Unterwegs auf dem Camino Portugues da Costa und dem Camino Inglés
Von Arcade nach Briallos

Tag 8 (Di, 20.9.2022) – Von Arcade nach Briallos

19.00 Uhr. Ich sitze im Garten der Herberge von Briallos, umgeben von Wein­bergen, also im Nichts. Zum Glück ist da eine „Cantina“ angebaut - eine Pizzeria mit einem rümpligen Speiseraum, aber Gestühl im Garten. Die Sonne, die heute bis zu 30 Grad runtergeschickt hat, steht zum Glück inzwischen so tief, dass die Gebäude Schatten werfen. Leider gibt es hier reichlich lästige Fliegen, die wohl gerochen haben, dass ich noch nicht geduscht habe. Ich bin gegen fünf hier angekommen, nach etwa 32 km Fußmarsch von Arcade über Pontevedra und habe mich nach den Beziehen des Bettes erstmal hingelegt und ein Stünd­chen geschlafen. Um nicht gleich bis in die Nacht zu ratzen, habe ich mir den Wecker gestellt. Leider auf 19 Uhr, eine halbe Stunde zu früh, denn der Wirt wirft den Pizzaofen erst um halb acht an. Es gibt ein Pasta- und ein Pizzamenü für 10 €. Ich habe mich für das erste entschieden, da ist Salat, Getränk, Kaffee usw. dabei. Zum Glück funktioniert der Kühl­schrank auch bei geschlossener Pizzeria. Die Dame von der Rezeption hat bereits vorhin beim Einchecken extra das Heiligtum aufgeschlossen und mir ein Bier aus dem Kühlschrank geholt, weil ich so unterhopft aussah. Auch jetzt habe ich ein Getränk zur Überbrückung der Wartezeit bekommen.

Eigentlich hatte ich gehofft, Alex und Thomas hier anzutreffen, aber die sind entweder versumpft oder noch weiter gelaufen. Ich bin heute früh zeitig raus, weil vor der Herberge jemand mit einem permanent bellenden Hund Gassi ging. Ich habe mir in aller Ruhe mit dem gestern gekauften Aufschnitt ein Sandwich als Frühstück gemacht und Kaffee gekocht. Um sieben war ich abmarschbereit. Da schauten die beiden Jungs, mit denen ich mir ein Viererabteil in der Herberge geteilt hatte, gerade aus ihren Kojen. Vermutlich habe ich sie mit meinem Packen geweckt. Wir haben uns mit „bis nachher“ verabschiedet und tatsächlich sind die Beiden um halb zehn an mir vorbei gezogen. Da hatte ich gerade schnaufend das Ende eines langen Aufstiegs hinter mich gebracht - während am Straßenrand ein Taxi hielt und zwei Wanderer ausstiegen. Ob’s Jakobspilger waren, weiß ich nicht, aber Schummelei ist es trotzdem.

Kurz darauf führte der Weg durch eine riesige Autobahnbaustelle, wo Bagger dabei waren, eine tiefe Schneise in den Berg zu graben, während ein Stück weiter riesige Dämme für eine Autobahnbrücke aufgeschüttet wurden.

Ein paar Kilometer vor Pontevedra standen plötzlich zwei der typischen Kilometersteine nebeneinander am Wegesrand. Einer mit Kilometerangabe verwies auf die Landstraße, der andere, als „C. Complementario“ beschriftete, zeigte in den Wald. Eine Karte verwies darauf, das dieser Weg bis in die Stadt hinein am Ufer eines kleinen, stark mäandernden Flusses verläuft. Ein schmerzendes Bein wollte mich auf den vermutlich kürzeren und glatteren Weg an der Straße locken, aber ein Weg am kühlen Fluss im schattigen Wald hat auch seinen Reiz. Den Ausschlag gaben die Karte und die GPS-Route, die den Weg am Fluss als Camino auswiesen. Es war auch wirklich schön, am Rio Tomezo entlang zu laufen, der eigentlich nur ein kleiner Bach ist. Aber die Fauna ringsum ist gewaltig. Neben Eukalyptusbäumen und Eichen stehen hier auch viele Kastanienbäume, unter denen unzählige Kastanien ungenutzt herum­liegen. Offenbar gibt es hier keine Altenheime, in denen die Bewohner zur Beschäfti­gung Kastanienmännchen basteln müssen.

Der Kontrast zwischen dem idyllischen Waldweg und dem dann folgenden Pontevedra könnte nicht größer sein. Hier gibt es viele mehrgeschossige Häuser und einige Fabrikhallen ragen aus den Siedlungen. Die höchsten Bauten zieren die Hauptstraße, die vermutlich auch schöne Geschäfte und Bars zu bieten hat. Davon bekommt man aber nichts zu sehen, wenn man sich an die Ausschilde­rung hält. Der Camino wird nämlich durch eine Fußgängerzone auf der Rück­seite der Bebauung geführt. Die ist zwar schön gepflastert und mit Laternen und Leuchtbändern versehen, aber ansonsten ziemlich öde.

In der Altstadt angekommen, landet man in mächtigen Menschengruppen, die irgendwelchen Bussen entstiegen sind und nur dann ihren richtigen Anführer finden, wenn der kräftig winkt und laut ruft. Ein kleines Kirchlein steht zur Besinnung offen, was aber nicht viel bringt, wenn draußen grölend und klatschend sogenannte Pilger begrüßt werden, welche die unglaub­lichen 20 km von Redondela (wo die beiden portugiesischen Pilgerwege zusammen­treffen) bis Pontevedra geschafft haben.

In der Kirche ging gerade ein echter Pilgergottesdienst los. Von fünf jungen Männern, vermutlich Priestern oder Priester­amtsanwärtern, deren Rucksäcke am Rand standen, hielt einer die Messe und die vier anderen sorgten für raumfüllenden Gesang. Das war sehr eindrucksvoll, aber ich habe mich trotzdem zwischendurch rausgeschlichen, weil die Zeit etwas drängte. In einer der Gassen, die aus der Stadt führen, habe ich einen getroffen, dem ich gern die 5 € der begangenen Zechprellerei in die Hand gedrückt habe. Ein Mann in meinem Alter, der in einem Hauseingang saß und ein Schild mit seinem Anliegen vor sich zu stehen hatte. Ich weiß nicht, was drauf stand, aber es muss schon was Schlimmes sein, das einen Mann, der nicht aussah, als würde er das Geld für die nächste Pulle einsammeln, zum Betteln veranlasst.

Hinter Pontevedra führte der Weg fast ausschließlich durch dichten, schatten­spendenden Wald, der von Autobahnen und Eisenbahnlinien eingerahmt ist. Hier waren zu dieser Tageszeit nur wenige Pilger unterwegs, darunter die junge Polin, die mich unlängst im Wald erschreckt hat und eine Italienerin, die noch öfter als ich Verschnaufpausen gemacht hat, aber noch fünf Kilometer weiter wollte. Außerdem habe ich drei Mädels aus der Slowakei wiedergetroffen, die schon mal mit mir in der gleichen Herberge waren. Die sind auch unterwegs, ohne was zu buchen. Das ist im Übrigen nicht so riskant, wie es viele darstellen, denn durch die hektische Bucherei sind zwar die vergleichsweise teuren privaten Herbergen voll, aber die kommunalen Herbergen, in denen man nicht buchen kann, leer. Die kommu­nale Herberge, in der ich gelandet bin, hat 27 Betten. Als ich ziemlich spät kam, waren erst acht belegt. Und ich glaube, nach mir ist nur noch einer gekommen. Für 8 € bekommt man hier fast Luxus geboten - die Lampen an jedem Bett sind so hell, dass man den ganzen Saal ausleuchten kann. Aber Spaß beiseite, es ist wirklich recht angenehm.

Auf der Terrasse habe ich ein schottisches Ehepaar getroffen. Er erzählte, dass er 1985 sechs Monate in Berlin-Gatow stationiert war und (allerdings nicht als Pilot) immer im Hubschrauber die Mauer abgeflogen ist. Ich kann mich gut erinnern, dass man immer wieder alliierte Hubschrauber gesehen hat, die ganz dicht jenseits der Mauer ihr Revier abgeflogen sind. Er erzählte auch, wie sich nachts die Hubschrauberbesatzungen und die Grenzwächter gegenseitig mit ihren Scheinwerfern geärgert haben.

Inzwischen hat die Pizzeria aufgemacht und ich habe ein ganz brauchbares Menü bekommen. Alex und Thomas haben übrigens gestern Abend noch erzählt, dass sie in Arcade in der Bahnhofsgaststätte essen waren. Sie waren halb sieben da und haben auch was zu trinken bekommen, aber der Wirt hat sich geweigert, vor 20 Uhr den Herd anzu­schmeißen. Dann wurde auch erst das Licht in der Gaststätte angemacht.

Am Nachbartisch saß eben ein älteres Paar, Maria und Josef aus Freising, zu denen sich ein auch nicht mehr ganz junger Andreas aus Freiburg gesellte. Der verschwand dann irgend­wann und als ich „Gute Nacht“ sagte, hat mich die „Heilige Familie“ an ihren Tisch gerufen und wir haben noch eine halbe Stunde sehr nett geplaudert. Maria stammt ursprünglich aus Polen und ist verwitwet. Über das Internet hat sie ihren Josef gefunden, der aus der Dessauer Gegend stammt. Die laufen inzwischen ihren elften Camino und wussten viel zu er­zählen, auch im Vergleich von früher und heute. Das war ein schöner Abschluss des Tages und wir haben noch im Schlafraum gequatscht, weil wir uns da alleine dünkten. Aber da die Trennwand zwischen den beiden Sälen nicht bis zur Decke reicht, hat ein im anderen Saal schlafendes Pärchen irgendwann moniert, dass wir zu laut seien. Seitdem ist Totenstille. Mal sehen, wann der Erste zu schnarchen anfängt und wer das ist.

Tag 8