Sächsischer Jakobsweg von Bautzen über Dresden, Freiberg, Chemnitz, Zwickau nach Hof
Von Pesterwitz nach Freiberg

Tag 3 (Fr, 14.6.2024) Von Pesterwitz nach Freiberg / 40,9 km

Ich habe in der Friedhofskapelle sehr gut geschlafen, ringsum war es ja totenstill. Am Abend habe ich noch lange in der für Pilger ausliegenden Info-Mappe gelesen. Da fanden sich nicht nur nützliche Tipps und sinnvolle Gedanken, sondern auch eine ziemlich umfassende Historie der Orte am Weg und des malerischen Weißeritz-Tals, das in der Vergangenheit bedeutende Künstler und Herrscher angelockt hat. Leider bringt der Fluss auch immer mal reißendes Hochwasser, das im engen Tal großen Schaden anrichtet.

Ich bin heute früh um halb sieben aufgebrochen und gleich durch den Hinterausgang des Friedhofs raus, was einen Ab- und Aufstieg gespart hat. Auf dem Weinpfad ging es über Kohlsdorf nach Wurgwitz, wo es im Ort ziemlich auf und ab ging. Ab da verlief der Weg aber entlang einer ehemaligen Schmalspurbahn und war dadurch recht eben und ohne große Knicke. Auf dem festgewalzten Fuß-/Radweg lief es sich ganz prima. Eigentlich verlässt der Jakobsweg den ehemaligen Bahndamm kurz vor Kesselsdorf und führt über die Felder vorbei an Braunsdorf und weiter auf einem mit Kirschbäumen bestandenen Weg nach Grumbach. Ich habe aber zwischendurch einen Abstecher nach Kesselsdorf hinein gemacht, um mir dort im Supermarkt was zu essen zu kaufen, weil der Magen zu knurren anfing.

In Grumbach angekommen, habe ich überlegt, ob ich den „vorgeschriebenen“ Weg durchs Dorf bis zur Kirche und in einem Bogen fast zurück nehme, oder gleich abkürze. Zum Glück habe ich mich für Ersteres entschieden, denn nicht nur der Weg entlang des recht zahmen Bächleins namens „Wilde Sau“ durch den Ort war schön, sondern vor allem die von einem gepflegten Friedhof umgebene Dorfkirche. Die besticht durch ihre Holzdecke, die ganzflächig mit 16x6, also fast einhundert Bildern und je einem Zweizeiler aus der Bibel versehen ist. Da hat man bei der Predigt schön was zu schauen - und hinterher einen steifen Hals. Dummer­weise hat man der besseren Abgrenzung wegen die Bilder aus dem Alten und dem Neuen Testament in einer anderen Richtung gemalt und beschriftet. Die alttestamentlichen Bilder kann man mit dem Blick in Richtung Kanzel und Altar ganz gut studieren, ohne auffällig zu werden. Wenn man bei der Predigt auch die Bilder des Neuen Testaments betrachten will, muss man sich in der Bank umdrehen und in Richtung Orgel schauen, was dem Pfarrer auf der Kanzel dann vielleicht auffällt.

Die hufeisenförmige Empore, deren Brüstung mit floralen Motiven bemalt ist, kann man leider derzeit nicht erklimmen, um der Decke ein Stück näher zu sein, weil gerade die Orgel gereinigt wird. Hier scheint gerade überall Orgelputzen angesagt zu sein. Aber auch bei uns in Ahrensfelde wird gerade die Orgel gereinigt. Danach wird sie wieder klingen wie ein Raucher, der gerade abgehustet hat. Zu erwähnen wäre noch der Altar mit einem großen Gemälde und diversen Figuren ringsum, der Kronleuchter und nicht zu vergessen, der Kollektomat, das heißt, der Kartenleser neben dem Opferstock, der sogar finanzamts­taugliche Spendenquittungen ausspuckt. Leider ist das ein Modell, das noch nicht kontaktlos funktioniert. Sonst hätte ich mir den Spaß erlaubt, dem Finanzamt mal eine Kollektomaten­quittung einzureichen. Da ich zu faul war, die Geldkarte aus dem Rucksack zu kramen, habe ich es bei einem klassischen Münzwurf in den Opferstock belassen. Direkt vor der Kirche findet der Pilger übrigens Trost in Form eines Wegweisers, der besagt, dass es bis Santiago de Compostela kaum mehr als 3000 km sind. Zum Kollektomaten sei noch nachzutragen, dass der eine Überarbeitung des alten Tetzelspruchs „Wenn die Münze in dem Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.“ erforderlich macht. Zum Beispiel „Wenn der Piepton im Gerät erklingt, …“

In Grumbach trifft der aus Königsbrück an der Via Regia über Ottendorf-Okrilla, Moritzburg, Coswig und Wilsdruff verlaufende Jakobsweg auf „meinen“ Sächsischen Jakobsweg. Den könnte man auch mal laufen, der kann ja nicht lang sein. Zwei Kilometer hinter Grumbach steht an einer Kreuzung, umgeben von Feldern, ein großer, dicker Baum mit einer umlaufenden Bank. Der ideale Platz für eine Rast. Wie ich da so sitze, kommt eine Frau mit Rucksack vorbei, die, wie ein kurzer Plausch ergab, auch auf dem Jakobsweg unterwegs ist. Sie ist am Montag in Bautzen gestartet (ich am Mittwoch) und will nach Augustusburg bei Chemnitz, wo sie wohnt. Den Rest will sie ein anderes Mal machen. Nach Spanien mag sie nicht, da ist es ihr zu voll.

Über Pohrsdorf ging es dann nach Fördergersdorf. Da habe ich sie in der Kirche wiedergetroffen, wo sie sich offenbar für eine längere Pause niedergelassen hatte. Ich habe mich nur schnell in der etwas kuriosen Kirche umgesehen. Da gibt es zum Beispiel hinter dem Altar eine Empore und darüber noch eine halbe, ziemlich schräge, die so knapp unter der Decke platziert ist, dass da wohl kaum Erwachsene Platz nehmen können. Die Verglasung der Patronatsloge neben der Kanzel schließt mit der Wand ab, so dass die hohen Herrschaften zwar auf die ersten Bankreihen schauen können, aber kaum was vom Altar sehen und die Kanzel überhaupt nicht im Blickfeld haben. Eine Fotoausstellung hinten in der Kirche berichtet vom Guss dreier neuer Glocken 2008 in Lauchhammer, welche die drei nach dem Krieg gefertigten Stahlglocken ersetzen sollten. Das Anliefern und Aufhängen der Glocken hat das ganze Dorf gefeiert.

Hinter dem nächsten Ort, Spechtshausen, taucht der Weg in den Tharanter Wald ein, wo er erst nach ca. 12 Kilometern wieder heraustritt. Die ersten fünf Kilometer bis Grillenburg verlaufen im Zick-Zack, aber die folgenden sieben Kilometer gehen bis auf einen recht­winkligen Knick immer geradeaus. Glücklicherweise gibt es in dem winzigen Kaff „Grillenburg“ ein Schloss mit einem Schlossteich, auf dem man Kahn fahren kann. Und beim Kahnverleih gibt es einen Imbiss, der ein lebensrettendes Bratwurst-Bier-Menü zu bieten hat.

Zum Weg wäre noch zu sagen, dass der sehr gut ausgeschildert ist, nicht nur durch (richtig herum angebrachte) Aufkleber, sondern auch durch häufige Wegweiser. Und er scheint doch besser begangen zu sein, als z. B. die Via Imperii von Leipzig über Hof nach Nürnberg, auf der ich im letzten Jahr auf 400 km keinem anderen Wanderer oder Pilger getroffen habe. Heute waren es schon drei. Erstens die bereits erwähnte Dame, zweitens im Wald auf einer Bank etwas abseits vom Weg ein Mädel mit großem Rucksack. Mit ihr habe ich nur ein Winke-Winke ausgetauscht. In Naundorf, wo man auf einem freien Platz in der Dorfmitte mit schwarzen Steinen in hellem Pflaster den Gleisplan des einst dort befindlichen Bahnhofs festgehalten hat, habe ich die nächste Frau mit Muschel am Rucksack getroffen: Romy aus Zwickau. Die saß auf einer Bank und googelte gerade nach Quartieren in Freiberg, wo sie wie ich hin wollte. Sie war ganz beglückt, als ich ihr sagte, wo sie im Internet eine Unterkunftsliste findet. Sie hat da gleich das erste Quartier in Freiberg angerufen und war insofern erfolgreich, als sie dort schlafen kann, wenn sie bis halb sieben da ist. Das waren nur noch knapp drei Stunden und die Strecke weißt doch einige Hügel auf. Wir sind zusammen aufgebrochen, aber ich habe sie nach dem ersten Berg laufen lassen, weil sie es ja eilig hatte und ich ihr Tempo auf die Dauer nicht halten konnte. Das unter Pilgern in solchen Fällen übliche „wir sehen uns!“ hat sich noch am gleichen Abend bewahrheitet, denn als ich erschöpft und langsam vor mich hin trödelnd kurz vor sieben den Stadtring von Freiberg erreicht habe, kam sie plötzlich aus einer Seitenstraße - verlaufen! Aber sie hat telefonisch klären können, dass sie auch etwas später in ihr Quartier kommen kann. An der nächsten Ecke war sie schon wieder verschwunden. Ich habe mich noch kurz auf dem Domplatz umgesehen, wo viel Trubel herrschte, weil dieses Wochenende Stadtfest ist. Da stand alles voller Buden, wodurch ich heute noch zu einer zweiten Bratwurst gekommen bin.

Dann bin ich aber in mein Quartier, die katholische Pfarrei „St. Johannes“ am südlichen Stadtring, wo ich mich am Nachmittag telefonisch angekündigt hatte. Da hat mich ein netter, fast kugelrunder Pfarrer mit Bermuda-Shorts und Hawaii-Hemd empfangen und in den Jugendraum geführt, wo ich zwischen einer Couch und einem Klappbett wählen kann. Eine Küche und WC sind gleich nebenan. Mehr braucht man nicht. Das Duschen kann auch mal ausfallen, denn heute will ich nicht mehr unter Leute.


Sachsen - Tag 3, von Pesterwitz nach Freiberg