Wilsnackfahrt (Mittelalterlicher Pilgerweg von Berlin nach Bad Wilsnack)

Vorwort

Es ist jetzt Ende Juli 2022. Gerade habe ich das letzte Quartier für meine Pilgertour nach Bad Wilsnack festgemacht. Jetzt ist alles in „Sack und Tüten“ und ich muss jetzt nur noch hoffen, dass das Wetter anhält und nicht noch gesundheitlich ein Rückschlag kommt.

Der Pilgerweg nach Bad Wilsnack fasziniert mich, seit ich zum ersten Mal davon gehört habe. Und das liegt schon einige Zeit zurück. Als vor vier Jahren eine Kur anstand, habe ich Bad Wilsnack als Kurort gewählt. Da habe ich mich gründlich umgesehen und auch ein paar Wander- und Radtouren durch die Umgebung gemacht. Die Wunderblutkirche hat mich fasziniert: wenn man auf die Stadt zuläuft, sieht man zuerst diese Kirche, die zwar keinen Turm hat, aber ein riesiges Dach. Zunächst sieht man nur Wald, aber je näher man der Stadt kommt, umso höher streckt sich das rote Dach aus der grünen Umgebung.

Das hat mich jedes Mal in einen Bann gezogen. Aber im Nachhinein war es sehr dumm, dieses Erlebnis vorweg zu nehmen. Das ist, als ob man im Krimi zuerst das letzte Kapitel liest. Aber so, wie man den Krimi trotzdem liest, wenn einem der Schluss gefallen hat und man den Mörder kennt, so will ich mich trotzdem auf den Weg begeben und den Weg nach Bad Wilsnack auf mich wirken lassen.

Ich erwarte da keine spektakulären Landschaften und herausragenden Orte, sondern das, was hier in Brandenburg üblich ist: flaches, dünn besiedeltes Land, viel Wald und Landwirtschaft, aber kaum Gaststätten und Einkaufsmöglichkeiten. Im Rucksack muss also etwas Platz für Proviant bleiben. Ich erwarte auch keine anregenden Gespräche mit anderen Pilgern, denn ich glaube nicht, dass ich viele treffen werde. Aber sicher treffe ich trotzdem auf die verschiedensten Typen: Herbergswirte, Pfarrer, Gastwirte, Verkäufer usw. und ich hoffe, dass sich mit denen auch das eine oder andere erquickliche Gespräch ergibt. Die telefonische Quartierbuchung, bei der ich ausschließlich auf nette, hilfsbereite Leute gestoßen bin, stimmt mich sehr optimistisch.

Den Weg irgendwann mal zu laufen, hatte ich schon lange vor. Bei meinem Kuraufenthalt habe ich mir schon mal einen Pilgerpass und ein Buch über die „Wilsnackfahrt“ zugelegt, in dem die Geschichte des Pilgerweges beschrieben und seine frühere Bedeutung beleuchtet wird. Später habe ich mir ordentliche Wanderkarten für den gesamten Weg und einen Pilgerführer gekauft. Schon oft habe ich die Karten ausgebreitet, mit dem Finger die Strecke abgefahren und mögliche Etappenziele gekürt.

Es sind etwa 120 km von Berlin nach Bad Wilsnack, das heißt, man braucht etwa eine Woche, wenn man moderate Etappen wählt. Als ich Anfang 2020 in den Ruhestand ging, war ich fest entschlossen, mich auf den Weg zu begeben, sobald das Wetter es zulässt. Aber bekanntermaßen kam da eine Pandemie dazwischen und danach alles Mögliche, was mich am Loslaufen gehindert hat. Zwei Jahre später wäre Zeit und Gelegenheit gewesen, aber inzwischen kam die Idee auf, den „richtigen“ Jakobsweg in Spanien zu laufen. Der liegt nun hinter mir und ich bin um viele Erfahrungen und schöne Erinnerungen reicher.

Die Pilgertour nach Wilsnack hat sich damit aber nicht erübrigt, im Gegenteil. Ich bin gespannt darauf, wie es hier in Brandenburg auf einer längeren Route zugeht. Bisher habe ich im Inland nur 2-3-Tagestouren absolviert und mit einer Ausnahme in Pensionen übernachtet. Jetzt habe ich mir in den Kopf gesetzt, wie in Spanien möglichst ursprüngliche Quartiere in Pilgerherbergen zu nutzen, das sind auf dem angedachten Weg vor allem Pfarrhäuser oder Kirchtürme.

Nachdem für mich fest steht, dass und wie ich Pilgern will, stellt sich nur noch die Frage wann. Wenn ich warten will, bis mal eine Woche ganz ohne Termine daherkommt, dann ist es spät im Herbst und die angedachten Quartiere sind vielleicht temperaturbedingt gar nicht mehr nutzbar. Von der nächsten Corona-Welle als Hinderungsgrund ganz abgesehen.

Beim Studieren des Kalenders fällt mir ein, dass damals, als ich im September in Bad Wilsnack zur Kur war, kurz zuvor dort ein Pilgertreffen stattgefunden hat, an dem ich gern teilgenommen hätte, obwohl ich seinerzeit noch ein theoretischer Pilger war. Ob sowas auch in diesem Jahr stattfindet? Ein Blick auf die Webseite der Wilsnacker Kirchengemeinde bestätigt meinen Verdacht. Auch dieses Jahr findet dort Ende August ein Pilgertreffen statt, und zwar am Sonnabend, den 27. August von 14 bis 22 Uhr. Prima, in der Woche davor liegen nur ein paar Termine, die sich leicht absagen lassen. Nun kann es ans Planen und ans Buchen von Unterkünften gehen. Auf dem „richtigen“ Jakobsweg war das Vorbuchen bei mir verpönt, aber hier ist es wohl angebracht, da die Herbergsdichte doch wesentlich dünner ist und es sich bei den von mir favorisierten Unterkünften zum Teil um einzelne Betten oder Zimmer handelt.

Wenn man ein bestimmtes Ankunftsdatum ins Auge gefasst hat, dann empfiehlt es sich, zunächst um dieses Datum herum und dann rückwärts bis zum Startpunkt zu buchen. Also fange ich mit dem 27. August an. Da soll in Bad Wilsnack das Pilgertreffen bis spät in den Abend hinein stattfinden, da empfiehlt es sich, dort ein Quartier zu nehmen, um sich nicht in der Nacht noch auf die Bahn setzen zu müssen. In Bad Wilsnack gibt es zwar im Pfarrhaus ein Pilgerzimmer mit drei Betten, aber das wird bestimmt längst belegt sein. Vielleicht gibt es um das Pilgertreffen herum Notquartiere. Ich rufe im Pfarramt an, aber niemand geht ran. Kurze Zeit später kommt ein Rückruf und die unerwartete Auskunft, dass das Pilgerzimmer noch frei ist. Ob ich es für ein oder zwei Nächte will? Na, da nehme ich doch zwei Über­nachtungen, die Nacht vor dem Pilgertreffen und die danach. Das wäre also schon mal geklärt. Bei 10 € pro Nacht inklusive Bettwäsche muss man eigentlich ein schlechtes Gewissen bekommen.

Als Etappenort vor Wilsnack ist eigentlich Göricke ausgewiesen, aber da hat das Herbergs­verzeichnis des zuständigen Pilgervereins nur eine Ferienwohnung zu bieten. Aber in Barenthin, von Berlin aus ein paar Kilometer vor Göricke können bis zu 20 Pilger mit Schlafsack im Gemeindehaus übernachten, für einige gibt es sogar Liegen. Am Telefon wird mir gesagt, dass eine Reservierung nicht erforderlich ist. Ich soll einfach klingeln, wenn ich da bin.

Als Etappenort vor Barenthin kommen Kyritz und Wusterhausen infrage. Wusterhausen hat zwar mit ca. 25 km die optimale. Entfernung, aber dort sind im Herbergsverzeichnis nur Ferienwohnungen und Hotels genannt, während in Kyritz eine Übernachtung im Kirchturm geboten wird. Ich rufe an und erfahre, dass die Wohnung im Kirchturm von einer ukrainischen Flüchtlingsfamilie belegt ist, dass aber im Jugendraum eine Liege frei ist. Da sage ich gern zu, einen Schlafsack habe ich ja eh dabei.

Als weiteren Etappenort wähle ich Barsikow. Da wird auch eine Übernachtung geboten, sogar optimal mit Abendbrot und Frühstück. Da dort weit und breit keine Gaststätte und kein Supermarkt ist, nehme ich gern das Angebot an und buche nicht nur die Übernachtung, sondern auch die Verpflegung. Die „Herbergsmutter“ nimmt sogar Essenwünsche (Wurst statt Marmelade) entgegen und versichert mir, dass ihr Mann mir auch ein Bier kaltstellt.

In Fehrbellin wird wieder eine Gemeinschaftsunterkunft angeboten: 4 Betten im Gemeinde­haus. OK. Die zuständige Dame notiert sich, wann ich da nächtigen will, Nebensächlich­keiten wie der Name sind bei der Reservierung nicht erforderlich. Ich habe keine Sorge, ob das gut geht, denn wo Platz für vier ist, bekommt man notfalls auch noch einen fünften unter.

In Flatow gibt es ebenfalls eine Unterkunft im Gemeindehaus, sogar für sieben Personen. Unter der im Herbergsverzeichnis angegebenen Nummer kann ich aber das ganze Wochen­ende niemand erreichen. Im Pilgerführer finde ich noch einen anderen Ansprechpartner. Als ich ihn anrufe, ist er gerade unterwegs, aber er ruft mich kurz darauf zurück. Die Schlafplätze sind noch nicht belegt. Ich soll sagen, wann ich komme (17 Uhr ist geplant) und mich kurz vor der Ankunft nochmal melden, dann kommt er, um mich reinzulassen. Ohne dass ich danach frage, bietet er an, mir Bier mitzubringen. Das Angebot, noch was fürs Abendbrot ranzuschaffen schlage ich aus, denn das wird meine erste Übernachtung sein und da kann ich mir von zuhause was zum Abendbrot mitbringen.

So, binnen kürzester Zeit habe ich alle Quartiere beisammen. Es sieht also so aus, dass ich am Sonntag, den 21. August 2022 in Hennigsdorf starte und nach Stopps in Flatow, Fehrbellin, Barsikow, Kyritz und Barenthin am Freitag, den 26. August in Bad Wilsnack ankomme und von dort am Sonntag mit der Bahn nach Hause fahre.

Das Stück von Berlin (Marienkirche) nach Hennigsdorf, das fast ausschließlich durch die Stadt führt und vermutlich nicht wirklich zum Pilgererlebnis beiträgt, werde ich vorher mal laufen, um die Tour Berlin - Bad Wilsnack komplett zu haben. Ich bin aber auch schon zwei Jakobswegvarianten von Bernau nach Hennigsdorf gelaufen (direkt sowie in zwei Etappen über Dammsmühle und Tegel). Es wäre also kein Schummeln, wenn ich Hennigsdorf einsteigen würde, ohne die „Berlintour“ zu machen.


Wilsnackfahrt - Vorwort