Unterwegs auf dem Camino Francés / Finisterre
Von Negreira nach Santa Mariña

Tag 33 (Mo, 30.5.2022) – Von Negreira nach Santa Mariña

Ich habe mal wieder wunderbar geschlafen, bei offenem Fenster ohne die Rollläden runter zu lassen. Um drei viertel sieben, als es hell wurde und die ersten Autos unterwegs waren, bin ich aus meinem Tiefschlaf erwacht. Der Engländer am anderen Ende des Raums war schon weg und gegenüber das Mädel aus Bonn schlief noch. Das Bett neben ihr war plötzlich belegt: eine junge Italienerin, die von der Wirtin eigentlich ein Bett in unserem Zimmer bekommen sollte, aber doch ins Nachbarzimmer gezogen ist, weil ich ihr auf die Frage, ob ich schnarche, keine verbindliche Antwort geben konnte. Im Nachbarzimmer ist sie jedoch mit einer schnarchenden Koreanerin konfrontiert worden und mitten in der Nacht umgezogen. Ich war offenbar das kleinere Übel und angeblich hätte ich gar nicht geschnarcht. Eine gewisse Schadensfreude konnte ich nicht verbergen.

Eigentlich dachte ich, das mit den Bergen hat hier ein Ende. Aber offenbar hat zwar die Höhe der Berge abgenommen, aber dafür deren Zahl zugenommen. Als ich nach einem der Aufstiege nach Luft japsend Pause machte, kam der Mann mit den beiden Mädels vorbei, die sich am Abend in der Herberge vergnügt hatten. Offenbar sind die drei auch auf dem Weg zum Kap Finisterre und wie es aussieht, machen den Mädels die Berge viel weniger aus als mir. Ich habe sie auch nach ihren Namen gefragt, diesen aber leider nicht richtig verstanden. Ich habe nicht großartig nachgefragt, da sie gerade mit dem Opa videofoniert haben. Der Papa erzählte mir noch, dass sie aus Litauen stammen, aber in England leben. Ich habe sie noch mehrmals wiedergesehen, die scheinen also wirklich den ganzen Weg zu laufen.

Es ist 11 Uhr. Ich sitze in der Bar der Herberge Alto de Peno in einem Dorf, das nur aus der Herberge, einer Kirche und einem weiteren Haus besteht. Das ist nach 9,3 km die erste Möglichkeit einzukehren. Da man hier keine Karte nimmt, wollte ich es eigentlich bei einem Kaffee und einem weiteren Getränk bewenden lassen, um mein Bargeld zu schonen. Aber wenn ich hier auf dem Smartphone die Route abfahre, dann sehe ich, dass erst in 5 km wieder eine Einkehrmöglichkeit kommt. Da habe ich mir doch was zu essen bestellt, Fritten mit irgendwelchem Fleisch und Eiern für 7 €.

Inzwischen ist es Abend. Ich habe eine Herberge gefunden, eine sehr nette Bekanntschaft mit erschütternder Geschichte gemacht und bekomme nun hoffentlich bald was zu essen.

Der Weg führte heute wieder überwiegend durch Wald. Wenn eine Lücke den Blick auf die Umgebung frei gab, war außer viel Grün in einer bergigen Landschaft nicht viel zu sehen, da die wenigen kleinen Dörfer im Dunst verschwanden. Am Himmel hingen dunkle Wolken, die verhinderten, dass der Dunst abzieht und die Sonne den Boden erhellt. Darum wird es nachher nur wenige schöne Bilder geben.

Am Nachmittag riss der Himmel mal kurz auf, aber ehe ich die Sonnencreme im Rucksack gefunden hatte, war damit schon wieder Schluss. Stattdessen schoben sich noch dunklere Wolken über den Berg. Also Sonnenbrille gegen Anorak mit Kapuze tauschen. Nach den ersten paar Tropfen war ich mir ganz sicher, dass der Regen stärker wird und kramte den Poncho raus. Kaum hatte ich diesen mit den vom Klettern auf einen hinteren Trabi-Sitz bekannten Handgriffen und Verrenkungen übergestülpt, war der Regen vorbei. Solch ein Poncho ist ein wahres Wundermittel. Ich hoffe, das wirkt auch in den nächsten Tagen, denn es sind bis zu 100% Regen angesagt. Da wäre es schon schön, wenn man den Regen nur durch das Überstülpen des Ponchos vertreiben könnte.

Da ich einen Anorak und eine Regenhülle für den Rucksack habe, ziehe ich den Poncho eigentlich nur über, damit mir nicht wieder das Wasser in den Hosentaschen und im Schritt steht. Mit Poncho beginnt die totale Durchnässung erst unterhalb der Oberschenkel. Eigentlich würde ein ordentlicher Lendenschurz Gleiches bewirken. Man müsste mal was erfinden, das man am Lendengurt des Rucksacks befestigen und runterbaumeln lassen kann. Bei schönem Wetter sollte man das Ding aber möglichst nutzen können, um die Lücken im Haupthaar gegen die Sonne zu schützen. Man hat ja nicht immer einen nassen Schlüpper dabei wie einst in der Meseta.

Ich liebe universell einsetzbare Dinge. Als noch nicht vollständig aufgeklärtes Kind habe ich mir immer o.b.-Tampons gewünscht, weil man laut Fernsehwerbung damit laufen, springen, reiten, schwimmen usw. kann. Die Reste meines Stabil-Baukastens finden noch jetzt bei Reparaturen im Haushalt und am Auto Verwendung. Und unlängst hat sich ein abgenutztes Schleifgitter hervorragend als Träger für die Spachtelmasse bewährt, als es darum ging, ein großes Loch im Kotflügel vorm TÜV zu verbergen. Gut, dass wir Ossis es gelernt haben, dass man alles mehrfach verwenden kann.

Ich habe mir ja vorgenommen, meine Pilger-/Wandertour dadurch ausklingen zu lassen, dass ich die Etappen verkürze und mir mehr Pausen gönne. Mit 20-km-Etappen sollte die verbleibende Zeit ausreichen, um nach Fisterra, entlang der Küste nach Murxia und von dort zurück nach Santiago zu kommen, zusammen etwa 200 km. Wenn es zu beschwerlich oder zu regnerisch wird, kann man auch mit dem Bus abkürzen oder zurück fahren. Wobei gerade am Essenstisch von kotzenden Fahrgästen erzählt wurde, weil der Busfahrer auf kurvenreicher Straße entlang der Klippen versucht hat, zehn Minuten Verspätung wieder einzuholen.

Als heute so etwa 20 km gelaufen waren und ich nach einer Herberge Ausschau hielt, traf ich Tabea aus der Schweiz, die sich auch nicht sicher war, ob sie in der nächsten Herberge absteigen oder noch einen Ort weiterlaufen soll. In Anbetracht der wieder aufziehenden Regenwolken und des Umstandes, dass die Herberge im folgenden Ort sehr klein und vielleicht schon belegt ist, haben wir uns entschieden, in Santa Mariña abzusteigen. Die dortige Herberge Casa Pepa ist recht gemütlich, hat Waschmaschinen, nimmt Kreditkarten und ist mit einer Bar versehen. Perfekt.

Ich hatte was zu waschen und sie auch, da konnten wir uns die Kosten teilen, denn für 2 Schlüpper, 2 T-Shirts, eine Hose, Socken und ein Handtuch sind 4 € für die Waschmaschine und 4 € für den Trockner ganzschön viel. Zu zweit sieht das schon besser aus. Während die Waschmaschine ihre Runde drehte haben wir ein sehr gutes Gespräch darüber geführt, was man so auf dem Camino empfindet, warum man ihn läuft usw. Tabea, Anfang dreißig, erzählte, dass sie vor zwei Jahren die Diagnose Multiple Sklerose bekommen hat und dass all die Medikamente außer Nebenwirkungen nichts gebracht haben. Nun hat sie ihr Leben völlig umgekrempelt, ihren Job gekündigt, was ganz Neues angefangen und sich hier auf den Camino begeben. Und das mit einer Lebenslust und Zuversicht, die kaum ein Gesunder aufbringt. Sie hat mir viel über Leid, Hoffnung und Glauben erzählt, was ich hier nicht ausbreiten möchte, was mir aber in Kopf und Herz hängen geblieben ist.

Camino Francés / Finisterre - Tag 33