Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Von Carraçeo nach A Guarda

Tag 4 (Fr, 16.9.2022) – Von Carraçeo nach A Guarda

Ich habe in meinem Dachzimmer hervorragend geschlafen. Ich musste nur zwischendurch mal das Rollo des Dachfensters etwas mehr schließen, weil mir der Leuchtturm sein Feuer (= Leuchtfeuer) direkt ins Zimmer geworfen hat. Ich habe regelrecht verschlafen, es war nach halb sieben, als ich aufgewacht bin. Ich hatte Glück, dass die Mädels im Zimmer unter mir noch länger geschlafen haben und das Bad noch frei war. Hier gab es übrigens das Duschbad „Fructis“.

Ich hatte schon seit dem Abend gegrübelt, wann und wie ich meine Wäsche vom Wäscheständer bekomme, weil das im Dunkeln bestimmt nicht leicht ist. Aber das Problem hat sich erledigt, denn als ich aus dem Fenster schaute „graute dem Morgen“. Ich habe schnell geduscht, gepackt, die Wäsche einge­sammelt und bin um viertel acht los. Ich bin zügig gelaufen, um das späte Aufstehen auszugleichen, aber schon bald ging es in den Wald und auf Wegen, die mit Felsbrocken grob gepflastert sind und hoch und runter führen. Da ging es nur langsam vorwärts. Aber ich bin nur von Wenigen überholt worden.

Kleine Kapellen, schöne Blumen und immer wieder Eukalyptuswald gab es hier zu sehen. An manchen Stellen standen auch Brombeeren, aber die waren viel kleiner als unsere und auch die tiefschwarzen Exemplare haben nicht wirklich gut geschmeckt. Hunde, die bei jedem Vorbeikommenden bellen, gibt es auch bei uns, aber hier bin ich auf zwei gestoßen, die schon gebellt haben, bevor ich in Riechweite, also noch sehr weit weg war. Und sie haben ewig nicht aufgehört. Das ist vermutlich die Sorte Hund, die erst mit dem Bellen aufhört, wenn jemand über den Zaun steigt und ihnen einen Knochen hinwirft.

Es ging weiter am Rand hübscher kleiner Dörfer. Fast immer links Häuser und rechts Wald. In Vila Praia de Âncora läuft man erst mal durch ein Neubaugebiet jüngeren Datums. Sogar mit Schwimmhalle, aber offenbar ohne Supermarkt, denn den in der Karte eingezeichneten gibt es nicht mehr. Es ist mit 24 Grad zwar nicht brütend heiß, aber die Sonne scheint permanent und das Auf und Ab macht Durst. Das im letzten Quartier abgefüllte Wasser schmeckt nicht und außerdem ist mir (hier sehr rares) Sprudelwasser lieber. In einer Tankstelle steht neben dem Wasser das hier übliche „Super Bock“-Bier als alkoholfreie Variante. Hätte ich mal das Wasser genommen …

Durch den Ort ziehen sich die Eisenbahn und eine Schnellstraße. Der Weg laut GPS führt über beide hinweg zum Strand, der ausgeschilderte Weg hingegen irgendwo ins Neubau­gebiet hinein. Da nehme ich doch die Strandvariante, die auf eine sehr schöne Promenade führt. Diese laufe ich soweit wie möglich, immer am Strand entlang. Hier gibt es natürlich einige Restaurants, aber kaum eins, das verständlich für sein Angebot wirbt. Am Ende der Promenade finde ich dann ein Restaurant mit englischer Speisekarte (und lahmen Kellner). Ich bestelle mir einen Hamburger mit Ham&Egg und was da kommt, sieht gut aus. Was ich nicht weiß: das Spiegelei ist noch flüssig. Das ist eigentlich prima, aber wenn man in den Burger rein beißt, hat man das Eigelb auf Hemd und Hose. Das ist keine Theorie, das habe ich ausprobiert. Das Phänomen war bisher nur vom Pfannkuchen bekannt, aber da muss die Kombination von Marmeladen-Einfüllöffnung und Reinbeiß-Stelle stimmen. Bei solch einem Burger klappt das immer, egal wie man den hält und wo man rein beißt. Ein Marketing-Fuzzy würde das ein „360-Grad-Erlebnis“ nennen.

Hinter der Bar bin ich mal dem ausgeschilderten Weg gefolgt, der durch einen sehr alten Wald mit riesigen Bäumen führt, während der GPS-Weg auf der Straße verläuft. Der Waldweg führt direkt ans Mehr, wo ein schöner Zeltplatz ist und im Wasser ein Boot dümpelt, das laut Reklame-Tafel als Pilgertaxi über den Rio Niño nach Spanien verkehrt. Aber außer ein paar wartenden Pilgern ist niemand zu sehen. Ich laufe deshalb am Ufer weiter bis zur offiziellen Fähre, erst auf einem hölzernen Weg am Strand entlang, dann auf der Ufer­promenade. Da stehen nicht nur die für solche Promenaden üblichen Häuser mit Ferien­wohnungen, sondern auch sehr alte Kirchen und eine kleine Festung. Weil ich nicht wusste, wann eine Fähre fährt, habe ich aber die Stadtbesichtigung hinten angestellt und bin erst mal zum Fähranleger. Eine Frau, die ich unterwegs gefragt habe, meinte, dass da gar keine Fähre mehr fährt, aber vielleicht irgendein Boot. Und so war es auch.

Am Anleger lag eine kleine Autofähre, aber die sah schon ziemlich angerostet und stillgelegt aus. Ein sonnengebräunter Spanier war aber gerade mit zwei Frauen (Deutsche, wie sich später herausstellte) unterwegs zu einem als Wassertaxi gekennzeichneten Kahn. Der hat mir zugerufen, dass ich schnell in der Bar am Fähranleger ein Ticket kaufen soll, er würde warten. Dann ist er mit uns los. Sitzplätze gab es im Boot nicht. Ich sollte mich hinten oder in der Mitte auf die Reling setzen, damit er vorne richtig aus dem Wasser kommt, wenn er etwas schneller fährt. Und das hat er zwischendurch auch gemacht. Da war ich froh, dass ich nicht am Rand, sondern auf dem Boden gesessen habe. Weich-Ei.

Am anderen Ufer war ich in Spanien und es war plötzlich wegen der ver­schiedenen Zeitzonen eine Stunde später. Die beiden Frauen hatten keine Eile, weil sie vorgebucht haben. Ich bin hingegen zügig los. Der Weg führt auf der Landseite um den hohen Berg herum, der die Landzunge nördlich des Rio Niño dominiert. Dahinter stößt der Weg auf eine größere Straße, die direkt ins Zentrum von A Guarda führt. Der Camino verläuft erst an der Straße und biegt dann ab in das Gassengewirr der Stadt. Irgendwo steht dann mal ein Schild, dass es zur Herberge rechts ab geht. In der nächsten Querstraße findet man sie auf einem Schulhof. Weder außen noch innen hübsch, aber praktisch und preiswert (10 €). Es gibt da zwei Schlafsäle mit 8 bzw. 10 Doppelstockbetten. Als ich halb fünf kam, war der große Raum ganz leer und im kleinen waren noch 6 Betten frei, leider alle oben.

Ich habe nur meine Sachen abgestellt und bin los zum Stadtbummel. Nach einem kühlen Bier ging es den Berg hoch auf die Festung und dann runter zum Hafen. Da ist es wirklich hübsch. Es gibt eine schöne, neue Promenade und die alten Häuser rings um den Hafen sind bunt gestrichen. Man findet da eine Unmenge Kneipen, aber heute hatte ich gar keinen Hunger. Ich habe mir deshalb nach dem Bummel durch die Stadt nur Zutaten für ein Sandwich geholt und bin zurück in die Herberge. Der kleine Saal war inzwischen voll und im großen waren etwa vier Betten belegt. Also noch fast leer. Mit Erlaubnis der Herbergsmutter bin ich nun in den großen Saal ins Untergeschoss eines Doppelstockbettes gewechselt.

Wenig später gab es Spaß, weil Leute vor der Tür standen, die hier eingecheckt haben, aber nun nach dem Einkauf oder Kneipenbesuch nicht rein kamen. Im Internet steht, dass (wie üblich) die Tür bis 22 Uhr offen ist, in den klein­gedruckten Verhaltensmaßregeln an der Tür steht hingegen 21 Uhr. Die Betroffenen sind dann jedoch mit innerer Hilfe durchs Fenster reingekommen. Einer hat dann am Tresen rumgekramt und einen Schlüssel gefunden. Nun kamen auch jene, die ihre Wäsche draußen auf dem Trockner hatten, an ihre Sachen, ohne klettern zu müssen.

Tag 4