Sächsischer Jakobsweg von Bautzen über Dresden, Freiberg, Chemnitz, Zwickau nach Hof
Von Lauterbach nach Hof

Tag 8 (Mi, 19.6.2024) Von Lauterbach nach Hof / 30,1 km

Gestern hatte ich in der Unterkunft einen Fernseher im Zimmer und damit erstmals die Möglichkeit ein Spiel der Fußball-EM zu sehen: Portugal - Tschechien. Kurz vor neun habe ich den Fernseher eingeschaltet und mich ins Bett gelegt. Aber noch während der ersten Halbzeit, nach ein paar artistisch eindrucksvollen, aber wenig effizienten Aktionen von Ronaldo bin ich eingeschlafen. Um halb zwei, beim ersten nächtlichen Klogang habe ich den Fernseher ausgeschaltet. Da waren gerade in einer Nachrichtensendung jubelnde Tschechen zu sehen. Wie ich heute gelesen habe, haben die Tschechen nach einem Tor in der 62. Minute kurzzeitig geführt. Leider ging es dann 2:1 für Portugal aus. Da ich mich hier im Dreiländereck Sachsen / Bayern / Tschechien bewege, liegt meine Sympathie auto­matisch bei den Tschechen.

Ich bin wie immer zeitig aufgewacht und war kurz nach sechs aufbruchsbereit. Aber dann bin ich mit dem Besitzer des „Sonnenhofes“, geschätzt Ende vierzig, ins Quatschen gekommen und so war es fast um sieben, als ich aufgebrochen bin. Ich habe ihn unter anderem gefragt, ob er denn auch Dauergäste in seiner Unterkunft hat. Ja, ein paar Polen, einer wohnt schon über ein Jahr bei ihm. Die haben es ja hier auch ganz gemütlich und die große Küche zur Verfügung. Ich habe gestern welche am Herd werkeln gesehen, die waren aber längst mit Essen fertig und auf ihren Zimmern verschwunden, als ich aus dem NORMA wiederkam.

Ich habe heute früh erst überlegt, ob ich die Dorfstraße runterlaufe, statt den ausge­schilderten Weg, der ein paar hundert Meter entfernt, parallel zur Straße verläuft, erst rechts und später links. Da ich heute, am letzten Tag, keine Eile habe, bin ich den Jakobsweg­markierungen gefolgt. Das war im ersten Teil sehr schön: auf glatt gewalzten Schotterwegen und mit prima Aussichten. Dann ging es über die Landstraße auf die andere Seite. Da war anfangs noch Asphalt, weil Häuser am Weg stehen. Bald ging die kleine Straße aber in einen Weg am Feldrain über, der völlig mit Gras zugewachsen ist und einem binnen Minuten nasse Schuhe und Hosen bescherte. Das mag ich gar nicht am Beginn einer Wanderung. Als der Weg das nächste Mal die Straße kreuzte und zu sehen war, dass es durch hohes Gras weitergeht, bin ich auf der Straße geblieben und über Obertriebel statt über Triebel gelaufen.

Kurz bevor der vorwiegend durch den Wald verlaufende Weg auf die S309 trifft, kam wieder ein Stück durch hohes Gras. Da habe ich lieber einen Umweg in Kauf genommen: über den Kammweg nach Osten und dann auf der S309 wieder bis zum Jakobsweg. Der führt ziemlich direkt zum Dreiländereck, wobei ich mir die letzten paar hundert Meter bis zum Grenzstein und zurück gespart habe. Ohne irgendeine Markierung an oder auf der Straße und ohne dass man das den Orten angesehen hat, war ich kurze Zeit später plötzlich im Westen: „Nentschau, Gde. Regnitzlosau, Kreis Hof“.

Die nachfolgenden Orte hatten alle was mit „Gattendorf“ zu tun. In Kirchgattendorf beein­druckt eine am Ende einer aufwärtsführenden Straße stehende Kirche mit einem Zwiebel­turm. Dieser konnte ich aber nur einen halben Blick zuwerfen, da der kurz vorher eingesetzte Regen plötzlich sehr stark wurde. Unter dem breiten Vordach einer Garage habe ich Zuflucht gefunden und wollte abwarten, bis der Regen nachgelassen hat. Aber er entwickelte sich stattdessen zu einem Regenguss und mir taten langsam vom Rumstehen die Beine weh. Da habe ich mir einen vor dem Nachbargrundstück stehenden Stuhl geholt, unter das Vordach gestellt, ihn saubergemacht und mich darauf platziert. So ließ sich das aushalten, bis der Regen schwächer wurde und ich weiterlaufen konnte.

Da ich (vermutlich zum Glück) den auf Feldwegen nach Schloßgattendorf führenden Abzweig verpasst habe, musste ich die Straße nach Neugattendorf nehmen, von wo es auf einer kaum befahrenen Straße nach Döberlitz ging. Da war ich wieder auf dem Jakobsweg, der nun aber bis an den Stadtrand von Hof erneut auf einem mit hohem Gras bewachsenen Feldweg verlief. Da waren Schuhe und Hosen sofort wieder pitschnass. Das hat mir die Lust verübelt, in Hof eine Gaststätte mit Fernseher zu suchen, um das Spiel Deutschland gegen Ungarn zu sehen. Ich hatte nur noch das Verlangen, schnell die nassen Schuhe und Sachen loszuwerden.

Um halb sechs war ich am Alten- und Pflegeheim, zu dem die Pilgerherberge gehört. Es fand sich zwar keiner, der mich pflegen wollte, aber den Schlüssel für die mir schon bekannte Herberge bekam ich da. Ich habe nur schnell meine Sachen abgestellt und bin gleich los, um noch was zu essen und einzukaufen. Bei einem syrischen Pizzabäcker gegenüber dem Rathaus habe ich je eine kleine Portion Börek (Teigtasche mit Spinat) und syrische Pizza (mit Thymian und Olivenöl) bestellt, was essbar war und mich schnell satt gemacht hat. Im NORMA habe ich mir Salat und was zu trinken geholt und damit bin ich eiligst ins Quartier, wo ich die nassen Sachen abgeworfen und die Beine in eine Schüssel warmes Wasser getaucht habe. Das war eine Wohltat und hat langsam die Lebensgeister geweckt. Zum Glück fand sich auch ein warmer Heizkörper, auf den ich meine mit Papier ausgestopften Schuhe platzieren konnte. Es wäre mir sehr lieb, morgen nicht in nasse Schuhe steigen zu müssen. Eigentlich wird ja immer plädiert, dass man beim Pilgern auf das Smartphone verzichten soll. Das wird mir nie gelingen. Im Gegenteil, künftig werde ich für den Strecken­verlauf Satellitenbilder abrufen, um nicht wieder auf solche fiesen, zugewachsenen Wege zu gelangen.

Über den Spielstand bin ich am Abend stets per WhatsApp informiert worden, so dass ich mich der hier ausliegenden Jakobsweg-Literatur widmen und Ideen sammeln konnte. Hier und heute endet aber erstmal die Pilgertour auf dem „Jakobsweg Sachsen/Vogtland“. Es war eine landschaftlich sehr ansprechende Tour mit wenigen, mäßigen Anstiegen auf einem sehr gut ausgeschilderten Weg. Bis auf heute und einem Regenguss vor ein paar Tagen war das Wetter sehr ordentlich und die Quartiersuche hat keine großen Probleme gemacht - das aber auch nur, weil ich mich nicht vor langen Etappen gescheut habe. Da, wo ich auf Herbergs­eltern gestoßen bin, habe ich sehr nette, hilfsbereite und am Pilgern interessierte Menschen kennengelernt. Im Nachhinein bedaure ich, dass ich morgens meist so zeitig aufgebrochen bin, statt das Angebot eines gemeinsamen Frühstücks und weiterer Gespräche anzu­nehmen.

Morgen geht es mit dem Zug nach Hause - mit der Bimmelbahn, sprich mit dem Nahverkehr, um das Deutschlandticket nutzen zu können. Wenn dabei nichts Außergewöhnliches passiert (Verspätungen und Ausfälle bei der Bahn sind nicht außergewöhnlich), war das hier mein letzter Bericht von dieser Reise.


Sachsen - Tag 8, Von Lauterbach nach Hof