Unterwegs auf dem Camino Francés / Finisterre
Von Espinosa del Camino nach Cardeñuela Riopico

Tag 11 (So, 8.5.2022) – Von Espinosa del Camino nach Cardeñuela Riopico

Gerade habe ich das bereits geschriebene durch irgendeinen Fehlgriff gelöscht und kann es nicht wieder herstellen. Also nochmal:

Ich habe wunderbar geschlafen. Um sechs hat mich die Sonne geweckt, da habe ich mich aber nochmal umgedreht und ein Stündchen geschlummert. Nach Tabletten-Cocktail, Spritze-Setzen, Sonnencreme auftragen und Voltaren auf L4/L5 ging es los. Eigentlich wollte ich kein Frühstück, da ich den ganzen Süßkram eh nicht essen oder trinken kann. Ich bin aber nicht an den frisch belegten Baguettes auf dem Tresen vorbeigekommen und hab‘ eins nebst Kaffee genommen. Der Blick auf den Kalender hat mir gesagt, dass Sonntag ist und zwar der zweite im Mai. Das ist doch Muttertag. Da habe ich der Schwiegermama als Blumengruß ein Bild der Gänseblümchen auf der Wiese geschickt. Etwas ärmlich, aber mindestens so herzlich wie ein Fleurop-Strauß.

In Villafranca Montes de Oca, wo ich eigentlich nächtigen wollte, standen plötzlich Raffael und Octavio hinter mir, mit denen ich im letzten Quartier vier Zimmer geteilt hatte. Wir haben noch ein bisschen rumgealbert, denn Octavio wollte unbedingt noch ein paar Selfies und Videos aufnehmen.

Hinter dem Ort ging es ziemlich lange bergauf, da sind die Beiden mir natürlich schnell entkommen. Am Weg standen hier in 300 Meter-Abständen große Schilder mit Jakobsmuschel und Pfeil, etwa so wie bei uns die großen orangen Tafeln an den Erdgastrassen, die das Abfliegen zur Kontrolle erleichtern sollen. Vielleicht sollen die Tafeln hier den Ultraleichtflugzeugen mit den bunten Tragschirmen, die immer mal über einem surrend ihre Bahnen ziehen, den Weg weisen.

Kurz vor Erreichen des Kammweges, der sich über mehrere Kilometer ohne größere Auf- und Abstiege dahin zieht, ist eine Aussicht mit einer Tafel, die Namen und Höhen der gegenüber sichtbaren Berge nennt. Die reichen bis zu 2200 Meter und sind teilweise noch mit weißen Kuppen versehen. Da ist es ein Trost, dass wir nur auf 1150 Meter hochmüssen.

Als langsam der Hals trocken wurde, durchzuckte es mich, dass ich bei dem ganzen Herumalbern in Villafranca ganz vergessen habe, die Wasserflasche aufzufüllen. An der einzigen Quelle am Weg stand ein Schild „kein Trinkwasser“. Zusammen mit einer Kohletablette hätte man aber sicher doch einen Becher voll nehmen können. Als Rettung erschien am Wegesrand ein fliegender Händler, der von einigen Leuten mit Bechern und Büchsen in der Hand umringt war. Der hatte, was sehr löblich ist, alle Getränkebüchsen in einer Kühltasche im Auto, aber nirgends ein Schild, aus dem sein Angebot und die Preise hervorgingen. Meine Frage nach Aquarius, einem Fruchtwasser mit wenig Zucker, hat er verneint. Das Mädchen hinter mir hat sich eine Bierbüchse geben lassen und ihm einen Euro gegeben. Da fing er immer lauter zu brummeln an und statt ihr zu sagen, was sie noch zu zahlen hat, nahm er ihr die Büchse wieder aus der Hand und gab ihr den Euro zurück. Obwohl ich mich anbot, die Büchse zu übernehmen und mit einem Zwei-Euro-Stück weit über das Gebot meiner Vorgängerin hinausgegangen bin, hat er die Büchse weggepackt, was von „Feierabend“ gebrabbelt und angefangen, seinen Stand abzubauen. Obwohl sich das für einen Pilger überhaupt nicht gehört, habe ich ihm für die Heimfahrt eine Reifenpanne gewünscht. Ich muss gestehen, dass ich sogar den Straßenrand nach Nägeln abgesucht habe, mit denen man hätte nachhelfen können.

Bald ging es aber leicht bergab und am Horizont erschien eine typische Klosterfassade. Das war San Juan de Ortega, das eigentliche Etappenziel, an dem es sicher mehr als frisches Wasser gibt. Kurz vor dem Ort, der eigentlich nur aus der zur Herberge umfunktionierten Klosteranlage besteht, haben mich noch Ziegen zum Fotografieren genötigt, die nacheinander über einen Torpfosten aus ihrem Gehege getürmt sind und sich draußen über die frischen Triebe an den Sträuchern hergemacht haben.

Gleich am Anfang der Anlage war eine Kneipen-Herbergen-Kombination, deren Vorgarten dicht mit Pilgern besetzt war. Ich habe mir wieder solch herrliches eiskaltes Bier mit knusprigem Schaum geben lassen und mich damit an einen der drei Tische im winzigen und urig ausgeschmückten Schankraum gesetzt. Im Hintergrund lief Musik, die ich liebe: CCR, John Denver, Don McLean, Simon & Garfunkel u.s.w.

Alle, die was bestellen oder bezahlen wollten, mussten an mir vorbei. Da habe ich u.a. Norbert aus Frankfurt und Mary aus Seattle wiedergetroffen, außerdem Torn aus Holland, mit dem ich im Palacio residiert hatte, der aber ab Burgos auf einen anderen Weg wechseln will, weil es ihm hier zu voll ist.

Ich hätte ewig in der Kneipe sitzen und schon mal an meinem Bericht schreiben können. Sicher hätte mir von dem herrlichen Bier auch noch ein zweites oder drittes geschmeckt, aber dann hätte ich den Rest des Weges in der Sänfte zurücklegen müssen, wofür sich leider auch unter den besten Freunden keine Träger gefunden haben.

In der Klosteranlage war viel Trubel, denn offenbar hatten sich auch einige Ausflügler zu den Pilgern gesellt. Ich habe mir Kirche und Klosterkapelle angeschaut, die vom Brubbelkopp verschmähten 2 € in einen Almosenkasten versenkt und mich dann auf den weiteren Weg gemacht. Ich wollte so weit als möglich an Burgos rankommen, um morgen zügig durch die Stadt zu kommen und nach dem kulturellen Pflichtprogramm (Kathedrale etc.) hinter der Stadt Quartier nehmen.

Hinter San Juan gabelte sich der Weg in zwei Varianten. Ich habe die historische, nördliche Variante genommen. Halb vier war ich im zweiten der folgenden Dörfer, Atapuerca, das ich ins Auge gefasst habe. Dort gab es auch zwei Herbergen, die nicht voll aussahen. In der Bar am Ortsausgang habe ich mir eine Tortilla kommen lassen und die Landkarte studiert. Dort hat es mir aber nicht gefallen. Der einzige Kunde im Schankraum war ein alter Mann, der vermutlich mal Stadionsprecher war. Der hat so laut gesprochen, dass der Wirt Mühe hatte, ihn zu übertrumpfen. Ab und zu kam noch die Frau aus der Küche und hat sich in gleicher Lautstärke eingemischt. Das klang dann wie eine volle Bahnhofshalle. Die Tochter des Hauses lief in einer Trainingsjacke herum, die ältere Ossis noch vom ASV kennen. Das war also auch nichts, woran man einen Abend lang seine Augen hätte heften wollen. Die 200 Meter zu den Herbergen zurück zu gehen widerstrebte mir. „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“, wie unser verflossener Erich immer gesagt hat.

Ich bin also los zum nächsten Dorf, das allerdings hinter dem Berg und 6 km entfernt lag. Auf dem Weg habe ich vor mir vier Pilger ausgemacht. Wenn ich die überhole, dann habe ich im nächsten Ort größere Chancen, ein Bett zu bekommen! Wieder solch ein fieser Gedanke!

Die Gruppe war schnell eingeholt, da einer humpelte. Es waren Pilger des Pfälzer Jakobusvereins, Friedrich (mit dem Vereinswappen auf der Brust), Bernhard, Gisela und Shakuntala, die seit 2010 jedes Jahr zusammen 200…250 km laufen. Angefangen haben sie in Speyer. Nachdem sich rausgestellt hat, dass sie ein Hotel gebucht haben, bestand kein Grund mehr zur Eile, weshalb wir uns noch etwas unterhalten haben. Im angestrebten Ort, Cardeñuela waren die ersten beiden Herbergen zu, aber in der dritten, einer privaten, ganz modernen namens „Santa Fe“, habe ich ein Bett bekommen. Das Hurra war groß, als ich Octavio mit vier anderen im 10-Mann-Zimmer vorfand.

Jetzt sitze ich zum Schreiben auf der Terrasse und da mir langsam kalt wird und aus dem Küchenfenster verlockende Gerüche strömen, werde ich mal rein gehen.

Camino Francés / Finisterre - Tag 11