Unterwegs auf dem Camino Francés / Finisterre
Von Triacastela nach Sarria
/a>

Tag 26 (Mo, 23.5.2022) – Von Triacastela nach Sarria

Es geht langsam auf 10 Uhr abends zu, da wird es Zeit für den täglichen Bericht. Nach der Heimkehr vom wirklich guten Abendessen (Pilgermenü für 12 €) stand gestern neben meinem Bett eine Schüssel mit den sorgfältig zusammengelegten Sachen, die wir dem Wirt zum Trocknen gegeben hatten. Toller Service und er wollte nicht mal was dafür haben.

Ich habe prima geschlafen und nichts von der knarrenden, 300 Jahre alten Diele mitten im Raum mitbekommen. Es war diesmal ein ausgesprochenes Langschläferzimmer. Selbst die Koreaner haben sich in ihrem Pilgereifer zurückgehalten. Als ich kurz vor sechs wach wurde, lagen alle noch in den Betten und erst halb sieben ging das Gewusel los. Die Schuhe sind natürlich über Nacht nicht trocken geworden, obwohl ich bei einem nächtlichen Klogang das Papier darin gewechselt habe. Es war vielleicht nicht die richtige Zeitung, die ich da reingestopft habe.

Zusammen mit Tina und Henry bin ich nach einem Kaffee aus dem Automaten um halb acht los. Da die Beiden noch zum Geldautomaten wollten, bin ich schon mal auf dem vereinbarten Weg losgelaufen. In Triacastela teilt sich der Jakobsweg nämlich wieder in zwei Varianten, eine ziemlich direkte über die Berge und eine etwa 6…7 Kilometer längere über Samos, die auf oder nahe von Landstraßen verläuft. Welcher davon Original ist und welcher nachträglich angelegt wurde, war nicht zu ermitteln. Wir hatten die Befürchtung, dass der Regen die Wege in den Bergen aufgeweicht hat und haben deshalb den längeren Weg entlang der Straße gewählt. Dieser Weg verlief zunächst tatsächlich immer entlang der wenig befahrenen Straße, die sich zusammen mit einem ziemlich reißenden Bach durch eine Felslandschaft schlängelte. Da, wo es eng wurde und steil bergab zum Bach ging, hat man mit sicher immensem Aufwand hölzerne Traversen entlang der Straße gebaut, damit die Pilger nicht auf der Straße laufen müssen.

Wie gestern schon zu den Bildern mitgeteilt, gibt die galizische Provinzialregierung viel Geld aus, um den Jakobsweg attraktiv zu machen bzw. zu halten. Da werden in den Dörfern die Wege gepflastert, die Mauern beidseits der Wege neu aufgeschichtet, Brunnen (fast alle mit Trinkwasser) hergerichtet und alle paar hundert Meter „Kilometersteine“ mit der meter-genauen Entfernung von Santiago aufgestellt. Dagegen, dass viele Häuser in den Dörfern leer stehen und verfallen, kann die Regierung aber offenbar auch nichts tun.

Tina und Henry sind irgendwann an mir vorbei gezogen, haben aber dann vor einer Bar in Samos auf mich gewartet. Dort habe ich ein riesiges Omelette gegessen und dabei beobachtet, wie neben der Straße ein Rettungshubschrauber landete und (noch viele spannender) ein Rettungswagen auf einem Weg dorthin fuhr, den ich mich nicht getraut hätte, zu Fuß zu gehen.

Im gewaltigen Kloster Samos, das noch in Betrieb zu sein scheint und das eine große Herberge hat, haben wir viel Zeit im gut bestückten Kloster-Shop zugebracht, wo sich die Beiden Souvenirs gekauft haben. Da hätte es übrigens auch Zisterzienser-Likör gegeben … Man hätte das (den Bildern nach sehr sehenswerte) Kloster auch besichtigen können, aber dafür fehlte uns der Nerv.

Auf der Karte hatten wir zwar gesehen, dass der Weg immer mal von der Straße abweicht, aber nicht vermutet, dass dies immer mit ziemlich heftigen Auf- und Abstiegen verbunden ist, die mächtig auf die Knochen gehen. Hinzu kam der ziemlich permanente, aber unterschiedlich starke Regen. Kaum hatte man den Poncho übergestülpt, ließ der Regen nach, und kaum hatte man ihn wieder ausgezogen, wurde der Regen heftiger.

Irgendwann kamen wir an einer Casa sowieso vorbei, wo die Pilger zur Einkehr gebeten wurden. Auf einem Tisch waren Thermoskannen mit Kaffee und Tee, sowie Kühltaschen mit Getränken und Obst platziert, an denen man sich bedienen konnte. Daneben war eine Spendenbox aufgestellt. Unter einem Unterstand gab es sogar Wein aus einem kleinen Fass und die Toilette im Haus war frei zugänglich. Ein junger Mann, dem offenbar das Anwesen gehörte, war mit einem freundlichen Lächeln dabei, Geschirr wegzuräumen und den Gabentisch neu zu decken. Wir haben mal ein Blick ins Haus geworfen, das mindestens einen Schlafsaal und ein paar kleinere Zimmer enthielt. Besonders beeindruckend war der Aufenthaltsraum mit Sesseln um einen Kamin und der Essbereich mit einem altem Tisch und passenden Stühlen. Als der Wirt auf Nachfrage mitteilte, dass noch Betten frei wären, er ein Abendessen anbieten könnte und noch Bier vorhanden sei, war die Versuchung groß, den Tag hier ausklingen zu lassen - mittags halb eins. Wir haben sehr mit uns gerungen, denn wir wollten ja an dem Tag mindestens bis Sarria kommen, wo Henry für sich was gebucht hatte, möglichst aber noch ein Stück weiter.

Ich hatte mich schnell entschlossen, der Versuchung zu widerstehen und nicht zu bleiben, denn ich wollte nicht schon mittags nach etwa 13 km abbrechen und den Rest des Tages in die Wolken schauen. Jetzt, 4…5 Tage vor dem Ziel, will ich das durchziehen. Ich will es nun unbedingt bis Santiago schaffen. Da ich ja gerade erst erlebt habe, dass man von heute auf morgen nicht mehr vorwärts kommt, weil sich Bandscheibe und Ischias-Nerv nicht vertragen, will ich möglichst schnell vorankommen. Nach Santiago bin ich für jeden touristischen Exzess zu haben. Aber bis dahin will ich mich durch noch so verlockende Quartiere nicht vom Vorwärtskommen abhalten lassen.

Die Beiden waren nicht ganz so entschlossen und haben gelost. Die Münze hat eindeutig gesagt „weiterlaufen“. Während die Beiden eingepackt haben, bin ich schon mal los. Da ich so langsam bin, werden die mich schon schnell einholen. Aber statt sie irgendwann neben mir zu haben, kam eine WhatsApp, dass sie es sich anders überlegt haben, umkehren und in den tollen Quartier bleiben werden. (Bei der zum Los benutzten Münze hatte es sich wohl um Falschgeld gehandelt.) Henry wird dafür seine Reservierung in Sarria sausen lassen. Und damit die folgende nicht auch noch platzt, wollen die Beiden morgen 40 km laufen. Da kann ich nicht mithalten. Sie haben später geschrieben, dass sie die einzigen Übernachtungsgäste sind, dass sie sich was Leckeres zu Essen gemacht haben und dass der Kamin lodert - alles auf Spendenbasis. Ich gönne es den Beiden, aber mir ist es wie gesagt erstmal wichtiger, anzukommen.

Ich habe mich ziemlich gequält nach Sarria zu kommen und bald den Gedanken verworfen, noch weiter zu laufen. In Sarria habe ich gleich in der ersten Herberge angefragt, die aus mehreren kleinen Häusern an der Straße besteht. Da war noch was frei und ich bin in einem kleinen Haus untergekommen, das in Erdgeschoss einen gemütlichen Aufenthaltsraum und im Geschoss darüber vier Doppelstockbetten hat.

Ich habe da mein (Untergeschoss-) Bett bezogen, mich ein Stündchen hingelegt und dann in die Stadt begeben. Der erste Anblick war ernüchternd, denn ich war von wenig attraktiven fünf- bis siebengeschossigen Neubauten umgeben. Dann ging es aber über eine lange Treppe in die Altstadt, bestehend aus einer mit Herbergen und Kneipen gut ausgestatteten Straße, die bergauf zu einer Burgruine führt. Da war ziemlich viel Betrieb und bei fast allen auf der Straße handelte es sich um Pilger, viele waren mir schon mal begegnet. Das heißt, ohne die Pilger wäre auch eine solche, ziemlich große Stadt tot.

Ich habe unterwegs Ralf getroffen, der eigentlich so schnell ist, dass er schon viel weiter sein könnte. Aber am Sonntag erwartet ihn seine Freundin in Santiago vor der Kathedrale. Früher will und darf er da nicht sein. Wir haben zusammen ein Bier getrunken und dann habe ich mir auf dem Weg zur Herberge im Supermarkt was zu essen beschafft. Irgendwo einzukehren hatte ich keine Lust. Nun sind nach 26 Tagen erstmals mein Plasteteller und das bei meiner Tochter in Versailles abgestaubte Messer zum Einsatz gekommen. Letzteres sieht zwar aus wie ein Austern-Messer, ist aber in Wirklichkeit ein Sardinen-Messer, das man braucht, wenn beim Öffnen der Ölsardinenbüchse der Schniepsel abreißt.

Beim Sixpack San Miguel, bei dem ich mich tapfer vorwärts kämpfe, habe ich mir völlig unbegründet Sorgen gemacht, wie ich denn als Nicht-Bauarbeiter ohne Flaschenöffner den Inhalt der 0,25-Liter-Flaschen meinem Gaumen zugänglich machen kann. Die sind hier mit einer Art Reißleine versehen, die es auch einer ungeübten Hausfrau ermöglicht, beim Putzen zwischendurch mal einen Schluck zu nehmen. Prost. Bis morgen!

/a> Camino Francés / Finisterre - Tag 26