Sächsischer Jakobsweg von Bautzen über Dresden, Freiberg, Chemnitz, Zwickau nach Hof
Von Lengenfeld nach Lauterbach

Tag 7 (Di, 18.6.2024) Von Lengenfeld nach Lauterbach / 31,0 km

Obwohl die Glocke der benachbarten Kirche viertelstündlich die Uhrzeit verkündet hat, habe ich sehr gut geschlafen. Ansonsten war ja Totenstille auf dem Friedhof rings um meine Herberge. Ich bin trotzdem um viertel sechs aufgewacht, hab‘ mich noch ein Viertel­stündchen im Bett gewälzt und bin dann raus. Um sechs stand ich abmarschbereit in der Tür, bin aber noch auf Bernd getroffen, der gerade aufgestanden war. So konnte ich mich noch ein zweites Mal von ihm verabschieden. Es war wirklich eine Freude, da zu übernachten.

Ich bin gleich durch den Hinterausgang des Friedhofs raus auf den entlang der Friedhofs­mauer verlaufenden Jakobsweg. Der Weg führte zunächst durch die Felder und dann durch den Wald zur Wilhelmshöhe, wo früher mal ein trigonometrischer Punkt stand und jetzt ein vor 120 Jahren von Naturfreunden errichteter Aussichtsturm steht. Die gut hundert Stufen bis nach oben habe ich mir aber gespart und stattdessen an einer der vielen Sitzgruppen ringsum Rast gemacht. An manchen Wochenenden ist hier sogar Gaststätten­betrieb.

Weiter ging es durch Treuen, was eine richtige Stadt mit eigenen Gullydeckeln ist, Altmannsgrün und Schönau nach Bergen. Dahinter macht der Jakobsweg erst einen Bogen nach Nordwesten und dann nach Südosten, bevor er Lottengrün erreicht. Zwar auch im Bogen, aber etwas direkter geht der Radweg, der auf einer ehemaligen Bahntrasse verläuft und deshalb nur mit sehr gemäßigten Steigungen aufwartet. Wie ich gesehen habe, ist der bei „Mapy“ sogar explizit als Alternative zum Jakobsweg ausgewiesen. Auf dem Radweg angekommen, habe ich zunächst eine halbe Stunde Siesta (spanischer Volkssport) gemacht. Einen ersten Anlauf hatte ich schon mal auf einer Bank am Feldrand gemacht, aber da kam plötzlich ein Minenwerfer und hat den geladenen Kuhmist in weiten Kreisen auf dem Feld verteilt und die duftende Ladung fast bis an meine Bank geschleudert. In Lottengrün treffen Rad- und Jakobsweg aufeinander, ich bin aber auf dem Radweg entlang der Bahntrasse geblieben, da auch das Stück bis Oelsnitz günstiger erscheint und als Jakobsweg-Alternative ausgewiesen ist. Da komme ich heute noch ein zweites Mal durch ein Altmannsgrün, dafür entgeht mir aber ein Hartmannsgrün …

Tagesziel sollte heute eigentlich Oelsnitz sein - der aufmerksame Leser wird aufhorchen: das hatten wir doch schon mal! Ja, das war „Oelsnitz (Erzgebirg.)“ zwischen Stollberg und Zwickau, das ich umgangen habe, um gegen 20 Uhr in Reinsdorf zu sein. Das Oelsnitz, das jetzt vor mir liegt, ist „Oelsnitz/Vogtl.“. Das wäre so ziemlich die Hälfte zwischen meinem heutigen Startpunkt und meinem morgigen Ziel, Hof, also der richtige Punkt zum Absteigen. Die Herbergsliste weist da aber nur ein Pilgerzimmer in einem Bed&Breakfast aus und wie ein Telefonat ergab, gibt es dieses nicht mehr, weil zu wenige Pilger kamen. Aber 47,50€ für ein auf der Webseite grauenhaft aussehendes Zimmer will ich keinesfalls ausgeben. Und anders, als bei Bed&Breakfast zu erwarten, ist da Frühstück nicht mal inklusive, sondern kostet 9€ extra!

Das nächste Quartier auf der Liste ist im Pfarrhaus in Triebel, etwa 10 km hinter Oelsnitz. Ich habe da angerufen und könnte auch kommen, aber die Dame hat mir noch eine preiswerte Pension „Sonnenhof“ gleich hinter Oelsnitz empfohlen, wo es lt. Webseite „Monteurzimmer“ für 25€ gibt. Da habe ich aber bisher niemand erreicht, was kein Grund zur Sorge ist. Wenn ich dort nicht unterkommen kann, bleibt mir ja immer noch Triebel.

Auf dem Fahrradweg war zum Glück nicht viel Verkehr. Da ließ es sich gut laufen. Eine Tafel am Wegesrand verriet, dass hier von 1865 bis 1951 die „Voigtländische Staatseisenbahn Herlasgrün-Oelsnitz/V.“ verkehrte. Die Strecke hatte Normalspur und war 47 km lang. Durch den starken Bewuchs auf beiden Seiten fällt gar nicht auf, dass diese teilweise auf einem sehr hohen Damm verkehrte. Um viertel drei stand ich endlich vor dem Ortseingangsschild von Oelsnitz/V. Nun ging es ein ganzes Stück entlang eines Gewerbegebietes, in dem offenbar wirklich produziert und nicht nur verteilt wird. Als Kontrastprogramm führte der Weg anschließend durch eine Eigenheimsiedlung direkt auf eine recht imposante, gut wieder hergerichtete und modern ergänzte Burg zu: das Schloss Voigtsberg. Da gibt es mehrere Museen, unter anderem ein Teppichmuseum, und eine Gaststätte. Da diese aber heute geschlossen hat (und wie später ein Schild verriet, ganz aufgegeben wurde), habe ich die Burg nur lustlos fotografiert und ansonsten ignoriert. Ich habe zwar genug Getränke mit mir herum geschleppt, aber irgendwas Kühles auf der Zunge hätte mich an diesem mit 26 Grad recht warmen Tag schon beglückt.

Weiter ging es in die Stadt hinein, wo es einen Edeka mit lauwarmer Limonade, eine sehr große erscheinende und verschlossene St. Jakobi-Kirche, ein Rathaus ohne Touristen­information und ein um 16 Uhr geschlossenes Fremdenverkehrsamt gibt. Ich habe irgendwo mal ein Prospekt des „Jakobsweges Vogtland“ aushängen gesehen, das ich gern haben wollte, aber hier nun wieder nicht bekommen habe. Mein (des Gewichtes wegen zuhause gelassener) Pilgerführer und die bisher gesammelten Prospekte sprechen immer nur vom „Sächsischen Pilgerweg“, der nach Hof führt. Die Vogtländer differenzieren da stärker, ein Drittel des Weges ist ihrer!

Eine gut restaurierte Postsäule an der vom Markt herunter führenden Straße habe ich noch gesehen. Ich glaube, keine Sehenswürdigkeit ausgelassen zu haben, als ich mich auf das letzte Stück des Weges nach Lauterbach machte. Ich hatte inzwischen den Betreiber der Unterkunft „Sonnenhof“ erreicht und die Zusage erhalten, dort übernachten zu können. Ich hatte Glück, denn er hat gerade ein Zimmer neu hergerichtet, das aber erst morgen gebraucht wird. Das Haus, eine Art Reihenhaus, vermutlich aus der Nachkriegszeit, steht nicht weit vom Jakobsweg entfernt, 50 Meter zurückgesetzt an der Hauptstraße (Hofer Straße) und ist damit recht ruhig gelegen. Das geht auch ohne Friedhof.! Eine Längsseite des Hauses ist mit einer überdachten Terrasse versehen, auf der Sitzgruppen für die Raucher oder Abendsonnen-Genießer stehen. Die Ein- bzw. Zweibettzimmer haben alle ein eigenes Bad mit Dusche und WC, Fernseher und WLAN. Alle zusammen haben eine Küche und einen großen Aufenthaltsraum, der auch gut als Kneipenraum durchgehen würde: rustikale Holztische, -stühle und -bänke und mittendrin ein Kachelofen.

Ich habe im Zimmer erstmal Schuhe und Strümpfe von mir geworfen und mich ins Bett fallen gelassen, aber nicht, ohne den Wecker zu stellen. Ich wollte und musste ja noch im nahen NORMA einkaufen. Da mich der Gedanke umtrieb, dass Gewitter angekündigt war und der Himmel sich tatsächlich dunkel verfärbte, habe ich mich dann doch lieber gleich in den Supermarkt aufgemacht, statt zu schlafen. Der Markt ist nicht groß, hat aber neben Lebensmitteln und Drogerieartikeln auch alle möglichen Haushaltswaren zu bieten; halt wie ein gut sortierter Dorfkonsum. Dort etwas Simples zum Abendbrot und fürs Frühstück zu finden, war gar nicht so einfach. Ich habe mir letztlich aus der Tiefkühltruhe ein Paket Nuggets genommen und ein Mini-Fläschchen Öl, weil ich nicht wusste, ob es sowas in der Herberge gibt. Diese kleinen Portionen gab es aber nur als Spezialöl: Kräuter-, Zitronen- oder Knoblauch-Öl. Ich habe letzteres ausgewählt und alles zusammen ergab dann ein leckeres, paniertes „Knoblauchhuhn vogtländischer Art“.


Sachsen - Tag 7, von Lengenfeld nach Lauterbach