Unterwegs auf dem Camino Francés / Finisterre
Von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Roncesvalles

Tag 1 (Do, 28.4.2022) – Von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Roncesvalles

Das wichtigste zuerst: ich habe es über die Pyrenäen geschafft!

Aber der Reihe nach. Die Nacht war ok, die Matratze war ganz gut und an das Rasierwasser des Vorgängers habe ich mich schnell gewöhnt. Nachts (1.30 Uhr) musste ich wie alle alten Männer mal raus. Mit dem mittelalterlichen Türriegel bin ich besser klar gekommen als andere, bei denen es mächtig schepperte. Das Wiedereinschlafen war schwierig. Nicht wegen dem Schnarchen, denn wenn das richtig zelebriert wird, kann es auch einschläfernd sein. Es waren eher die Furze, die in unregelmäßigen Abständen zu hören waren. Es waren nicht mal die posaunenartigen oder die infolge missglückter Unterdrückung flötenartig daherkommenden, sondern die einem Moped ähnlichen, bei denen man sich nicht sicher sein konnte, ob wirklich nur Luft kam.

Irgendwann bin ich trotzdem eingeschlafen und halb sechs wieder aufgewacht. Ich war hellwach und hätte loslaufen können. Aber es war noch dunkel (Sonnenaufgang 35 Minuten später als bei uns) und alle anderen schliefen. Im Schlafraum darüber war aber schon ordentlich was los. Es klang, als würden da die Rucksäcke auf den Boden gestampft, damit mehr rein passt. Um sechs bin ich raus. Da auf unserer Etage Klo und Dusche zusammen war (aber noch zwei weitere Duschen verfügbar waren), hatte man Pech, wenn jemand mit einer Waschtasche auf dem Klo verschwindet. Wie befürchtet, so geschehen! Aber eine Etage höher war noch ein Porzellanbecken frei. Dafür war im Aufenthaltsraum mit Küchenzeile kaum noch Platz. Da machten viele Gebrauch von freiem Toastbrot etc. Übrigens ausschließlich Männer. Ob die Frauen später aufgestanden oder früher aufgebrochen sind, konnte ich nicht ergründen.

Nach einem Marmelade-freien Toastbrot und zwei Tassen Kaffee bin ich Punkt sieben los - in strömendem Regen. Immer den Schildern nach und prompt war ich auf der sogenannten Winterroute, auf der man die ganze Strecke am Straßenrand läuft. Also zurück bis zum Abzweig der NapoLeónroute, auf welcher der Korse einst (vermutlich sogar mit Kanonen im Tross) in Spanien eingefallen ist. Deren Ausschilderung war am Abzweig gut versteckt. Der Zeitverlust war nicht groß, aber nun steckte ich in einem Tross, dem ich eigentlich davon laufen wollte. Aber das Problem hat sich schnell gelöst, denn die Mehrzahl der anderen ist mir davongelaufen. Ich muss gestehen, dass das eine ziemliche Quälerei war und dass ich bzgl. Bergwandern noch reichlich Nachholbedarf habe.

Auf französischer Seite war der Himmel voller dunkler Wolken und es regnete lange Zeit, aber man konnte oder musste in Laufrichtung sehen, wie sich der Berg in engen, steilen Serpentinen hochwindet. Und wenn man oben angekommen war, ging es genauso weiter. Bis zur ersten und zugleich letzten Baude auf dem Weg, wo man sich gut und erstaunlich günstig verköstigen konnte (Espresso 1 €, großer Kaffee 2 €, belegtes Baguette 4 €) waren es nur 8 Kilometer, aber für die habe ich 3 Stunden gebraucht.

Nach einer ausgiebigen Rast in der gemütlichen Baude (810 Meter hoch) ging es immer weiter bergauf, aber nicht mehr so steil. Am Rolandsbrunnen war man schließlich auf über 1300 Metern. Dann ging es ein Stück bergab, aber bald wieder hoch bis zum 1428 Meter hohen Pass. Gestartet bin ich bei knapp 170 Metern. Bald hinter der Baude habe ich einen netten Deutschen getroffen, mit dem ich bis hier gelaufen bin: Einen etwa gleichaltrigen ehemaligen Polizisten aus dem Rheinland, mit dem man sich gut unterhalten konnte. Der war 20 Jahre beim SEK und hat gestanden, dass er sowas Anstrengendes noch nie erlebt hat.

Beim Aufstieg hätte man gut ein paar Wanderstöcke gebrauchen können, aber geeignete Äste fanden sich hier genauso wenig, wie Feuerholz in der Umgebung tschechischer Zeltplätze - Jörg weiß, worauf ich anspiele. Zwischendurch war immer mal Gebimmel zu hören, aber statt der erwarteten Kühe erschienen wilde Pferde, teilweise mit Glocken um den Hals, im Nebel. Fünf Leute versuchten, diese in eine Koppel zu treiben, was diese gar nicht so gut fanden und wiederholt über die Straße galoppierten.

Der krüpplige Wald und einzelne Bäume sahen im dichten Nebel gespenstig aus. Auf langen Strecken diente nur der in dieser Feuchtigkeit prima gedeihende Ginster am Wegesrand als Orientierung. Oberhalb 1000 Meter hörten nicht nur die Bäume auf, sondern auch der Regen. Das aber auch nur, weil wir jetzt in der Wolke drin waren. Die Sichtweite im Nebel lag maximal bei 50 Metern, also nichts mit der in allen Reiseführern gepriesenen Fernsicht und den eindrucksvollen Pyrenäen-Panorama. Hinter dem Pass wurde es noch schlimmer. Hier peitschte kalter Wind, die Sichtweite sank auf teilweise 20 Meter und der Regen setzte wieder ein. Gefühlt lag die Luftfeuchtigkeit weit über 100%. Nun war es nicht mehr möglich bzw. zu gefährlich, die Serpentinen der Bergstraße (die zwar nur halbstündlich befahren wird, aber besser asphaltiert ist, als die Straße nach Hönow) auf Schotterwegen abzukürzen.

Nach knapp zehn Stunden war endlich das Etappenziel, das Kloster Roncesvalles erreicht, das auf drei Etagen Platz für 186 Pilger bietet. Alles ist hier sehr modern und praktisch eingerichtet. Die doppelstöckigen Schlafkojen haben auf drei Seiten Wände. Jeder hat einen Spind, Steckdose und USB. Im Erdgeschoss gibt es einen Speiseraum, Küche, Snack-Automaten, Waschmaschinen und Trockner. Toiletten, Waschbecken und Duschen scheinen ausreichend zu sein. Das Einchecken hat etwas gedauert, war aber prima organisiert. Hier sind gegenwärtig holländische Freiwillige als Hospitaleros, d.h. als Service-Personal tätig.

Nach Beziehen des Bettes, Duschen, Rasieren und Wäschewechsel habe ich mich in eine der drei ums Kloster drapierten Kneipen begeben, um mich dort mit einem (oder waren es zwei?) „Estrella Galicia“ und einem Bocadillo (eine große Schrippe mit einem Omelette drin) zu belohnen.

Wie es sich für einen Pilger gehört, noch dazu, wenn er in einem Kloster nächtigt, war ich beim alltäglichen Abendgottesdienst um 20 Uhr in der Klosterkirche. Der war mit etwa 50 Pilgern gut besucht. Der Pfarrer hat (wenn ich das richtig verstanden habe) am Anfang verlesen, aus welchen Ländern Pilger eingecheckt haben. Das waren bestimmt über 30, darunter Chile, Philippinen, Australien und einige sehr exotisch klingende Länder.

Jetzt sitze ich auf der Bettkante, um das zu komplettieren, was ich am Tresen der Kneipe angefangen habe. Um 10 Uhr ging hier das allgemeine Licht aus und bald werden meine Bettnachbarn auch das „private“ Licht löschen wollen, weshalb ich jetzt Schluss machen muss. Es war ein schöner Tag mit unendlichen Anstrengungen, aber auch schönen Erlebnissen und netten Bekanntschaften.

Camino Francés / Finisterre - Tag 1