Sächsischer Jakobsweg von Bautzen über Dresden, Freiberg, Chemnitz, Zwickau nach Hof
Von Chemnitz nach Reinsdorf

Tag 5 (So, 16.6.2024) Von Chemnitz nach Reinsdorf / 45,6 km

Der Tag geht hoffentlich nicht so weiter, wie er angefangen hat. Um sechs, beim Sachenpacken, stürzt doch der nicht richtig austarierte Rucksack mit Getöse auf den Boden. Wie peinlich, denn ein paar Minuten vorher war mir schon mal der Schirm runtergefallen und unter mir wohnen vermutlich die netten Herbergseltern. Für die Nachwelt sei erwähnt, dass heute Sonntag ist und die lieben Leute vielleicht länger als bis sechs schlafen wollten. Wie groß war aber das Erschrecken, als sich plötzlich eine lustig schäumende Flüssigkeit aus dem Rucksack auf den Boden ergoss, bei dem es sich glücklicherweise um einen robusten Holzboden handelte.

Mein schönes Ur-Krostitzer! 490 Jahre alt - vielleicht nicht diese Charge, aber die Brauerei. Da war es nur ein schwacher Trost, dass der Rucksackinhalt, darunter meine gerade von Handtuchtrockner gesammelte, frisch gewaschene Wäsche die Hälfte aufgesogen hat. Für den Rest musste ein Handtuch dran glauben, das ich anschließend solange durchs Wasser gezogen habe, bis es nur noch nach Light-Bier roch. Ich hatte gerade eine Büchse Bier für den Abend und eine gestern wegen des vorgefundenen Begrüßungsschluckes übrig gebliebene Flasche im Rucksack verstaut. Nachdem die Pfütze aufgesagt war, habe ich mich erstmal dem Rucksack zugewandt, in dem ich einen Scherbenhaufen erwartet habe. Nix da, die Flasche war ganz, aber die Bierbüchse war geplatzt! Wie gut, dass ich die Senfdose, die ich mir in Ermangelung einer Senftube für mein Wiener-Päckchen gekauft habe, noch nicht eingepackt hatte!

Am späten Vormittag habe ich dann nochmal in meinem Quartier angerufen und mich für den Krach und mein Malheur entschuldigt. Aber die Herbergsmutter meinte, dass sie weder meinen stürzenden Rucksack, noch die Folgen wahrgenommen hätte. Ob es stimmt, weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist sie einfach eine gute, fröhlich drein schauende Frau, was wohl daran liegt, dass sie aus Brandenburg kommt. Einen Sachsen in freier Wildbahn zum Lächeln zu bewegen, ist eine Kunst, die ich noch nicht beherrsche. Im Wald und auf der Heide trifft man hier recht viele Leute mit und ohne Hund, aber selten jemand mit freund­lichem Gesicht. Wenn man nicht selbst grüßt, läuft der/die Entgegenkommende oft ohne jede Anteilnahme vorbei. Grüßt man, dann gibt es eine fast mürrische Erwiderung. Jogger können keine Energie damit verschwenden, mit dem Kopf zu nicken oder die Augen aufzuschlagen und unter den jungen Frauen hält sich wohl noch das Gerücht, dass Grüßen schwanger macht. Aber natürlich gibt es auch Ausnahmen, die habe ich jedoch erst abends kennen­gelernt.

Der Weg führte mich durch eines der Chemnitzer Neubaugebiete ins Stadtzentrum mit einem kurzen Abstecher zum sehenswerten Marktplatz. Marx‘ Kopf, den „Nischl“, habe ich ausge­lassen. Noch in der Innenstadt taucht der Weg ab zum Flüsschen Chemnitz und folgt diesem durch Wald und vorbei an Teichen und Rosengärten in Richtung Süden. Da läuft es sich gut. In Klaffenbach geht es vorbei am Golfplatz und am Schloss, das jetzt als Golfclub dient. Soweit ich das im Vorbeigehen beurteilen kann, zeichnen sich die Clubmitglieder zwar durch tolle Autos, aber nicht durch sonderlich gute Spielkünste aus.

In Adorf führt der Weg eigentlich als Rundweg um das ganze Dorf und vorbei an der Kirche. In Anbetracht der noch anstehenden Kilometer habe ich da aber abgekürzt. Weiter ging es durch den „Tiergarten“ nach Jahnsdorf, wo mich das drängende Gefühl, mal aufs Klo zu müssen, beschlich. Aber in dem endlos langen Dorf fand sich am Vormittag keine offene Kneipe, wo man sich hätte erleichtern können. Ich bin extra durchs Dorf und nicht wie „vor­geschrieben“ auf dem Umgehungsweg gelaufen - auch um ein paar Höhenmeter zu sparen.

Am Ende des Ortes, wo eine Variante des Jakobsweges abzweigt, fand sich aber eine Pilgerherberge mit offener Tür. Da sich auf Klingeln und Rufen niemand meldete, bin ich wie in Spanien üblich, einfach rein und auf die rettende Kloschüssel. Als ich wieder aus dem Haus trat, kam gerade der Besitzer, der über meine Eigenmächtigkeit etwas ungehalten war und einen Euro für die Klobenutzung haben wollte. Aber er hat sich schnell beruhigt und ist ganz umgänglich geworden. Er hat mir noch gezeigt, wo an der Straße der Stempel zu finden ist, und hat mir den weiteren Weg erklärt.

Von Jahnsdorf nach Stolberg ging es wieder viel über Felder mit schönen Blicken aufs Land. Allerdings war es ziemlich warm, was den Weg nicht erleichtert hat. In Stollberg gibt es neben der St. Jakobi-Kirche am Markt noch eine zweite (verschlossene) Kirche, die kleine, strahlend weiße katholische St. Marien-Kirche. Und einen Dönerladen, wo ich meinen Flüssig­keitsverlust ausgleichen konnte. Bis hier waren es etwa 26 km, wenn man meine kleinen Abkürzungen berücksichtigt. Es war halb drei und es stellte sich die Frage, ob ich hier Quartier nehme, oder bis nach Reinsdorf weiterlaufe, wo ich mich zu 20 Uhr angekündigt hatte. Nach der „offiziellen“ Ortsliste waren es über Oelsnitz noch 23 km, laut Routenplaner auf direktem Weg, also an Oelsnitz vorbei, nur 19 km und gut fünf Stunden. Also los - auf der kürzeren Strecke. Da sich nach einem Stück Wald auch dort Muscheln am Wegesrand zeigten, kann der Weg ja nicht falsch oder gar ablassmindernd sein. Wie ich später erfahren habe, hat man den ursprünglich auf dieser kurzen Route verlaufenden Weg später über Oelsnitz gelegt, weil ein Waldbesitzer nicht zugelassen hat, dass bei ihm ausgeschildert wird.

Um viertel acht hatte ich Reinsdorf erreicht, aber noch eine halbe Stunde zu laufen, bis ich in der Ortsmitte vor der Kirche stand. Dort wurde ich schon freudig und mit einem gekühlten Bier empfangen - von meinem Pilgerfreund Ulf, den ich auf der letzten Tour in Spanien kennengelernt habe und der im nahen Mülsen, einem 14 km langen Straßendorf, wohnt. Den hatte ich am Tag zuvor angerufen und mitgeteilt, dass ich in der Nähe bin. Als abzusehen war, dass ich es bis Reinsdorf schaffe, haben wir uns dort, wo es leider keine Gaststätte gibt, verabredet. Die Wiedersehensfreude war groß und wir haben viel geschwatzt. Um acht kam Harley, der Herbergsbetreuer dazu, der sich als ein sehr freundlicher, gesprächiger Sachse erwies. Der ist zwar seit kurzem Rentner, hat aber keine Zeit zum Pilgern, weil er im Heimat­verein, im Museum, im Pilgerverein und in der Kirchengemeinde so viel zu tun hat. Er war früher bei der Kirche angestellt und auf dem Friedhof tätig, wo er 600 Leute unter sich hatte. (Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich den Witz verstanden habe.)

Es wurde schon dunkel, als wir auseinander gingen und ich habe dann die erste Runde wohlverdienten Schlafes in der Badewanne der netten, modernen 2-Personen-Herberge genommen. Zum Schreiben war ich aber auch danach noch zu müde. Das war wieder ein Versuch, wie weit man es an einem Tag schafft: 45 km. Für die 200 km von Bautzen bis hier habe ich 5 Tage gebraucht. Darauf bin ich richtig stolz. Aber die restlichen 100 km werde ich ruhiger angehen.


Sachsen - Tag 5, von Chemnitz nach Reinsdorf