, dass ich total durchnässt war. Das Smartphone musste ich so mit der Hand in der Tasche halten, dass es nicht in die Pfütze am Boden der Tasche eintaucht. Die Unterhose war nass, als hätte ich eingepullert, aber leider nicht so warm. Dann kam auch noch ein Gewitter auf, weshalb ich mich im nächsten Ort wieder in die Kneipe flüchtete, wo bereits Tina und Henry saßen, die mich irgendwo überholt haben müssen.

Da der Regen nicht nachließ, sind wir bald zusammen los, dieses Mal mit übergezogenen Poncho und dem Smartphone tief versteckt im Rucksack. Eineinhalb Stunden sind wir gelaufen, bis wir unser Ziel, Triacastela erreicht hatten. Die erste Herberge dort erschien uns zu modern, die beiden folgenden waren voll, aber dann fanden wir Platz in einer kleinen, jedoch sehr urigen privaten Herberge - nach Auskunft des Wirtes die mit 300 Jahren älteste private Herberge in Galizien. Hier findet man verkohlte Deckenbalken von einem Brand vor x Jahren, altes Mobiliar, Messgewänder hinter Glas, aber recht moderne Sanitäranlagen. Und einen Wäschetrockner, in dem der Wirt unsere nassen Klamotten trocknete, während wir uns geduscht und frisch angezogen in die nahe gelegene Gasstätte begaben, in der fast alle Pilger anzutreffen waren, die derzeit hier unterwegs sind. Nach einem sehr ordentlichen Pilgermenü zu den üblichen 12 € liegen wir jetzt in einem nicht ganz voll gewordenen 12-Mann-Zimmer in unseren Betten und ich werde wohl gleich in den Tiefschlaf fallen.

Camino Francés / Finisterre - Tag 25