Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Von Vila do Conde nach Marinhas

Tag 2 (Mi, 14.9.2022) – Von Vila do Conde nach Marinhas

14.45 Uhr. Die erste größere Pause in Fão. Hier geht es über den Rio Cávado nach Esposende. Da gäbe es mehrere Herbergen, aber ein paar Kilometer wollte ich eigentlich noch laufen. Jedoch was essen müsste ich und hier gibt es eine von vielen Pilgern in Beschlag genommene Gaststätte, wo man für 9 € ein ordentliches Pilgermenü bestehend aus Suppe, Fleisch mit Ei und Pommes, Getränk, Dessert und Kaffee bekommt.

Ich habe die Nacht in Vila de Condes eigentlich physisch ganz gut geschlafen. Die Herberge war modernisiert und sehr sauber. 8 € sind da nicht zu viel verlangt. Hier konnte man sogar für je 1 € Waschmaschine und Trockner benutzen, in Spanien hat man da bis zu drei oder vier Euro je Maschine zahlen müssen. Noch hat sich nicht genug dreckige Wäsche angesammelt. Ich hoffe aber, dass es in den nächsten Herbergen ähnliche Angebote gibt.

Problematisch war hier nur der Auf- und Abstieg zum bzw. vom oberen Bett. Die Leitern waren eigentlich mal zum schräg Anlehnen gedacht, wurden jetzt aber angeschraubt. Die nun oben etwa 15 cm überstehenden Holme waren als Halt beim Absteigen zu kurz und standen zu dicht, als dass man sich da auf dem Bauch liegend zur Leiter bewegen könnte. Die einzige Möglichkeit runter zu kommen bestand in einer akrobatischen Übung: man setze sich neben die Leiter, schwinge ein Bein über einen Holm und suche, inzwischen auf dem Bauch liegend, nach einer Leitersprosse. Wenn die gefunden ist, schwinge man das andere Bein in einem hohen Schwung über die Bettumrandung und führe es zu dem bereits auf der Leiter befindlichen. Wenn das geschafft ist, gibt es nur noch das Problem, dass man den Holm der Leiter im Schritt hat und Angst haben muss, genau in diesem Moment mit den Füßen abzurutschen. Das könnte weh tun. Aber wenn man Halt auf der Leiter hat und sich vorsichtig aufrichtet, kann man die Umklammerung des Holms durch die Oberschenkel lösen und sich langsam nach unten bewegen. Bei mir hat das nachts im Dunkeln halbwegs schmerzfrei geklappt. Lucie aus Kanada, eine Dame Mitte fünfzig, die zum vierten Mal auf einem Camino unterwegs ist, ist hingegen beim Abstieg stecken geblieben und musste von meinem Untermieter befreit werden.

Um viertel sieben ging in unserem sechseinhalb-Bett-Zimmer (ein Doppelstock­bett unten mit Doppelbett) das Gewusel los. Um sieben war ich startklar, aber da schüttete es gerade. Ich habe im Aufenthaltsraum noch einen Moment gewartet und derweil Smartphone und Akku noch etwas geladen. Im Zimmer waren die einzigen funktionierenden Steckdosen gegenüber den Betten in 1,80 m Höhe. Da musste man den Akku kunstvoll auf das Ladegerät platzieren. Zur Nacht hatte ich die Konstruktion abgebaut, damit niemand dagegen rennt.

Ein paar Minuten später, als der Regen etwas schwächer wurde, bin ich los, zunächst mit einem 5 €- Schein zu der Gaststätte, in der ich am Abend zuvor einen Teil der Zeche geprellt habe. So was macht man nicht, erst recht nicht auf dem Jakobsweg. Das hat mich nachts nicht richtig schlafen lassen. Aber die Gaststätte war noch zu, obwohl draußen für ein eng­lisches Frühstück mit Speck, Eiern und Bohnen geworben wurde. Schade. Der Fünfer wird jetzt irgendwo in einem Tetzelkasten landen, damit ich wieder ein ruhiges Gewissen habe.

So, das Essen ist durch und war mehr als reichhaltig. Im weiteren Umfeld meines Tisches war ich der Einzige, der seine Pommes-Portion geschafft hat. Mehr später, ich muss jetzt weiter.

18.30 Uhr. Angekommen - nach ca. 30 km in der Herberge San Miguel in Marinhas. Das war knapp. Als ich kurz vor sechs auf der Matte stand, war nur noch ein Bett frei. Ein bisschen Glück zu haben, ist nicht verkehrt. Jetzt habe ich mich schnell im Dorfkonsum mit dem versorgt, was ich am Abend brauchen könnte. Wenn’s knapp wird, ist gegenüber eine Kneipe. Nun sitze ich im ge­räumigen und halbwegs gemütlichen Aufenthaltsraum und will mal zusammen­schreiben, was heute so los war.

Ich bin wie gesagt morgens kurz nach sieben los und nachdem ich im Restaurant niemand angetroffen habe, auf dem ausgeschilderten Camino losgelaufen, der in der Stadt etwas anders verläuft als der in der Karte vermerkte. An irgendeiner Kreuzung bin ich dann etwas zu weit geradeaus gelaufen, weil offenbar kein GPS-Signal empfangen wurde und der aktuelle Standort auf der Karte hin und her sprang. Ohne GPS den Standort zu ermitteln ist hier nicht so einfach. Die kleinen Straßen haben zwar alle ein Straßenschild, sind aber in der Karte ohne Namen. Die größeren Straßen sind zwar in der Karte mit Namen versehen, haben aber keine Straßenschilder, weil ja jeder weiß, wie die heißen. Sich nach der Sonne zu orientieren war auch nicht möglich, da es Strippen regnete. Für 8 Uhr waren 100% Regen angesagt, ich glaube, da kam noch etwas mehr runter.

Irgendwie habe ich dann den richtigen Weg gefunden. Der Umweg war nicht groß und hat mich an einem Becker vorbei geführt, wo ich ein Schinken­brötchen nebst Kaffee für 2 € bekommen habe. Zwischendurch musste ich mich immer mal unterstellen, damit ich nicht zu nass werde. Aber wenn man halbwegs trocken geblieben ist, haben ein entgegenkommen­des Auto und eine Pfütze am Straßenrand dafür gesorgt, dass es nicht dabei bleibt. In Póvoa de Varzim, wohin man von Porto auch mit der Metro hätte fahren können, führt der Weg vorbei an einer vielleicht 50 Jahre alten Kirche, deren Turm wie ein Wasserturm aussieht – nicht sehr einladend. Ich bin trotzdem rein und war überrascht, dass die Kirche innen zwar ganz modern, aber trotzdem ansehnlich ist. Da standen u.a. drei Paletten mit Heiligenfiguren rum, wie sie zu Festtagen von je 8…10 Männern durch die Straßen getragen werden.

An der Kirche biegt der Camino links ab und führt direkt zum Meer und dann immer am Ufer entlang in Richtung Norden. Anfangs sind links am Strand pavillonartige Gaststätten und kleine Umkleidehäuschen, auf der anderen Straßenseite mehr oder weniger hohe Neu­bauten, vermutlich überwiegend mit Ferienwohnungen, wie man sie überall in Frankreich und Spanien findet. Dann kamen rechts regelrechte Hochhäuser und ein Stadion, links am Strand eine Schwimmhalle, bei der man vom Becken durchs Fenster aufs Meer schauen kann. Da wurde vor der Tür damit geworben, dass es drinnen einen Pilger­stempel gibt. Den habe ich mir geholt und dazu gleich noch einen Kaffee aus dem Automaten. Dabei habe ich mit der Kassendame und einem Mitarbeiter noch einen netten Plausch geführt. Beide haben mich getröstet, dass das Wetter besser werden soll. Tatsächlich hat sich über dem Wasser mitunter blauer Himmel gezeigt, während überm Land hell- und dunkelgraue Wolken sich ablösten. Direkt am Strand brauchte man also keine Angst vorm Regen haben.

Hinter Póvoa de Varzim verläuft der Camino Portugues da Costa zusammen mit der Küstenwegvariante über viele Kilometer auf Holzstegen am Strand entlang bzw. durch die Dünen. Hier hat man nicht gekleckert, sondern geklotzt und einen richtig stabilen Weg, beidseits mit Geländer und streckenweise sogar beleuchtet, in die Natur gesetzt. Da die Dünen hier laufend ihre Formen und den Bewuchs ändern, ist es nicht so langweilig wie vermutet, auf diesem Steg zu laufen. Außerdem ist da die Gefahr zu stolpern weit geringer, als auf den sonstigen Wegen.

Mit Gaststätten ist es hier nicht so üppig bestellt und wenn mal eine am Weg liegt, dann sitzen da fast nur Rucksackträger drin. Darunter sind hier wieder einige Amerikaner, aus­schließlich Frauen. Ich bin immer mal wieder mit einem Paar aus Holland zusammen­getroffen, mit denen man sich sogar etwas auf Deutsch unterhalten konnte. Irgendwann, als der Weg wieder von der Küste weg führte, bin ich auf einen Bärtigen mit einem riesigen Rucksack und schief gelatschten Schuhen getroffen, der scheinbar ganz schön mitge­nommen war und bei der Begrüßung nur etwas vor sich hin brubbelte. In einer Bar, zu der man extra einen Umweg einlegen musste, habe ich ihn wiedergetroffen. Ich habe mich einfach zu ihm gesetzt und es hat sich schnell ein gutes Gespräch entwickelt. Julian lebt in Monaco und seine Route führt entlang der spanischen Mittelmeerküste nach Portugal und über Fatima nach Santiago. Dann den Camino Francés rückwärts nach Saint-Jean und über Lourdes zurück nach Monaco. Im Dezember will er wieder zuhause sein. Wie viel tausend Kilometer das sind, konnte er auch nicht genau sagen.

Ein Stück weiter bin ich auf zwei junge Männer gestoßen, die hier aufeinander getroffen sind und nun ein Stück miteinander laufen: Roma (ohne ‚n’ am Ende) aus Spandau, der vor zwei Jahren aus der Ukraine kam und jetzt sogar schon weiß, wo Ahrensfelde liegt, und Leo aus Karlsruhe. Mit denen bin ich ein Stück zusammen gelaufen, dann haben sie eine Abkürzung genommen, während ich den „vorgeschriebenen“ Weg gelaufen bin. Sicher werden wir uns irgendwo wieder treffen.

An meinem Weg lag die Gaststätte mit dem tollen Pilgermenü. Da dort viel Betrieb war, hat es mit der Bedienung ziemlich lange gedauert. Als ich raus war, war es nach vier und es waren noch keine 25 km gelaufen. Ich weiß nicht, wo die Zeit geblieben ist und wo ich gebummelt habe. Sicher fotografiere ich viel Kleinkram an Fassaden und gehe ich in jede Kirche rein (von denen hier viel mehr offen sind, als in Spanien), aber dass das in der Summe so viel Zeit schluckt, verwundert mich immer wieder. Nur durch die Gegend rennen, ohne mal einen Blick nach rechts und links zu werfen, ist jedoch nicht mein Ding.

Es war fast fünf, als ich über den Rio Cávado rüber und durch Esposende durch war. Dann hat es noch eine dreiviertel Stunde bis hier nach Marinha gedauert. Das habe ich gerade noch geschafft, bevor es wieder anfing zu regnen. Wie schon erzählt, habe ich hier das letzte Bett bekommen, wieder Oberdeck in einem der zwei Säle mit je 8 Doppelstockbetten. Hier muss ich übrigens nicht hoffen, dass mein Vorgänger in der Dusche sein Duschbad stehen gelassen hat, denn hier gab es bei 10 € pro Nacht für jeden ein Fläschlein Shampoo und Duschbad. Anders ist vermutlich den Gerüchen so vieler Leute nicht zu begegnen. Ich werde nun diese Dinge meinem Körper zuteil werden lassen, um nicht aus Geruchsgründen aus der Pilgergemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Gute Nacht!

Tag 2