Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Von Sigüeiro nach Santiago

Tag 15 (Di, 27.9.2022) – Von Sigüeiro nach Santiago

Ich habe nicht verschlafen. Ich hatte mir den Wecker (ohne Klingelton) auf 5.20 Uhr gestellt, weil ich gern vor dem für 6 Uhr geplanten Losgehen noch frühstücken wollte. Das war die erste Herberge, in der es auch Frühstück gab. Auf einem großen Tisch waren schon am Abend alle möglichen Zutaten aufgebaut und als ich nachts halb eins mal draußen war, war der Wirt gerade dabei, das Angebot durch verschiedene Brotsorten, kleine Croissants etc. zu komplettieren und die Kaffeemaschinen startbereit zu machen. Ich habe also zum Frühstück richtig guten Kaffee bekommen und ein paar Scheiben dunkles Brot mit Margarine (Butter ist nicht üblich) und Tomatenmark als Aufstrich. Letzteres kommt hier unkonzentriert aus der Dose, so wie es einem üblicher­weise beim Reinbeißen in eine Tomate auf die Hose tropft.

Als ich los bin, war es stockfinster. Ich bin deshalb auf der Straße geblieben, statt den parallel dazu im Zickzack durch den dunklen Wald führenden Weg zu nehmen. Es hat zwar keinen Spaß gemacht, neben der Fahrbahn zu laufen, aber das war die bessere Variante, denn Wetter und Tageszeit waren so, dass man im Wald hätte mit der Taschenlampe laufen müssen. An der Straße gab es fast durchgängig einen 1 Meter breiten Randstreifen und in den Orten Licht. Mitunter konnte man auch auf einer parallel verlaufenden „Via servico“ laufen, das ist meist eine frühere Landstraße, die jetzt als Anliegerstraße dient. Das sollte man aber nur bei vorhandenen Laternen machen, denn der Straßenbelag ist so, wie wir ihn aus Hönow kennen. Es war bis weit nach acht dunkel und zu dem feuchtkalten Wetter kam jetzt noch Nebel hinzu. Das hat die Kraftfahrer nicht davon abgehalten, im Abstand von 20…30 Metern über die Piste zu donnern. Der Vordermann wird schon wissen, wo es langgeht.

Wenn mal eine Nebel- und Wolkenlücke am Himmel war, konnte man einen prächtigen Sternenhimmel sehen. Da bekommt man eine Ahnung, warum Santiago den Beinamen „de Compostela“ („auf dem Sternenfeld“) bekam.

Als es halb neun endlich hell wurde, hatte ich schon den Stadtrand von Santiago erreicht. Nun lohnte es auch nicht mehr, auf den ein paar Straßen weiter verlaufenden Camino Inglés zu wechseln, zumal an meinem Weg nun plötzlich auch die bekannten Wegweiser standen. Hier führen so viele Pilgerwege in die Stadt, dass wohl auf jeder Ausfallstraße einer verläuft. Ich lag sehr gut in der Zeit und habe mit deshalb in der ersten offenen Bar einen Café con leche geholt, den vielleicht letzten in diesem Jahr.

Inzwischen sind mir ja die Wege und Prozeduren in Santiago bekannt. Mein Weg führte vorbei an der Sankt-Franziskus-Kirche, in der man mit Insider-Wissen eine spezielle Pilger­urkunde bekommt. Die Kirche macht aber erst um elf auf, es war jedoch gerade erst halb zehn durch. Ich bin also gleich weiter zum Pilgerbüro, hab dort die Nummer 74 gezogen (ich werde immer besser!) und hatte keine zehn Minuten später meine „Compostela“ in der Hand.

Da beim letzten Mal der Kathedralen-Besuch am Rucksack auf dem Rücken gescheitert war, habe ich ihn diesmal in einer Gepäckaufbewahrung angegeben, die von einem Juwelier­geschäft nahe der Kathedrale nebenbei betrieben wird. Mit den zwei Euro pro Rucksack verdienen die bestimmt weit mehr, als mit ihrem Silberschmuck. In der Kathedrale roch es noch von der Pilgermesse um 9.30 Uhr nach Weihrauch. Zur 12-Uhr-Messe zu bleiben, um das Weihrauchfass wieder in Aktion zu sehen, hatte ich nicht vor, denn dann hätte man sich jetzt schon einen Platz suchen müssen und hinterher wäre es knapp geworden. Ich habe es also bei der Besichtigung und ein paar Fotos belassen. Ich habe mich sogar nochmal an die Schlange angestellt, die an der silbernen Truhe mit den vermeintlichen Gebeinen des Apostels Jakobus vorbeiführt. Vor und hinter mir ältere Leute aus einer Reisegruppe, die sich, vermutlich weil es so im Programm stand, eingereiht und dann im Keller nicht mal einen Blick auf den Schrein geworfen haben.

Im Souvenirladen habe ich mir noch eine hübsch dekorierte Karte der spanischen Pilgerwege gekauft - die nächste Saison kommt bestimmt. Dann bin ich in die Sankt-Franziskus-Kirche, habe mir da von einem echten Mönch die (selbst auszufüllende) Urkunde aushändigen lassen und mich dann auf die Terrasse einer Bar schräg gegenüber des Pilgerbüros gesetzt. Da mussten alle vorbei. Und tatsächlich habe ich einige der Pilger wieder­getroffen, mit denen ich in den letzten Tagen unterwegs war und die zuletzt fast alle in der gleichen Herberge waren. Da gab es jedes Mal ein Hallo, Händeschütteln und Auf-die-Schulter-Klopfen, verbunden mit den besten Wünschen für eine gute Heimreise. Dann bin ich noch ein bisschen um die Kathedrale geschlichen und hab die Stimmung der Pilger auf dem großen Platz davor genossen. Geheult wie beim ersten Mal habe ich nicht mehr, aber es war doch ein erhebendes Gefühl, wieder einen Weg geschafft zu haben und nun hier zu sein.

Kurz vor eins habe ich mich auf den Weg zum Flughafenbus begeben. Der fährt alle 25 Minuten und braucht etwa eine halbe Stunde. Weil ich die Haltestelle sofort gefunden habe und gerade ein Bus kam, war ich viel schneller als erwartet am Flughafen SCQ. Da im Gegensatz zum letzten Mal, als die Kontrolle ewig dauerte, niemand vor mir stand, war ich auch gleich durch die Sicherheits­kontrolle durch. Wenn man sich hier im Restaurant ein Getränk holt, darf man sich an einem der Tische oder auf einem der Plätze am Fenster niederlassen. Notgedrungen habe ich da eine Büchse aus dem Kühlschrank genommen - im Duty Free gibt es hier nichts Niederprozentiges.

Inzwischen habe ich bis auf eins alle belegten Brötchen gegessen, deren Einzel­teile ich gestern im Supermarkt erworben habe. Damit die Füße sich schon mal ans normale Leben gewöhnen können, habe ich die Wanderschuhe ausgezogen. Nun sind es noch eineinhalb Stunden bis zum Abflug. Die werde ich auch noch rum bekommen. Es geht wieder über Genf nach Hause. Dieses Mal sind da aber nur etwa zwei Stunden Aufenthalt, da lohnt es nicht, das Terminal zu verlassen und sich dann wieder anzustellen.

Es liegen wieder zwei schöne, erlebnisreiche Caminos hinter mir und ich freue mich schon auf den nächsten.

Tag 15