Sächsischer Jakobsweg von Bautzen über Dresden, Freiberg, Chemnitz, Zwickau nach Hof
Von Reinsdorf nach Lengenfeld

Tag 6 (Mo, 17.6.2024) Von Reinsdorf nach Lengenfeld / 32,1 km

Getreu dem Vorsatz, den Rest der Tour etwas geruhsamer anzugehen („Genuss-Pilgern“) bin ich heute erst um halb acht los, obwohl ich wie immer um halb sechs wach war. Leider fing es gerade zu regnen an, als ich vor die Tür getreten bin, aber nur so viel, dass der Schirm gereicht hat. Eine halbe Länge des Dorfes lag heute noch vor mir. Da ging es auf einem schönen, kurvenreichen Weg, zeitweise entlang eines kleinen Baches parallel zur Haupt­straße bis zum Ortsausgang von Reinsdorf. Da kam dann zwar bald das Ortseingangsschild von Zwickau, aber ehe da was von der Stadt zu sehen war, ging es ein ganzes Stück entlang einer fußweglosen Straße mit Berufsverkehr. Leider habe ich den Abzweig runter zur Zwickauer Mulde verpasst. Die nächste Möglichkeit, von der Straße zum Wanderweg am Fluss zu kommen, war leider wegen Astbruch- und Baumsturzgefahr gesperrt. Das allein hätte mich nicht abgehalten, aber der Weg war ziemlich zugewachsen und das hohe Gras pitschnass.

In Zwickau am Hauptmarkt angekommen, bin ich nicht gleich den Jakobsweg-Schildern aus der Stadt heraus gefolgt, sondern habe ich mich noch rings um den (verschlossenen) St. Marien-Dom umgesehen. Der Sächsische Jakobsweg, auf dem ich laufe, wird fortan als „Jakobsweg Vogtland“ bezeichnet. Er trifft hier in Zwickau auf den aus Leipzig kommenden und auch nach Hof führenden „Jakobsweg Via Imperii“, den ich im vorigen Jahr gelaufen bin.

Nahe dem Dom habe ich als Frühstück beim Fleischer eine Gulaschsuppe und als Nachtisch bei McDonald einen Chickenburger gegessen. Dann ging es gut gestärkt auf den weiteren Weg, der mich bis Lengenfeld führen sollte, wo ich gerade telefonisch Quartier gemacht hatte.

Aus Zwickau heraus führt der Weg in Richtung Süden, vorbei am Schwanenteich und am Westsachsenstadion. Weiter dann durch Nieder- und Oberplanitz nach Rottmansdorf. Hinter dem Ort ist am Wegesrand eine kleine, von Bäumen umstandene Anhöhe, an der sich mal ein Denkmal befand. Das kleine Plateau zwischen den Bäumen ist eingezäunt und mit zwei Bänken versehen. Einem Schild am Papierkorb zufolge, treffen sich da wohl immer die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr. Von hier hat man einen tollen Blick zurück auf die Kirche und auf das Land ringsum. Und unter den Schatten spendenden Bäumen kann man hervorragend Mittagsschlaf machen! Ich hatte ja heute keine Eile - vor 19 Uhr brauchte ich nicht in Lengenfeld sein, weil meine Quartiergeber erst dann von einem Termin zurück sind.

Gut ausgeruht ging es unter der A72 hindurch und vorwiegend durch Wald nach Hirschfeld. Da steht vor einem Erdbeerhof eine Riesen-Erdbeere, wie man sie auch bei uns gelegentlich als Verkaufsstand sieht, und darin ist ein Speiseeis-Automat, der Becher mit verschiedenen Fruchteissorten enthält. Das finde ich sehr originell. Und schön finde ich, dass an der Erdbeere ganz groß „Eis am Jakobsweg“ steht. Das ist wieder ein Indiz dafür, dass die Leute sich hier mit dem Weg identifizieren. Hirschfeld hat sogar einen Tierpark zu bieten - aber keine Gaststätte, in der man sich hätte laben können. Es war inzwischen halb vier und der in Zwickau erworbene Wasservorrat aufgebraucht. Ich hätte natürlich irgendwo darum bitten können, mir die Wasserflasche mit dem Gartenschlauch aufzufüllen. Aber viel effektiver ist die scheinheilige Frage „Kann man hier irgendwie zu einer Flasche Bier kommen?“, die man vorzugsweise an einen Herren mittleren Alters mit Arbeitsklamotten richtet. Das hat schon öfters das Beschaffungsproblem gelöst. Und auch heute führte diese, an einen im Blaumann von seinem Gehöft kommenden Mann dazu, dass er kehrt machte, im Haus verschwand und mit einer Flasche „Wernesgrüner“ zurückkam. Der Mann hätte eigentlich eine Lebensretter-Medaille verdient gehabt, aber er hat nicht mal das Geld genommen, das ich ihm geben wollte. „Durst ist schlimmer als Heimweh“ sagte er und verschwand. Unter den mitunter griesgrämig drein schauenden Sachsen gibt es doch richtig tolle Menschen. Aber ich bin ja auch schon im Vogtland.

Vor dem Verdursten gerettet habe ich mich auf den weiteren Weg durch Voigtsgrün nach Irfersgrün gemacht. Dort überrascht die schon auf Wegweisern angekündigte St. Jakobs-Kapelle. Das ist ein vorn offenes Bretterhäuschen mit spitzem Dach, nicht größer als eine Telefonzelle. Drinnen ein geschnitztes Jakobus-Relief, Kerzen, Bibel und Reiseführer und der Pilgerstempel. Ganz niedlich. Wer gern auf Wegweisern und in Wanderführern verewigt werden will, sollte sich solch ein Bretterhäuschen in den Garten stellen.

Hinter Irfersgrün ging es nochmal durch den Wald und dann auf langen, geraden Wegen durch die Felder, von wo aus sich schöne Blicke auf die Landschaft boten. In Waldkirchen angekommen, sollte man eigentlich einen parallel zur Hauptstraße verlaufenden Feldweg nehmen, aber der war von Grasballen durchsetzt und deshalb sehr holprig, warum ich doch lieber auf den Gehweg an der Straße gewechselt bin. Der nächste Ort war dann endlich Lengenfeld. Es war zehn vor sieben, ich lag also gut in der Zeit. Aber ich musste mir ja noch was zum Abendbrot und für morgen unterwegs besorgen. Es ist schon verrückt: auf den 30 km von Zwickau bis hier trifft man auf keinen Supermarkt und hier stehen, nur durch einen „TEDI“ getrennt, zwei Supermärkte nebeneinander: „diska“ und „Edeka“, die noch dazu das gleiche „Gut&Günstig“-Sortiment haben. Ich habe mich im diska eingedeckt und, da es schon nach sieben war, in meiner Herberge mitgeteilt, dass ich in zehn Minuten da bin.

Vom Telefonat her wusste ich, dass meine Bleibe wieder mal auf einem Friedhof sein wird. Maria und Bernd, zwei rüstige Rentner, die selbst gern pilgern und schon mehrmals in Santiago waren und nun durchziehende Pilger beherbergen, wohnen nämlich auf dem Friedhof, vermutlich im Haus des ehemaligen Friedhofswärters. Ich muss eine gewisse Affinität zu Friedhöfen haben … Bernd hat mich schon am Tor erwartet und wie einen alten Bekannten mit einer herzlichen Umarmung begrüßt und ins Haus geführt, wo ich seine liebe Frau Maria kennengelernt habe. Sie haben mich, nachdem ich mein Bett im Arbeitszimmer gezeigt bekommen habe, auf die Terrasse geladen. Maria wollte mich gleich bewirten, aber ich hatte ja eingekauft und das Gekaufte musste nun auch gegessen werden. Während ich meinen üblichen Salat aß, haben wir munter über hiesige und ferne Pilgerwege geplaudert.

Bernd sagte dann noch, dass er üblicherweise Pilger (von denen in diesem Jahr vor mir erst zwei da waren) noch auf den Kirchturm führt. Er war der Meinung, dass ich das nach dem langen Marsch sicher nicht mehr haben will. Da hat er sich aber geirrt! Also sind wir nach dem Essen rüber in die neoromanische, 1864 erbaute evangelische Aegidius-Kirche, für die er den Schlüssel hat. Um die 160 Stufen sollen es bis zur umlaufenden Aussichtsplattform seine. Eine Etage höher sind im Turm sechs offene Fenster, durch die jeden Sonnabend um 18 Uhr mindestens vier Bläser ein kleines Konzert geben - Bernd gehört dazu.


Sachsen - Tag 6, von Reinsdorf nach Lengenfeld