Unterwegs auf dem Camino Francés / Finisterre
Von Hontanas nach Boadilla del Camino

Tag 14 (Mi, 11.5.2022) – Von Hontanas nach Boadilla del Camino

17.15 Uhr. Ich bin gerade in Boadilla del Camino angekommen. Der Tag war dem gestrigen sehr ähnlich, wieder 30 km bei 28…29 Grad durch die Meseta, wieder nur sehr wenige Orte und weite Ebenen. Da der Weg nicht auf einem so ausgeprägten Plateau wie gestern verlief, waren auch immer mal Bäume und Orte am Horizont zu sehen. Allerdings war der Touranfang anders.

Von Hontanas, dem Ort, der sich samt Kirchturm so gut in einer Senke versteckt hat, ging es zunächst durch ein weites grünes Tal. Dann mündete der Weg auf eine mit Bäumen bestandene Straße, die auf Castillo de Castrojeriz zuläuft. Dabei ging es zunächst durch die Ruine einer Kirche, die mal über die Straße gebaut wurde. Bis hierher bin ich mit Norbert aus Frankfurt (Main) gelaufen, mit dem ich schon wiederholt ein Stück gegangen bin. Der hat schon Camino-Erfahrungen und kann Tipps geben.

Der Blick auf Castillo war großartig. Rechts eine Kirche mit hohem Turm, links das zugehörige Dorf und in der Mitte ein hoher Berg mit einer Burgruine. Wie sich später rausstellte, rankt sich der ganz nette Ort im Halbkreis um den Burgberg. Der Camino verläuft durch den ganzen Ort, an der großen Kirche beginnend. Gegenüber der Kirche eine nette Bar mit Vorgarten. Dort habe ich Sven aus dem Prenzelberg und Julia aus Bayern kennengelernt.

Nach einem Morgenkaffee und einem alkoholfreien dunklen Bier wollte ich nur mal schnell einen Blick in die Kirche werfen, aber fand darin ein sakrales Museum vor, das man für 1 € Spende besichtigen konnte. In einer sehr ordentlichen Präsentation wurden dort geschnitzte Figuren, Gemälde, Messgewänder und Kelche, Kreuze, Bibeln usw. gezeigt. Und auch die Kirche selbst hatte viel zu bieten: einen großen goldenen Altar, goldene und in unbemaltem Holz ausgeführte Seitenaltare, ein großartiges Gewölbe, eine prächtige Rosette über dem Portal, eine sehenswerte Sakristei etc. Zudem war es schön kühl, so dass man nach Besichtigung all der interessanten Sachen mal die Seele baumeln lassen konnte. Leise Kirchenmusik sorgte für die richtige Stimmung. Leider hat in der knappen halben Stunde, die ich da war, kein anderer den Weg in die Kirche gefunden, obwohl der Weg hinein draußen deutlich ausgeschildert war. Als der Museumswärter gesehen hat, dass ich beim Rausgehen das große Türschloss fotografiert habe, holte er schnell den dazugehörigen Schlüssel und stand damit bereitwillig Pose. In einer anderen Kirche des Ortes war ein weiteres Museum eingerichtet, aber hier bin doch einfach mal vorbei, denn mir stand ja noch ein bisschen Weg bevor.

Bald hinter dem Ort ging es einen langen steilen Aufstieg hoch - gut 1 km mit 12% Steigung. Das hat schon ein bisschen geschlaucht, aber die Aussicht war eine prima Belohnung. Auf einem überdachten Rastplatz fand ich zwei Damen vor, die ich am Tag zuvor in einer orientalisch anmutenden, leider schon voll belegten 10…12-Mann-Herberge auf dem Plateau kennen gelernt habe (Ich hatte extra einen Abstecher dorthin gemacht, weil der Wirt leider an seinem Reklameschild am Hauptweg kein „completed“-Schild angehangen hatte.) Die beiden Frauen, Ulla, eine Polin aus Düsseldorf, und Evelyn aus Kroatien zeigten sich im Gegensatz zum Vortag sehr gesprächig und erlaubten auch, dass ich ihre lädierten Füße fotografiere. Nach und nach kamen andere Bekannte vorbei, darunter Gabriel aus der Schweiz, mit dem ich letzte Nacht im gleichen Zimmer war und dessen mit Pflastern und Tapes geschmückten Füße ich bereits gesehen hatte.

Beim Aufstieg habe ich noch jemand begrüßt, dessen Namen ich schon kannte, obwohl ich ihn noch nicht getroffen hatte: Dirk, der mit einer Videokamera nebst Stativ durch die Gegend zieht und Videos für seinen YouTube-Kanal dreht. Kurz vor dem Pass fuhr ein grün gekleideter Mann auf einer Cross-Maschine stehend an mir vorbei. Bald gesellte sich ein weiterer dazu. Das war Guardia Civil, die hier offenbar Streife fährt. Nach einer Zigarette und einem Plausch mit Radfahrern sind sie weitergezogen - jeder auf seiner Cross-Maschine, einer stehend, der andere sitzend.

Zwei nicht mehr ganz junge und auch nicht ganz schlanke Damen, die sich mit vielen Pausen den Hang hochquälten, habe ich später nochmal getroffen, sie waren offenbar ohne große Rast durchgelaufen. Eine, Elba aus Burgos, hat mir bei der Begrüßung auf Deutsch geantwortet und erzählt, dass sie vor 50 Jahren mal in Deutschland gearbeitet hat und später bei einer deutschen Firma beschäftigt war. Sie ist mit ihrer Freundin auf einem „Ausflug“ und wird an der nächsten Kreuzung von ihrem Mann abgeholt. Und tatsächlich kam uns ein alter Herr mit Krückstock entgegen und nahm seine Frau in den Arm. Das war sehr rührend. An der Stelle war ein etwas schattiger Rastplatz. Man hat dort steinerne Tische und Bänke aufgestellt und Bäume gepflanzt, die aber wahrscheinlich noch ein paar Jahre brauchen, bis sie wirklich Schatten spenden.

Es hat sich, nebenbei bemerkt, als äußert günstig erwiesen, Weggefährten mit einem „guten Tag„ statt dem üblichen „Buenos Dias“ zu begrüssen. Dann weiß man gleich, ob man einen Landsmann oder wenigstens einen Verständigen vor sich hat.

In Itereo de la Vega, dem zweiten Dorf auf dieser Etappe, haben viele der Mitläufer Quartier genommen, bei den Strapazen durchaus verständlich. Aber ich wollte wenigstens bis zu dem im Reiseführer ausgewiesenen Etappenziel, Boadilla del Camino, kommen, etwa 8 km weiter. Jetzt war ich allein auf weiter Flur, nur ein paar Radfahrer zogen vorbei. Von einem Pass, angeblich drei Kilometer vom Ziel entfernt, konnte ich den Ort erkennen. Eine Kirche und ein paar Häuser ringsum. Toll. Aber entgegen aller optischen Gesetze wurde die Kirche beim Nähern nicht größer. Im Gegenteil, sie rückte immer wieder in die Ferne und bewegte sich von der Ebene auf einen Hügel. Den habe ich nun endlich erklommen, eine Herberge gefunden und was zu Trinken bekommen. Und noch mal was zu trinken.

Der Wirt, eine coole Type mit Kaffeewärmer auf dem Kopf hat mir gerade mein Zimmer gezeigt. Ganz versteckt auf dem Hof der Herberge ein Zimmer mit einem Doppelstockbett und zwei Einzelbetten. Noch ist alles frei / ein Einzelbett am Fenster ist meins!

Ich habe mich entschlossen, am gemeinsamen Abendessen teilzunehmen. Über hundert Gäste, Hotel- und Herbergsbewohner sitzen im Innenhof an großen Tischen. Ein paar wenige Hotelmitarbeiter haben das voll im Griff. Für 12 € kann man zwischen drei Vorspeisen (ich: Linsensuppe) und drei Hauptgerichten (ich: Rindergulasch) währen. Eis kriegen hier alle das gleiche als Nachtisch. Rotwein dazu gibt es gratis. Zwei Bier und eine halbe Karaffe Rotwein sind zwar ein guter Abschluss dieses interessanten, aber auch anstrengenden Tages, haben aber leider das Absenden dieses Berichtes verzögert.

Eins will ich noch von gestern nachtragen. Beim Abstieg nach Hornillos lief plötzlich einer neben mir, der mit einer geistreichen Konstruktion einen großen silbernen Sonnenschirm an seinem Rucksack-Tragegestell befestigt hatte. Klemens aus Eberswalde. Dass ich ursprünglich aus Berlin stamme, hat er schon bei der Begrüßung herausgehört, weshalb ich nur noch meinen Namen nachtragen musste. Klemens kannte nicht nur Mehrow und Umgebung, sondern auch viele Leute aus unserer Gegend, zumindest die Würdenträger der SPD, denn bis vor drei Jahren hat er für die SPD in BAR/MOL Wahlkampf gemacht. Ist schon toll, in Nordspanien jemand zu treffen, dem man nicht erklären muss, wo Mehrow liegt.

Camino Francés / Finisterre - Tag 14