Unterwegs auf dem Jakobsweg entlang der Via Imperii, die von Stettin über Berlin nach Leipzig führt.




Dies ist eine weitestgehend unveränderte Zusammen­stellung der im August 2022 täglich per WhatsApp an Freunde und Verwandte verschickten Tagesberichte.
Eine bebilderte Version wird demnächst auf eckelt.de/Jakobsweg zu sehen sein.

© 2022, Benedikt Eckelt



Vorwort

Nachfolgende Berichte betreffen die letzten vier Etappen des Jakobsweges von Stettin nach Leipzig. Nur für diese habe ich abendliche Erlebnisberichte erstellt und an Freunde und Verwandte geschickt. Für die Etappen 1…12 gibt es die auf eckelt.de/Jakobsweg üblichen, stark bebilderten Wegbeschreibungen.


Etappe 13 (15.8.2022) Von Lutherstadt Wittenberg nach Kemberg

Es ist Montag Abend, ich sitze in Wittenberg in einer Art Jugendherberge und muss mir noch die Zeit vertreiben, bis es dunkel wird. Ich bin mal wieder unterwegs auf der alten Reichsstraße „Via Imperii“, die von Stettin über Berlin nach Leipzig und weiter nach Hof führt. Der Abschnitt von Stettin bis Leipzig ist auch als Jakobsweg deklariert worden, da sicher die Pilger aus Pommern und vielleicht auch viele aus Brandenburg diesen Weg genutzt haben, um nach Rom oder Santiago zu kommen. In Leipzig stößt die Via Imperii auf die Via Regia, die von Görlitz quer durch Sachsen und Thüringen nach Vacha (hinter Eisenach) führt und sich dann in das europäische Netz der Jakobswege eingliedert. Pilger nach Santiago werden wohl in Leipzig rechts abgebogen und auf der Via Regia weitergelaufen sein.

Ich will also das als Jakobsweg ausgewiesene Stück der Via Imperii von Stettin nach Leipzig laufen. Bis Lutherstadt Wittenberg war ich schon gekommen, abgesehen von einer Drei-Tage-Tour Stettin-Gartz-Schwedt-Angermünde im vorigen Herbst und einer Zwei-Tage-Tour Treuenbrietzen-Kropstädt-Wittenberg vor ein paar Tagen, bin ich alles in Tagestouren gelaufen, das heißt, morgens von Mehrow nach A und abends von B zurück.

Jetzt will ich das Stück von Wittenberg über Kemberg, Bad Düben und Krostitz nach Leipzig mit Zwischenübernachtungen hintereinander laufen. Da das sicher nicht so spannend wird wie die Tour durch Spanien, hatte ich eigentlich nicht vor, hierbei abendliche Berichte zu verfassen. Aber einerseits bin ich von manchen darum gebeten worden und andererseits habe ich festgestellt, dass es gar nicht verkehrt ist, sich abends Notizen zu machen und diese als Lebenszeichen an Freunde und Verwandte zu schicken. Wem vorstehende Zeilen als Lebenszeichen genügen, der möge sich aus der Gruppe verabschieden. Andernfalls droht ihm/ihr nicht nur die nächsten 4 Tage Gebimmel in der Tasche, sondern auch noch in den nächsten Wochen, in denen ich mir etwas die Beine vertreten will.

Mit Bus und S-Bahn bin ich heute früh zum Hauptbahnhof. Da beides wider Erwarten pünktlich war, war ich eine halbe Stunde vor Abfahrt des RE 3 nach Wittenberg am Hauptbahnhof. Um die Zeit totzuschlagende bin ich raus zur Invalidenstraße und auf der anderen Straßenseite in den von alten, hohen Mauern umgebenen Hof des ehemaligen Zellengefängnisses. Dort ist jetzt eine schöne Parkanlage. Da ich selbst fast 20 Jahre in Moabit gesessen habe [weil da mein Büro war], weiß ich, wo von ich rede.

Vor der Mauer lungerte eine Gruppe Osteuropäer herum, die am frühen Morgen schon reichlich Leergut produziert hatte. Dass die Polizei dagegen nicht viel unternehmen kann, mag sein, aber auch wenn‘s kriminell wird, schauen die nicht hin. Auf meinem Weg zu besagtem Park liefen vor mir zwei der Typen mit einem ganz sicher geklauten Bierfass auf einen der herumliegenden Elektroroller am Bahnhofsrevier vorbei und vor einem in erster Reihe an der Ampel wartenden Polizeiwagen über die Kreuzung. Das Fass wurde dann, nachdem es von der ganzen wartenden Gruppe bejubelt worden war, im Gebüsch versteckt. Vermutlich ist jetzt jemand aufgefallen, dann man noch etwas Zubehör klauen muss, um das Bier trinkbar aus dem Fass zu bekommen. Wenn die Jungs schlau sind, klauen sie die Zapfgarnitur im Bahnhofsrevier der Polizisten, denn die kriegen das vermutlich nicht mit.

Um 8.30 Uhr bin ich dann mit dem zwar halbwegs vollen, aber keinesfalls überfüllten RE 3 nach Wittenberg - durch den Berliner Nord-Süd-Tunnel mit Halt am Potsdamer Platz, was ich auch noch nicht oft gemacht habe. Nach einer nicht langweiligen Fahrt bei strahlendem Sonnenschein war ich kurz vor 10 Uhr in Wittenberg - eigentlich erstes spät, um sich auf den Weg zu begeben, aber der sollte heute angeblich nur 16,9 km betragen.

In Wittenberg hätte ich mich vom Bahnhof direkt zur Elbbrücke begeben und damit erheblich abkürzen können, aber ich wollte mich schon auf historischem (Jakobs-) Weg durch die Stadt begeben.

Wenn man der Bahnlinie entgegen der Fahrtrichtung ein Stück folgt, kommt man zum Bunkerberg, der dadurch entstanden ist, dass man den dortigen Hochbunker aus dem vorerst letzten Weltkrieg nicht vollständig sprengen konnte und deshalb mit Erde zuschütten musste. Wir (Ex-) Berliner kennen das, bei uns wimmelt es an Hügeln, die durch missglückte Bunkersprengungen entstanden sind. Mit Stahl, Spiegeln und viel Geld hat man hier eine futuristische Besucherplattform geschaffen, die gegenüber einer einfachen, geraden, mit Steinen eingefassten Plattform nur den Vorteil hat, dass Graffiti-„Künstler“ hier viel mehr Fläche zum Bekritzeln finden.

Neben dem Bunkerberg ist das Augusteum, also das Augustinerkloster in dem sich Luther als Student herumgetrieben hat. Ihm hat man auf dem Hof ein Lutherhaus gewidmet, andere Studenten sind da ganz leer ausgegangen.

Da sich Luther 1517 mit einer beschrifteten Tapetenrolle, Hammer und Nägeln auf den Weg zur Schlosskirche gemacht und dort die Tür als Anzeigetafel benutzt hat, wurde 500 Jahre später viel Aufwand betrieben, um Wittenberg ins rechte Licht zu rücken und Jubiläumsgäste anzulocken. Es ist viel passiert und die Stadt hat sich sehr herausgeputzt.

Die Collegienstraße zwischen Bunkerberg und Luthereiche, die auf das Stadtzentrum zu läuft, hat zum Beispiel beidseits Lindenbäumchen bekommen, die von weltweit verteilten protestantischen Kirchengemeinden gestiftet wurden. Insgesamt müssen das mindestens 500 sein, denn die Bäume sind nummeriert und beschriftet - hier sind Nummern knapp unter 500 vergeben.

Die Straße gabelt sich bald, aber beide Stränge laufen auf den Marktplatz zu. Diesen und die angrenzenden Straße habe ich aber beim letzten Mal schon ausgiebig besichtigt, weshalb ich ihm dieses Mal nur einen halben Blick spendiert habe und an der Cranach/Apotheke links abgebogen bin. Durch das Elbtor und vorbei am Bahnhof Altstadt bin ich auf die B2 / B187 gestoßen, welche die Stadt im Süden umfährt. Dahinter verläuft der Weg über die Elbwiesen, im Zickzack um kleine Tümpel herum zu Elbbrücke. Treppauf gelangt man da zum Fuß-/Radweg, der neben der Straße über die Elbe führt. Parallel zur Straße führt sich die Eisenbahnlinie über die Elbe. Alle paar Minuten donnert da ein Zug rüber, darunter mehrmals stündlich ein ICE.

Das Kuriose an der Elbüberquerung ist, dass man die beiden Brückenbogen für Teile EINER Brücke hält. In Wirklichkeit sind es zwei Brücken, die sich beide mit einem Boden begnügen.

Parallel zur B2 geht es über die Elbe und die sich anschließenden Elbwiesen. Bei der jetzigen Trockenheit ist kaum vorstellbar, dass die fast jährlich überschwemmt werden und oft nicht ausreichen, um das Hochwasser aufzunehmen.

Hinter den Elbwiesen trennt sich der Jakobsweg, der zugleich Lutherweg und hier auch Fahrradweg Berlin-Leipzig ist, von der B2. Er führt ein ganzes Stück nach rechts (Westen) durch einen Wittenberger Vorort und dann in einem weiten Bogen über abgeerntete Felder und durch ein bisschen Wald zurück zur Bahnlinie. Für den normalen Wanderer ist es nicht so toll, ein paar Kilometer an der Bahnlinie entlang zu laufen, aber ein Eisenbahn-Freak hätte helle Freude an den Triebwagen und ICE-Zügen, die an ihm hier vorbei donnern.

Dann biegt der Weg wieder rechts ab und verläuft durch ziemlich dichten Wald in einem Bogen nach Klitzschena, wo es eine schöne Dorfkirche gibt, die dadurch auffällt, dass hier neben Feldsteinen dunkelrot leuchtender Eisenrasenstein Verwendung gefunden hat, sofern ich das als Laie beurteilen kann.

Danach geht es durch Bergwitz und hinter dem Bahntunnel des gleichnamigen Bahnhofs geht es bald rechts ab zum Bergwitzsee, der am Nord- und Ostufer fast lückenlos mit Badestränden für Menschen, Tiere und FKK-Liebhaber gesäumt ist.

In der Nordost-Ecke des Sees trennt sich mein Weg vom Rundweg um den See und führt nun ziemlich direkt nach Kemberg. Das war mein heutiges Etappenziel. Dort wollte ich im Pfarrhaus übernachten und am nächsten Tag gleich weiterlaufen. Aber der Pfarrer ist im Urlaub und dieses Quartier steht deshalb nicht zur Verfügung. Das Schützenhaus hat auch Urlaub, eine weitere Pension ist belegt und die anderen Unterkünfte, die man im Internet für Kemberg findet, liegen zu ungünstig. Ich habe mich deshalb entschlossen, zwecks Übernachtung mit dem Bus zurück nach Wittenberg und morgen dann wieder mit dem Bus nach Kemberg zu fahren und die Tour fortzusetzen.

Ich habe in Wittenberg im Gloecknerstift, einer evangelischen Herberge für Kinder- und Jugendgruppen, die aber auch einzelne Gäste aufnimmt und Pilgern mit Ausweis sogar Rabatt gewährt, eine Unterkunft für 15€ buchen können. Für 18 Uhr habe ich da mein Kommen angesagt. Ich wollte deshalb in Kemberg den Bus um 16.30 Uhr kriegen, mit dem nächsten wäre es knapp geworden.

Da die Strecke von Wittenberg nach Kemberg mit fast 22 km deutlich länger war als angepriesen (16,9 km), war ich gar nicht viel vor der Abfahrt des Busses in Kemberg. Die Zeit hat gerade gereicht, um im gegenüber der Haltestelle befindlichen EDEKA was für die Rückfahrt zu kaufen. Da ich eine dreiviertel Stunde zu früh in Wittenberge und das Tor zur Herberge noch verschlossen war, bin ich erstmal in den hiesigen EDEKA, um mir dort mein Abendbrot zusammenzustellen.

Pünktlich um 18 Uhr stand ich wieder vor der Herberge, aber die war immer noch ver­schlossen und der Herbergsvater sagte mir am Telefon, dass er erst in einer halben Stunde kommen kann und ich so lange eine Kaffee trinken soll. Ein Zufall oder göttliche Fügung haben aber das Café geschlossen und einen geöffneten Pub daneben platziert. Dort habe ich genüsslich ein Guinness konsumiert - leider nicht ganz ungestört, denn draußen zog lautstark ein Zug von vielleicht 200 Impfgegnern vorbei, gefolgt von etlichen Polizeiwagen.

Um halb sieben wurde mir dann Einlass in die Herberge gewährt. Hier ist alles im Jugendherbergsstil: einfach, praktisch und sauber. Außer mir sind angeblich noch zwei weitere Gäste im Haus. Die habe ich aber noch nicht zu sehen bekommen.

Ich werde mich jetzt unter die Dusche und ins Bett begeben, weil ich morgen zeitig und möglichst ohne Wecker los will.


Etappe 14 (16.8.2022) Von Kemberg nach Bad Düben

Ich muss mich gleich eingangs entschuldigen: es hätte beinahe wieder eine spannende Draußen-Schlaf-Aktion werden können, aber jetzt habe ich doch ein Dach über dem Kopf.

Ich habe hier in Bad Düben telefonisch ein Zimmer in der Pilger- und Wanderherberge MILU eines privaten Betreibers reserviert. Beim letzten Telefonat sagte er mir, dass alles OK ist und hat mir einen Code für die Schlüsselbox genannt.

Als ich heute Abend viertel nach sechs nach 32 km ankam, hat das Codeschloss an der Schlüsselbox meinen Code nicht akzeptiert. Ich habe Andreas, den Betreiber, angerufen und auf den AB gesprochen. Dann bin ich erstmal was einkaufen gegangen und habe es nochmal probiert. Wieder nur der AB, weshalb ich noch eine SMS hinterher geschickt habe.

Da es nun langsam auf 20 Uhr zuging, habe ich noch zwei Pensionen angerufen, deren Nummern ich hatte - beide belegt. Von zwei anderen wusste ich schon, dass nichts frei ist. Ich habe auch am Pfarrhaus geklingelt, aber da war keiner da. Ich bin nochmal zum Quartier in der Hoffnung, dass inzwischen vielleicht ein anderer Pilger gekommen ist, aber Fehlanzeige.

Nun habe ich mich auf die Suche nach einer Parkbank gemacht. An der Kirche war eine, gut hinter Hecken versteckt, aber ohne Dach. Da fällt mir eine Straße weiter ein Giebel auf, an dem was von „Herberge“ steht. Beim Näherkommen zeigt sich, dass dies ein ganz normales Hotel („Zum Löwen“) ist. Die Giebelaufschrift ist wohl was Historisches. Außerdem ist heute Ruhetag. Ich habe trotzdem mal angerufen und bin auf einen sehr umgänglichen Hotelchef gestoßen. Der konnte mir zwar kein Pilgerzimmer bieten, hat mir aber angeboten, im teil­weise überdachten Biergarten zu übernachten und mir erlaubt, da ggf. auch Bänke zusammen­zustellen. Ich hatte mir gerade eine Bank ausgesucht, da kam eine Angestellte, hat mir gezeigt, wo Sitzkissen sind, hat mir die Toilette aufgeschlossen und mir sogar noch für morgen früh Frühstück angeboten. Das sah also nach einer perfekten Nacht im Freien aus. Warm genug wäre es sicher gewesen und Wind und evtl. Regen hätten mich in meiner Ecke nicht erreichen können.

Aber da erreichte mich stattdessen ein Anruf von Andreas, der flehentlich um Verzeihung bat, dass er mir den neuen Code nicht mitgeteilt hat. Ich habe daraufhin meinen Kram wieder eingepackt und bin in die Pilgerherberge umgezogen. Es ist ein altes Haus mit Holzbalken, alten Türen usw., aber neuen Küchen und Bädern und einer echt urigen Innenausstattung mit vielen Sofas, großen Holztischen, alten Möbeln, Grill mit Holzbänken im Garten usw. Hier lässt es sich gut aushalten. Bisher bin ich allein, aber angeblich sollen noch zwei kommen. Ich lass mich überraschen.

Das Happy End ist zwar schon bekannt, aber trotzdem will ich noch vom restlichen Tag berichten.

Ich habe im Gloecknerstift hervorragend geschlafen: bei offenem Fenster im Schlüpper AUF dem Schlafsack. Zum Glück gab es kein Viehzeug. Ich hatte mir doch vorsorglich einen Wecker auf um sechs gestellt, ich hätte sonst sicher lange geschlafen, denn die Matratze war perfekt.

Nach den üblichen Morgenritualen habe ich noch schnell einen Blick auf den Hof geworfen. Da gäbe es gute Möglichkeiten auszuspannen oder in der Gruppe was zu unternehmen. Auf dem Rasen stehen auch zwei originelle 2-Mann-Hütten, die eigentlich für Pilger gedacht sind.

Ich hab den Schlüssel in den Briefkasten geworfen und bin dann los zum Busbahnhof. Ich hätte auch von der Haltestelle vorm Haus dorthin fahren können, aber ich war früh dran und bin deshalb das Stück gelaufen. Der Bus nach Kemberg war pünktlich - Abfahrt 7.04 Uhr. Ich bin nicht bis zum Ärztehaus/Edeka, wo ich an meine gestrige Tour anknüpfen wollte, durchgefahren, sondern schon am Ortseingang ausgestiegen und durch den Ort gelaufen.

Schon von weitem fällt der völlig überdimensionierte Kirchturm auf, weshalb ich mir die Kirche wenigstens von außen anschauen wollte. Ich hätte gern auch mal reingeschaut, aber die im Schaukasten angegebene Nummer des Schlüsselinhabers wollte ich um dreiviertel sieben nicht anrufen.

Nicht weit entfernt, am Markt, steht das ganz nett aussehende Rathaus mit Ratskeller. Im Rathaus hätte ich mal klingeln sollen, da wäre vielleicht schon jemand gewesen, der mir einen Pilgerstempel hätte verabreichen können. Nun muss es ohne gehen.

Im Edeka habe ich am Backstand Frühstück genommen, einen großen Kaffee und ein mit verschiedenen Wurstsorten belegtes, dickes Brötchen. Ich habe auch meinen Getränkevorrat deutlich aufgestockt und was zum Essen für unterwegs eingepackt. Das war sehr weise, denn die nächste Möglichkeit zum Einkaufen und/oder Einkehren gab es erst hier in Bad Düben nach 32 km! Das ist ein gutes Training für die Via de la Plata, den Jakobsweg von Sevilla nach Santiago, wo 30-km-Etappen ohne Verpflegungsmöglichkeit üblich sind.

In Tornau, schon fast am Ende der Tour, hätte es eine Gaststätte gegeben, zu der ich sogar einen Umweg gelaufen bin. Aber die hatte zu, genauso wie ein Imbiss in der Nähe. Bei dem stand aber dran, dass wegen Krankheit verkürzte Öffnungszeiten gelten.

Die zwei Kneipen zwischen dem Ortseingang Düben und meinem Quartier hatten auch zu. Das Gasthaus Hammermühle ohne Angabe von Gründen, das Paulaner Stüberl wegen Ruhetag. Hier in Düben gäbe es zwar Gaststätten, doch nun habe ich mich im Penny mit Speis und Trank eingedeckt.

Nun aber zurück zur Tour.

Gleich neben dem Kemberger Edeka, am Schützenhaus war ich schon wieder auf dem Jakobsweg, der bis Düben und wahrscheinlich auch noch weiter mit dem Lutherweg identisch ist. Das hat den Vorteil, dass der Weg lückenlos und leicht sichtbar ausgeschildert ist, hat aber den Nachteil, dass es für den Lutherweg vermutlich keinen Ablass gibt.

Ich bin also auf besagten Wegen aus Kemberg heraus gelaufen und habe dabei noch so reizvolle Straßennamen wie „An der MTS“ zu sehen bekommen. (Den Nachgeborenen sei erklärt, dass „MTS“ für „Motoren- und Traktoren- Station“ steht. Heute würde man das einen „Verleih von Landmaschinen“ nennen.) Die Hallen, an denen der Weg zunächst vorbei führt, gehörten sicher früher zu besagter MTS. Jetzt ist da eine Firma drin. Sehr löblich, denn anderswo verfallen solche Hallen. Dem Verfall preisgegeben scheint die ehemalige Berufs­schule zu sein, an der ich vorbei komme. Ringsum sind schon Bäume gewachsen, die bald die ganze Fassade verdecken werden.

Bis der Weg in den Wald abtaucht, laufe ich vorbei an Wohn- und Wochenend-grundstücken, die recht gepflegt aussehen. Eine Infotafel am Waldrand erläutert, dass man sich nun in der Dübener Heide befindet. Das ist ein riesiges Waldgebiet rings um Düben. Nur wenige Flecken sehen darin so aus, wie wir eine „Heide“ kennen. Aber mein Weg führt anfangs an mehreren Flächen vorbei, die mit einem Gras-Blümchen-Erika-Gemisch bestanden sind. Dem Lutherjubiläum ist es wohl zu verdanken, dass da verschiedentlich Bänke mit Lutherzitaten stehen, von denen aus man über diese interessante Landschaft schauen kann. Auf einer solchen Bank habe ich mich zur Rast niedergelassen und unter anderem den Tomatensaft rausgeholt, den ich mir im Edeka gekauft habe, um nicht immer nur Wasser trinken zu müssen. Schon nach dem ersten Schluck war klar, dass nicht umsonst „scharf“ auf dem Etikett steht. Jetzt habe ich auch die Chili-Schote auf dem Etikett entdeckt. Für unterwegs zum Durstlöschen ist der Saft nicht unbedingt geeignet, aber er ist eine hervorragende Grundlage für eine Bloody Mary. Vielleicht bekomme ich in irgendeinem Konsum eine kleine Penner-Pulle Wodka, mit dem ich das Werk vollenden kann.

Vom Ortsausgang Kemberg bis nach Düben führt der Weg fast ausschließlich durch Wald. Erst „zivilisierter“ Kiefernwald, dann Laubwald, dann wieder wilder Nadel- und Mischwald. An einigen Stellen sah es aus, als hätte es gestern hier mehr geregnet als in Wittenberg. Die Wege in dem mitunter recht hügligen Gelände sahen aus, als wäre da unlängst viel Wasser herunter geschossen und insbesondere im Laubwald war das Gras am Wegesrand so nass, dass man sich beim Brombeerpflücken nasse Hosenbeine geholt hat.

Brombeeren, die ich so sehr liebe, gibt es hier reichlich und allein wegen der Pflückerei komme ich nur langsam vorwärts. Als Diabetiker habe ich ja wenigstens ein schlechtes Gewissen, wenn ich die pausenlos in mich hineinstopfe. Aber einschlägige Internetportale sind der Meinung, dass die gesundheitsfördernden Inhaltsstoffe der Brombeeren die schäd­liche Wirkung des Zuckergehalts überwiegen. Das kann man auch kritisch sehen: wenn man an irgendeinem Gift stirbt, ist es egal, ob da irgendwelche Komponenten gesundheits­fördernd sind oder nicht.

Ich lasse mir den Spaß aber nicht verderben und futtere die Brombeeren in mich hinein - es folgen ja wieder viele Monate ohne Brombeeren. Ich habe auch keine Angst vor dem Fuchsbandwurm, denn der Fuchs wird wohl beim Pinkeln kaum so hoch springen, dass er die Brombeeren in meiner Griffhöhe benetzen kann. Aber ich denke an die Vegetarier, die vielleicht der Naturverbundenheit wegen in Bodennähe sammeln und sich dabei einen Fuchsbandwurm zulegen: „Nur ein bisschen Obst gegessen und schon ein Tier im Bauch, sogar ein lebendes!“ Ich bin noch gar nicht fertig mit diesem Gedanken, da fällt mein Blick auf einen Sticker mit dem Spruch „Du sollst nicht töten! Go vegan!“. Ja, was mach nun ein Vegetarier mit Bandwurm im Bauch?

Über solche Probleme grübelnd komme ich nach Lubast, einem kleinen Dorf, das in Kemberg eingemeindet wurde. Hier hätte ich gern Quartier genommen, als klar war, dass in Kemberg keine Unterkunft zu bekommen ist. Auf eine Email-Anfrage beim hiesigen Hotel, ob sie auch ein Angebot für Pilger mit Schlafsack haben, kam ein Angebot über 86 Euro. Da hat mich auch das enthaltene Frühstück nicht locken können.

Der nächste „Wohnplatz“ hinter Lubast war „Mark Zschiesewitz“ (irre Namen haben die hier!), eine Ansammlung von ein paar Häusern auf einer Lichtung im Wald, mittendrin als Dorfkirchenersatz ein Briefkasten. Danach folgt eine Bungalowsiedlung, erst links, dann rechts vom Weg. Ein paar Grundstücke sehen verlassen oder zumindest heruntergekommen aus, aber andere sind sehr ordentlich hergerichtet. Und alle Grundstücke, die auf der anderen Straßenseite eine Lichtung haben, sind mit Sitzgelegenheiten ausgestattet, die den Blick dorthin erlauben.

Dann ging es lange Zeit durch nichts anderes als Wald. Mein Freund Jörg hat mich daran erinnert, dass wir als Schüler mal bei einer Radtour in Richtung Leipzig nachts von einem Polizisten gestoppt wurden, der aus dem Gebüsch hervorsprang. Wie waren ohne Licht unterwegs, was bei den seinerzeit üblichen Dynamos eine erhebliche Kraftersparnis dar­stellte und kein Risiko war, weil ja nachts so gut wie keine Autos unterwegs waren. Aber der nachts aus dem Gebüsch kommende Polizist war vermutlich weniger um unsere Sicherheit, als vielmehr um die Geheimhaltung der Bunkerbauten im Wald neben der Straße besorgt.

Meine Sorge gilt heute eher der drohenden Dehydrierung. Kaffee, ein Becher Buttermilch und zwei Liter Wasser haben mich bisher am Leben gehalten, aber jetzt sind die Vorräte aufgebraucht. Ich bin inzwischen in Tornau angekommen. Die im Wald platzierten Reklametafeln versprechen hier ein griechisches Restaurant Syrtaki. Ich finde das auch am andern Ende des Dorfes, aber da ist zu. Zumindest habe ich bei diesem Umweg einen Blick auf die interessante Dorfkirche von Tornau werfen können.

Ich könnte noch von Biber-Aussichtstürmen im Wald, vom Lutherstein, von meinem Mittagsschlaf an einem Rastplatz am Hammerbach, vom Skulpturenpark kurz vor Düben usw. berichten, aber für heute ist es genug.


Etappe 15 (17.8.2022) Von Bad Düben nach Krostitz

Es hat heute wieder nicht mit einer Nacht im Freien geklappt, obwohl die Chancen dafür gut waren.

Im Pilgerherbergsverzeichnis ist hier in Krostitz ein Bett im Gemeindehaus als Pilgerherberge ausgewiesen. Das habe ich beim Pfarrer reservieren lassen. Ich sollte mich nach der Ankunft bei der Kirchenältesten melden, die mir aufschließt. Ein paar Tage später kam eine Mail, dass die Dame an dem Tag nicht da ist, ich aber offene Türen vorfinden werde. Bei meiner Ankunft gegen fünf Uhr bin ich aber schon an der Gartentür gescheitert. Eine nette Nachbarin hat mir jedoch verraten, mit welchem Trick man rein kommt.

Die Treppe hoch geht es zu einem Jugendraum, von dem aus man ins Pilgerzimmer kommt. Hier war die Tür nur leider wirklich verschlossen und es war nicht herauszubekommen, wer einen Schlüssel hat. Die Kirchenälteste, die man hätte fragen können, war tatsächlich nicht erreichbar.

Nun haben sich die netten Nachbarn ins Zeug gelegt und herumtelefoniert, wer denn weiß, wer den Schlüssel hat. Ich habe derweil die Urlaubsvertretung des Pfarrers angerufen, eine Pfarrerin einige Orte weiter. Die konnte mir auch nicht auf Anhieb weiterhelfen, versprach aber, sich zu kümmern. Nach einer Weile rief die von ihr informierte Vikarin an und sagte, dass sie dem Pfarrer eine SMS geschickt hat. Zugleich bot sie mir einen Platz in der Pilgerherberge Weltewitz an, ca. 8 km von hier. Sie könnte mich auch abholen und dorthin fahren. Aber ich hatte mich schon auf die Nacht auf dem Treppenabsatz eingerichtet. Da konnte sie mir wenigstens noch den Tipp geben, wo ich im benachbarten Pfarrhaus Toiletten finde. Ein paar Minuten später rief sie nochmal an und sagte, dass Sie die Pfarrsekretärin erreichen konnte, die den Schlüssel hat und mir aufschließen wird. Das kann nur einen Moment dauern, weil die Dame drei Dörfer weiter wohnt. Ich war inzwischen auf dem Weg zum ziemlich weit entfernten Supermarkt, denn irgendwas brauche ich ja zum Abendbrot und für morgen früh. Eigentlich hatte ich vor, nach dem Einkauf gleich beim Griechen, der einzigen offenen Gaststätte, was zu essen. Aber nun wollte ich erstmal sehen, welchen Lauf der Abend nimmt.

Noch im Supermarkt rief mich die Kirchenälteste zurück, weil die gesehen hat, dass ich sie angerufen hat. Sie würde mir den Schlüssel bringen, aber das kann einen Moment dauern, weil sie noch in Leipzig ist. Nun musste ich erstmal blitzschnell sortieren, wen ich angerufen habe, wer sich bei mir gemeldet hat und welche Auskünfte ich schon bekommen habe. Nach haarscharfer Analyse des Vorangegangenen konnte ich der Dame Entwarnung geben, weil ja schon jemand mit dem Schlüssel unterwegs ist. Eine tolle Hilfsbereitschaft von allen Seiten. Vor einer Stunde stand ich noch vor verschlossener Tür und jetzt sich schon zwei Schlüsseldienste auf dem Weg. Allen Beteiligten einen herzlichen Dank!

Die Kirchenälteste, die einzige, von der ich eine Telefonnummer habe, habe ich dann aber doch noch mal angerufen, weil ich mit den über zwei Etagen verteilten Räumlichkeiten nicht klar gekommen bin. (Ich habe die Toilette hinter einer verschlossenen Tür vermutet, aber die ist eine Etage tiefer.) Sie kam kurz darauf vorbei, hat mir alles erklärt und sogar noch die Kirche zur Besichtigung aufgeschlossen. Auch dafür nochmals herzlichen Dank.

Nun sitze ich im Pilgerzimmer, in dem man inklusive Jugendraum eine halbe Schulklasse unterbringen könnte. Die erste Runde Abendbrot ist absolviert. Wenn ich das hier abgeschickt habe, kommt die zweite Runde und dann vielleicht auch noch ein Bericht von Rest des Tages.

Ich habe nun schon zweimal erlebt, wie schnell man in Bedrängnis geraten kann, nur weil jemand einen kleinen Fehler gemacht hat - den Code geändert oder die Tür abgeschlossen. Aber ich kann da nicht mit Steinen schmeißen, weil ich im Glashaus sitze.

Nachdem ich gestern den richtigen Code bekommen habe, konnte ich die Schlüsselbox öffnen und mit dem darin befindlichen Schlüssel aufschließen. Den habe ich mit rein genommen und überlegt, was ich damit am Morgen mache. Ich bin dabei gar nicht auf die Idee gekommen, dass ja noch jemand nach mir kommen könnte, der dann vor einer leeren Schlüsselbox steht. Genau so kam es aber. Nachts halb elf ruft mich der Vermieter an, dass ich doch bitte die zwei Radfahrer reinlassen soll, die da vor der Tür stehen. Die haben sich nicht getraut zu klingeln oder an die Scheibe zu klopfen, hinter der ich in der beleuchteten Küche am Küchentisch saß. Sie haben stattdessen den Umweg über den Vermieter gewählt. Statt zu meckern haben sich die Beiden bei mir ganz herzlich für das Türöffnen bedankt und sich für die Unannehmlichkeiten entschuldigt. Verkehrte Welt.

Nachts habe ich hervorragend geschlafen und morgens habe ich mir Zeit gelassen, geduscht, Kaffee getrunken und mich kurz mit den beiden Radlern unterhalten, die kaum aufgestanden, schon auf bepackten Rädern saßen. Die beiden Männer, geschätzt 30 Jahre, sind Amerikaner, der eine Orgelbauer und der andere Orgelspieler. Der Orgelbauer lebt und arbeitet in Deutschland, weshalb er sehr gut Deutsch spricht. Er hat für seinen Freund eine Radtour zu einigen den besten Orgeln Deutschlands zusammengestellt und organisiert, dass er darauf spielen darf. Tolle Idee! Gestern sind sie in Borkheide bei Potsdam mit dem Fahrrad gestartet und in Wittenberg zum Orgelspiel in die Schlosskirche eingekehrt, weshalb sie abends so spät dran waren. Heute wollten sie nach Halle und weiter nach Merseburg, wenn ich mir das richtig gemerkt habe.

Dann habe ich noch eine Weile mit einem Herrn geschwatzt, der plötzlich im Flur stand und den ich für den Hausmeister gehalten habe. Er (jetzt 70 und ein paar Häuser weiter wohnend) erzählte, dass der Betreiber der Herberge diese vor 5 Jahren ziemlich verwahrlost gekauft hat und jemand suchte, der ihn beim Ausbau unterstützen könnte. Zusammen haben sie dann entrümpelt, verkleidete Balken und Decken freigelegt. Er, der gar kein Handwerker ist, sondern mal leitender Angestellter der LPG war und nach der Wende 20 Jahre eine Kneipe betrieben hat, hat im Haus alle Bäder und Küchen so akkurat gefliest, dass man das einem Fachmann zuschreiben würde. Sicher war hier kein Boden so eben und keine Wand so glatt, dass man da mit den heute üblichen großen Fliesen gleich hätte loslegen können. Große Hochachtung!

Er hat mir dann noch das ganze Haus gezeigt und erzählt, dass das Quergebäude mit viel Fachwerk und einem Laubengang auch Wander-/Pilgerherberge werden soll. Angeblich wird die Herberge ziemlich gut genutzt, schließlich liegt sie nicht nur direkt am Luther- und Jakobsweg, sondern auch am Radweg Berlin-Leipzig, der gut befahren ist.

Es war heute früh schon nach acht, als ich aus der Herberge raus war. Nun noch schnell zu Penny oder REWE (beide Wand an Wand, 200 Meter weiter ein Netto, sonst nichts in der Stadt), um Verpflegung für den Tag zu fassen. Dann noch ein paar Schritte durch die Altstadt. Vor dem Rathaus kam mir die Idee, dort mal nach einem Pilgerstempel zu fragen. Obwohl das Rathaus mittwochs geschlossen ist, hat sich die Dame am Empfang mein Ansinnen angehört und im Haus herum telefoniert, wer mit meinem sehnsuchtsvollen Verlangen etwas anfangen kann. Kurz darauf kam eine Angestellte die Treppe runter und erklärte mir, dass sie mir leider nur einen Rathausstempel geben könne, dass es aber in der Touristeninfo einen Pilgerstempel gibt. Da diese aber auch mittwochs geschlossen ist, hat sich die Dame am Empfang hingesetzt und dort angerufen, dass man mich doch einlassen möge. Dann kam noch eine Kollegin dazu, die sich anbot, mich hinzuführen, weil sie selbst ins benachbarte Museum müsse. Mit solchem Geleit bin ich da sofort eingelassen worden und durfte dann sogar zwischen zwei Stempeln wählen - ich habe sie mir beide in den Pilgerpass drücken lassen, schließlich fehlt mir ja einer von Kemberg.

Nun war es zwar schon ziemlich spät, aber ich war begeistert, dass man vom Aufstehen bis 9 Uhr schon so viele nette Leute treffen kann.

Später habe ich dann noch in einer Kirche eine nette Begegnung gehabt. In Krippehna war ich gerade von einem kurzen Schlummerchen auf einer Friedhofsbank erwacht, als ein Herr in meinem Alter die Kirche aufschloss, um im Turm die Uhr zu stellen, was nach seiner Auskunft jede Woche einmal nötig ist, weil Temperatur und Wind den Gang der Uhr beeinflussen. Obwohl mich das Justieren brennend interessiert hätte, bin ich den Herrn nicht auf den Turm gefolgt, da ich von den inzwischen zurückgelegten Kilometern schon ziemlich geschlaucht war. Ich habe mir aber die Kirche angeschaut, die mit einer gerade sehr kostspielig restaurierten Orgel aufwarten kann. Es gab da auch einen schönen Altar zu bestaunen und viele tönerne Figuren, die aus den Händen einer früheren Pfarrersfrau stammen. Die umlaufende Empore war nach der Schilderung des Herrn früher sogar mal zweistöckig. Jetzt gibt es sonntags 10…20 Besucher, da kommt man mit weniger Plätzen aus. Als wir aufs Wandern/Pilgern kamen, erzählte er, dass er oft mit seiner Frau nach Österreich in die Berge fährt, aber dass seine Frau immer davon träumt, auf den Jakobsweg zu gehen, wenn sie Rentnerin ist. Da konnte ich doch gleich eine Literaturempfehlung loswerden.

An Sehenswürdigkeiten gab es noch in Wölkau die große Kirche ohne Dach und Fenster. Im deckellosen Kirchenschiff ist eine Ausstellung zur Kirche aufgebaut, wie man durch Schlitze in der Tür erkennen kann. Leider kommt man nicht rein.

Einen noch viel trostloseren Eindruck macht gegenüber das ehemalige Gut Wölkau und insbesondere das große, mehrflügelige Schloss auf dem Gutsgelände, das von einem Bauzaun umgeben ist. Das Dach ist glücklicherweise neu gedeckt, aber das zwischenzeitlich schon mal ganz ordentlich hergerichtete Hauptportal im Südflügel sieht schon wieder ziemlich schlimm aus und alles andere gleicht eher einer Ruine, als einem in Sanierung befindlichen Schloss.

Zum Weg wäre zu sagen, dass der nur ein paar Kilometer durch Wald führte, ansonsten auf Feldwegen oder am Straßenrand. Hinter Krippehna war es besonders schlimm, da stand kein Baum oder Strauch an der Straße und nur die Freileitungsdrähte warfen Schatten, der aber zur Abkühlung nicht ausreichte. Trotz Wolken waren inzwischen 32 Grad.

In Krostitz führt der Jakobsweg direkt an der Brauerei vorbei, aber man darf nicht glauben, dass man vor Ort an einen Tropfen Ur-Krostitzer gelangt. Der „Fanshop“ ist vom Brauereigelände in einen der beiden Supermärkte verlegt worden. Und sonst gibt es für Fremde nur Stapel von Bierkisten zu sehen. Kurz vor der Brauerei ist eine Kneipe am Rand eines Sportplatzes, aber die hat wohl nur zu Spielen geöffnet. Die Kneipe gleich nach der Brauerei wirbt mit jahrzehntelangem Familienbetrieb, hat aber mittwochs nur von 12 bis 13.30 Uhr offen. Da muss man schon sehr punktgenau trinken. Fakt ist, dass ich in den 26 km bis zur Herberge auf keine geöffnete Verkaufs- oder Verpflegungsstelle getroffen bin. Und auch im Zentrum von Krostitz scheint es nichts zu geben, denn man wird stets auf die zwei Kaufhallen und den Griechen verwiesen, sämtlich an der B2 gelegen, also ziemlich weit weg von hier.

Ich gehe deshalb nicht nochmal aus dem Haus und werde es mir jetzt auf einem der vielen Sofas bequem machen.

P.S. Meinen gestrigen Zeilen war möglicherweise anzumerken, dass ich abends im Supermarkt die Ingredienz gefunden habe, die erforderlich war, um aus dem scharfen Tomatensaft ein bekömmliches, wohlschmeckendes Getränk zu machen. Entschuldigung!


Etappe 16 (18.8.2022) Von Krostitz nach Leipzig

Ich genieße das Leben in vollen Zügen. Ich bin im RE 13 von Leipzig nach Magdeburg und habe einen ganz passablen Stehplatz direkt an der Klotür. Das sind heutzutage Drehtüren und man sollte sich da nicht anlehnen, sonst wird man herumgewirbelt, wenn jemand PiPi machen muss.

Von den Radfahrern auf dem Bahnsteig hat es wohl nur eine geschafft, die jetzt neben mir steht. Da muss ich aufpassen, dass ich beim Bremsen nicht in die Speichen komme.

Der Zug, der schon zu spät angekommen ist, kommt nicht vom Fleck, weil sie hier die gleiche blöde Automatik an den Türen haben, wie die neuen Busse in Berlin. Wenn da jemand zu dicht an der Tür steht, schließt die nicht und der Zug fährt nicht weiter. Der Zugführer sagt laufend durch, das man aus dem Türraum treten soll, aber nur auf Deutsch, was nur ein Bruchteil der Fahrgäste versteht. In Roßlau will ich in den RE 7 umsteigen. Ich hoffe, dass ich den nicht verpasse. Als geübter Bahnfahrer habe ich mich vorsorglich mit Wasservorräten eingedeckt, die auch über Nacht reichen würden. Eine Nacht auf dem Bahnsteig wäre doch ein krönender Abschluss der 4-Tages-Tour. Ich habe 13 Minuten zum Umsteigen und der Zug hat jetzt schon 16 Minuten Verspätung.

Jetzt sind wir in Bitterfeld, da fällt mir als Absolventen einer Polytechnischen Oberschule der Reim mit den wichtigsten ostdeutschen Chemiestandorten ein: „Leuna, Buna, Bitterfeld, Piesteritz und Böhlen“. Ob das noch weiterging, weiß ich gar nicht.

Noch ist es laut DB-Routenplaner möglich, in Roßlau den Anschuss zu schaffen. Zwischen­durch hat sich der Zug (ein dreiteiliger Triebwagen) mal beeilt, jetzt geht es aber wieder sehr gemäßigt vorwärts.

Ich bin nun doch schon (wie fast alle anderen) in Dessau umgestiegen, da waren 4 Minuten Zeit. Man kann je nicht wissen, ob sie den verspäteten RE 13, in dem ich saß, noch vor dem RE 7 fahren lassen. (Beide fahren zwischen Dessau und Roßlau auf der gleichen Strecke.) Hier im Zug gab es die Überraschung, dass der Halt in Ostkreuz wegen einer Bomben­entschärfung ausfällt. Das ist an sich nicht weiter schlimm, ich kann auch Ostbahnhof in die S-Bahn umsteigen. Aber ob die Ostkreuz passieren kann? Ich werde sehen.

Ich habe die Nacht im Krostitzer Pilgerzimmer nicht gut geschlafen. An der Couch hat es nicht gelegen, wohl eher an der Wärme, die mangels Wind nicht durch die kleinen Dachfenster weichen wollte. Vielleicht lag es aber auch an der koffeinhaltigen Brause, die ich aus der Kaufhalle mitgenommen habe, weil das die einzige zuckerfreie Limonade war. Ein Cola-/Fanta-Mix, absolut nicht mein Geschmack.

Ich bin halb sechs aufgestanden und war viertel sieben schon unterwegs. Die ersten Kilometer waren nicht schön, weil es immer am Fahrbahnrand lang ging. Kurz hinter Krostitz wäre ich fast über ein totes Rehkitz gestolpert, das offensichtlich angefahren und liegen gelassen wurde. Ich habe 110 angerufen und die Angaben auf der nächsten Bake durch­gegeben: „K7424, km 1,9“, aber der Freund und Helfer wollte eher eine prosaische Beschreibung des Fundortes. Mit „hinter der Kurve beim Funkmast“ hat er sich dann zufrieden gegeben. Zum Glück musste ich nicht die Ortsnamen an der Strecke buch­stabieren. Die sind doch sehr gewöhnungsbedürftig: Mutschlena wäre der nächste Ort gewesen. Da gackerte fröhlich eine ganze Meute Gänse hinterm Zaun am Straßenrand. Die schienen nicht zu wissen, dass bald Weihnachten ist. Ihre Vorfahren hatten übrigens eine noch geringere Lebenserwartung, die waren schon zum Martinstag fällig.

Der nächste Ort, Gottschena, ist überraschenderweise Ortsteil von Leipzig, die nach­folgenden Orte gehören hingegen zu Taucha.

In Gottschena ist Gottvertrauen angebracht, oder wenigstens ein guter Schutzengel angesagt, denn die Straße windet sich ohne Fußweg und manchmal mit kaum Platz zum Gartenzaun durch den Ort oder besser um den Ortskern herum, denn das ist ein noch ziemlich ursprüngliches Rundlingsdorf mit einer kreisrunden Dorfstraße um den Anger mit Kirche und Dorfteich, die nur eine einzige Verbindung zur vorbeiführenden Landstraße hat. An der von einem Friedhof umgebenen Dorfkirche fand sich ein schönes, schattiges Plätzchen für eine Pause. Lästig war hier nur der Flugverkehr, den wir Mehrower ja nicht mehr gewohnt sind. Schkeuditz mit dem Flughafen Halle/Leipzig ist nicht weit und die Flieger sind hier schon so tief, dass manche bereits das Fahrwerk ausgeklappt haben. Während ich da saß, war jedes zweite Flugzeug ein rot-gelber Postflieger von DHL. In Halle/Leipzig hat ja DHL sein deutsches Drehkreuz.

Nach Merkwirtz kommt Pleißig. Ab da geht es mehr oder weniger direkt an der Parthe entlang. Infotafeln nennen die nachfolgenden Ortschaften „Parthedörfer“. Der Weg unterquert dann die Autobahn und bald darauf ist man wirklich in Leipzig. Da liegt ein Netto am Weg und kurz danach findet sich an „Baggersee“, einer ehemaligen Kiesgrube, nicht nur ein Badestrand, sondern auch eine Gaststätte, die sogar schon offen hat, obwohl es noch Vormittag ist. Das Angebot ist verlockend und preiswert: alle Preise dreistellig, wozu die zwei Nachkommastellen zählen. Die Auswahl fällt schwer!

Weiter geht es fast bis ins Leipziger Stadtzentrum durch Parkanlagen entlang der Parthe. Schön! Auf der Bahnhofsrückseite sieht es allerdings ziemlich übel aus, in der Altstadt ist jedoch alles prima hergerichtet. Ich habe noch zwei Stunden Zeit mich umzusehen, bevor ich mich auf die Heimreise begebe.

Nun bin ich in Berlin am Hauptbahnhof. Wie es aussieht, fährt die S-Bahn trotz Bombenfund, allerdings ohne Halt in Ostkreuz. Ich werde wohl am Alex umsteigen.


Eine Textfassung des gesamten, aus täglichen Nachrichten bestehenden Reiseberichtes finden Sie hier.
Benedikt Eckelt

Wittenberg - Leipzig

Unterwegs auf dem mittelalterlichen Pilgerweg
entlang der Via Imperii
von Stettin nach Leipzig

Gelaufen im August 2022. (90 km)