Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Von Baiona nach Vigo

Tag 6 (So, 18.9.2022) – Von Baiona nach Vigo

Die Nacht in Baiona war ok. Der unter mir hat bestimmt mehr gelitten als ich, denn beim Auf- und Abstieg hat das Bett ganzschön geschaukelt. Hier hat man es gut gemeint und als Sichtschutz weiße Sperrholzplatten an das Geländer geschraubt. Das hat als Sichtschutz gut funktioniert und man konnte seinen ganzen Kleinkram am Bettrand ablegen, ohne dass er raus fällt, aber man musste sich beim Hoch- und Runterklettern an den Sperr­holzplatten festhalten. Das war eine ziemlich wacklige Angelegenheit.

Ich bin um halb acht los, eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang. In der Altstadt war noch Totenstille. In den angrenzenden Neubaugebieten, die einen sehr ordentlichen Eindruck machten, war auch noch nicht viel los. Der Camino verläuft hinter den Wohngebieten. Er folgt zwar der Küste, aber in einem Abstand, der nur selten einen Blick aufs Meer erlaubt. Dafür bekommt man Auf- und Abstiege geboten, die man sonst nur bei Berg­etappen hat. Eigentlich geht es hier überall vom Ufer aus gleich berghoch. Die Ortschaften sind terrassenförmig angelegt und wenn der Camino hinter den Ortschaften verläuft, dann heißt das: auf halber Berghöhe.

Am Ortseingang von Nigrán war der Weg mal wieder anders ausge­schildert, als einge­zeichnet. Ich bin den Schildern gefolgt, die dann plötzlich aufhörten. Ich habe auf die Karte geschaut und gesehen, dass ich an der vorigen Kreuzung doch hätte anders abbiegen müssen. Auf der Karte habe ich aber auch gesehen, dass ich wieder auf den Camino komme, wenn ich im Ort in die nächste Straße rechts abbiege. Und wie der Zufall es will, war in der Straße eine Cafeteria, was hier nicht heißt, dass es dort nur Kaffee gibt. Ich habe mir also neben dem Kaffee noch was gegen den Durst bestellt. Ein Blick auf die Gartenterrasse zeigte mir, dass fast alle, die mich im Laufe des Morgens überholt haben, hier hängen­geblieben sind. Ab hier war auch wieder ausgeschildert. Wenn der Kneiper mal nicht die Wegweiser versetzt hat, damit alle bei ihm vorbei­kommen. Das erinnert mich an Dany Boons „Nichts zu verzollen“, wo der patriotische Belgier nachts mit seinem Sohn die Grenzsteine versetzt.

Wieder auf dem ausgeschilderten Camino ging es bergauf und -ab an der bergseitigen Kante der Dörfer und Städte entlang. Da war mitunter ordentlich zu klettern, aber gelegentlich ergab sich auch ein toller Blick auf die Küste und die davor liegenden Inseln. An einem in den Felsen gehauenen, überdachten Waschplatz habe ich eine aus meiner Sicht verdiente Pause eingelegt. Da war eine Brüstung in den Felsen gehauen, die von den Maßen her genau dem entspricht, was ich zum Schlafen brauche. Die Brüstung habe ich dann auch wirklich fast eine Stunde für mein Mittagsschläfchen genutzt. Eile hatte ich heute keine. Mit knapp 27 km war das Ziel, Vigo, nicht weit weg. Und da die dort angepeilte Herberge sehr groß ist (93 Betten) und keine Reservierungen zulässt, war ich mir ziemlich sicher, dass ich dort unterkomme.

Kurz danach habe ich Raphael aus Bilbao getroffen, den ich schon in der letzten Herberge kennengelernt habe. Es ist sein erster Camino. Der Camino del Norte, der fast an seiner Haustür vorbeiführt, erschien ihm für einen Anfänger zu schwierig. Wir sind ein Stück zusammen gelaufen und haben uns dann zusammen mit einigen Australiern (3 Frauen und ein Ehepaar) verlaufen. Wir sind einige Kilometer zu früh auf der Straße ge­landet. Während die Truppe, zu der noch ein älterer Amerikaner gehörte, beratschlagte, ob sie zurück gehen oder die Chaussee benutzen, habe ich mich für die Chaussee entschieden, auf der man schneller voran kommt. Insgeheim habe ich gehofft, dabei eine Bar zu finden, in der man mal schnell seinen Durst stillen kann. Erfolglos.

Reumütig bin ich nach vielleicht zwei Kilometern zurück auf den Camino, der allerdings bald darauf ganz offiziell in die Straße mündete. Da habe ich ein Stück hinter mir Raphael gesehen. Der humpelte inzwischen ordentlich und wollte allein weiterlaufen, während ich mir ein Restaurant zwecks Hungerstillung suchen wollte.

Nach weiteren Kilometern im Zick-Zack durch Vororte und unter einer Hochstraße entlang, traf der Weg auf ein Ende der Innenstadt, erkennbar an breiten Straßen mit vielen Gast­stätten. Statt weiter durch Vororte und Grünanlagen ans andere Ende der Innenstadt zu laufen, habe ich hier den Tourenplaner abgeschaltet und bin direkt ins Hafenviertel gelaufen. Das war sehr interessant. Vigo ist eine Stadt mit knapp 300.000 Einwohnern und besteht in den Außenbereichen fast nur aus Neubauten, die aber nach meinem Geschmack verträglich ausgeführt sind. Es ist sehr sauber und da, wo sich mehrere Straßen kreuzen würden, hat man Spielplätze angelegt und einen großen Kreisverkehr gebaut, auf dem sich der Verkehr verteilt. Mehrere Straßen laufen parallel in SW-NO-Richtung durch die Innenstadt. Erst vor Ort sieht man, dass da mehrere Höhenmeter zwischen den Straßen liegen, die mittels Treppen, manchmal auch durch (heute gerade nicht funktionierende) Schrägaufzüge zu überwinden sind.

Einigermaßen problemlos habe ich jenen Gebäudekomplex gefunden, der in der Karte als „Albergue municipale“ ausgewiesen ist. Aber da befindet sich jetzt eine soziale Einrichtung. In meiner Camino-App ist die genaue Adresse der umgezogenen Herberge zu finden und sogar eine Karte mit deren Standort. Die App kann aber nicht den aktuellen Standort zeigen. Meine Tracking-App, die das kann, kennt aber die Herberge nicht. Es ist nicht ganz leicht, in beiden Apps den gleichen Ausschnitt zu finden, sowie IST und SOLL in Einklang zu bringen. Die Karten-App oder Google Maps könnten den Weg zeigen, dafür müsste man aber wieder die endlos lange Herbergsadresse eintippen. Ich habe die Herberge letztlich gefunden, da ich das Bild aus der Werbung im Kopf hatte. Sonst wäre ich vermutlich vorbei gelaufen, da nur ganz klein „Albergue“ an der Tür steht.

Die Herberge in Vigo ist ein Neubau mit historischer Fassade, den man in der Innenstadt an einem Platz gegenüber dem Hafen in eine Lücke gesetzt hat. Ganz schmal, aber tief und fünf Etagen hoch. Sogar mit Fahrstuhl! 93 Betten in 7 Sälen. Von der Menge merkt man aber nichts. Besser war ich bisher nur selten untergebracht und das für 8 €! Das einzige Manko sind die niedrigen Doppel­stockbetten, in denen man sich leicht den Kopf stößt.

Im zugewiesenen Schlafsaal gab es gleich Wiedersehensfreude, denn Raphael aus Bilbao lugte aus einem Bett. Der war gerade dabei, seine Blasen zu behandeln. Da ihm zudem ein Bein weh tat, wollte er nicht mit durch die Stadt ziehen. Da bin ich allein los, weil ich durstig und hungrig war. Gleich neben der Herberge ist eine Gaststätte mit vielen Tischen davor. Da habe ich endlich was zu Essen bekommen, Piementos de Padron (gegrillte Paprika). Das bei der Herberge eingesparte Geld bin ich da gleich wieder los geworden, da die Preise für Spanien ziemlich hoch waren. Hier wollte man wie bei uns 5 € für ein großes Bier haben. Wucher!

Ich war kaum fertig, da kam Raphael dazu und hat sich das Gleiche bestellt, dazu einen Teller Muscheln mit Vinaigrette sowie kleinen Zwiebel- und Paprikawürfeln drin. Lecker. Raphael hat erzählt, dass er bei Mercedes Benz im Vertrieb arbeitet und schon mehrmals dienstlich in Deutschland war, auch in Berlin-Spandau. Leider spricht er trotzdem kein Deutsch und nur wenig Englisch. Seine Frau ist Altenpflegerin und hat‘s leider nicht mit dem Wandern. Nach dem Essen sind wir noch eine kleine Runde durch die Altstadt, wo ich mich für ein Bier revanchieren konnte, das er mir unterwegs spendiert hat. Er ist dann zur Wundpflege zurück und ich bin noch einen Moment sitzen geblieben, um an meinen Bericht zu schreiben. Viel Zeit sich umzusehen blieb dann nicht mehr, weil die Herberge um zehn abgeschlossen wird.

Die letzten Zeilen konnte ich schreiben, weil ein freundlicher Mitbewohner seinen Wecker auf halb sechs gestellt hat (und dann gar nicht aufgestanden ist). Gestern hat das übrigens auch eine Frau drauf gehabt. Die war allerdings schon im Waschraum, weshalb der Wecker ewig lange seine Melodie spielte.

Tag 6