Unterwegs auf dem Camino Mozárabe von Málaga nach Mérida und weiter nach Badajoz
Tag 12 (Mo, 27.4.2026) Von Villaharta nach Alcaracejos (36,5 km)
Da mir die Vorab-Buchungen gar keinen Spaß machen, habe ich gestern noch gar nicht nach den nächsten Etappen und Unterkünften geschaut. Erst abends im Bett habe ich nachge­sehen, was am nächsten Tag ansteht. Als ich gesehen habe, dass es eine 34-Kilometer-Etappe durch die Berge ist, die man auch nicht abkürzen kann, war ich natürlich erschrocken und hab‘ mir gleich den Wecker gestellt, damit ich nicht zu lange schlafe. Da bei der Herberge am Etappenziel, Alcaracejos, stand, dass zwar keine Reservierung erforderlich, aber eine Ankündigung ratsam ist, habe ich da spät abends noch eine WhatsApp hinge­schickt und sogar gleich einen Antwort erhalten: ich kann kommen, nur nicht vor drei.

Meine große Flasche „Gaseosa“, so eine Art Margonwasser, hatte ich schon auf zwei kleine Flaschen verteilt und den Rest getrunken. Jetzt, da ich gesehen habe, dass es auf der ganzen Strecke keinen Ort und vermutlich keine Stelle zum Wasserzapfen gibt, habe ich die große Flasche mit Wasser gefüllt und auch mitgenommen.

Morgens um sieben bin ich losgelaufen. Den Wecker hatte ich mir zwar gestellt, aber nicht gebraucht. Die kleine Lampe hatte ich wieder an den Hosenbund geklemmt, aber auch nicht benötigt, da der Himmel wolkenfrei war und es deshalb schon eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang recht hell war. Aus dem Ort heraus ging es auf einer Straße und dann vor einer Kurve links weg auf einen Trampelpfad durch das morgendlich nasse Gras. Da waren Schuhe und Hose bis zum Knie nass. Nach hundert Metern war dann ein breiter Weg erreicht, der von besagter Straße abging und hinter der Kurve auch trockenen Fußes zu erreichen gewesen wäre.

Der Camino verlief einige Zeit auf diesem breiten, befahrbaren Weg. Anfangs sind mir noch vier oder fünf Bäuerlein begegnet, die mit ihren Autos auf ihre Ländereien wollten - die nächsten menschlichen Wesen habe ich erst abends am Ziel zu sehen bekommen.

Ich bin der sehr guten Ausschilderung folgend irgendwann mal rechts abgebogen und stand nach zweihundert Metern plötzlich erneut vor einem Trampelpfad durchs Gras. Der Blick auf die Karte verriet, dass ich gar nicht mehr auf dem dort eingezeichneten Camino bin, sondern nun auf einen gestrichelt gezeichneten Weg runter zum Fluss (Río Guadalbarbo), wo es mit Sicherheit keine Brücke gibt. Der eingezeichnete Camino verläuft hingegen in einem großen Bogen, weiter dem Fahrweg folgend, runter zum Fluss. Da gab es zumindest die Chance, eine Brücke vorzufinden. Die vermeintlich blöde Abkürzung wollte ich mir aus Angst vor erneut nassen Hosen nicht antun. Also bin ich zurück auf den Fahrweg und weiter auf dem eingezeichneten Camino mit einem ziemlichen Umweg gefolgt. Da, wo der eingezeichnete Weg zum Fluss abbog, fand sich plötzlich ein neuer, breiter Fahrweg geradeaus, der noch gar nicht in der Karte vermerkt war. Dabei habe ich mir noch nichts gedacht, aber als der von mir begangene Weg immer ungepflegter wurde und keinerlei Fahrzeugspuren zu sehen waren, kam in mir der Verdacht auf, dass ich vielleicht nicht die bessere Variante gewählt habe. Am Fluss fand sich keine Brücke, aber der war hier so schmal und flach, dass man in drei großen Schritten auf günstig im Wasser liegenden Steinen trockenen Fußes rüber kam.

50 Meter weiter kam dann die Ernüchterung und die Erkenntnis, warum man den Camino verlegt und außerdem eine neue Straße gebaut hat, die vermutlich weiter stromaufwärts den Fluss quert. Ich stand nämlich vor einem verschlossenen Tor, an dem ein Schild „Grenze der privaten Jagd“ übermütige Wanderer vom Überklettern des Tores oder Zauns abhalten soll. Dicht am Zaun fand sich ein kleiner Trampelpfad, den vermutlich verzweifelte Vorgänger getreten haben. Auf dem wollte ich den Zaun umrunden, aber bald wurde der Hang zwischen Fluss und Zaun steiler und felsiger, so dass es angebracht war, es etwas tiefer zu versuchen. Aber da standen kleine Bäume mitunter so dicht, dass man drunter durchkriechen müsste. Also bin ich ganz runter zum Fluss und diesem gefolgt, zunächst über die Steine, die am Ufer angeschwemmt wurden, dann durch hüfthohes Gras, bei dem man nicht sehen konnte, was dich darunter verbirgt. Das war ziemlich abenteuerlich und schweißtreibend. Dann bog endlich der Zaun landeinwärts ab. Da war aber schon die Furt erreicht, auf welcher der in der Karte gestrichelte und in der Natur als Camino ausgeschilderte Weg den Fluss quert - auf einer Furt mit Betonblöcken als Querungshilfe, also komfortabler als die von mir benutzte Furt.

Mein Umweg, der eine ganze Stunde gekostet und nasse Hosen bis zum Bund sowie ein paar zusätzliche Schrammen gebracht hat, war also ein „Schuss in den Ofen“. Man sollte vielleicht doch den Ausschildernden vertrauen, dass die nur dann einen Weg anders aus­schildern, als auf der Karte verzeichnet, wenn es gute Gründe dafür gibt.

Auf einem Trampelpfad ging es den Berg hoch und oben zurück auf den durch das private Jagdgebiet unterbrochenen Fahrweg, der jetzt mit mäßiger Steigung ziemlich gerade aus verlief und völlig unbenutzt war. Der Weg wurde dann immer mal schmaler und war bald nicht mehr befahrbar. Mitunter ging es in steinigen Schneisen bergauf oder ab. Nach starken Regen muss man sich diese sicher mich einem Bach teilen. Dann kam mal wieder was für Freunde der Plattentektonik: hochkant aus dem Weg ragende Gesteinsschichten. Da konnte man mit einem Schritt mehrere tausend Jahre Erdgeschichte überspringen.

Auf weiten Strecken gab es mal keine Olivenhaine, dafür verschiedene Baum- und Strauch­arten auf den Hängen der überquerten Hügel. Alles in einem schönen, satten Grün. Dazu viele Blumen und ganze Berghänge voller Zistrosen. Das sind die als Sträucher wachsenden weißen Blumen mit einem gelben Kissen in der Mitte und ganz gleichmäßigen dunkelroten oder schwarzen Pinselstrichen ringsum - immer fünf Stück, auf jedem der fünf Blätter einen. Die Blumen sind schön anzusehen und riechen gut. Das Laufen hat nun wieder großen Spaß gemacht, aber leider wurde die Hitze unerträglich. Es sollen zwar nur 24 Grad gewesen sein, aber die Sonne brannte ungebremst auf dem Körper. Das Wasser musste ich mir jetzt schon einteilen, wobei irgendwann mal nahe einer Grundstückseinfahrt eine vom „Verein der Caminofreunde“ (Asociación de Amigos del Camino de Santiago) errichtete Zapfstelle mit Quellwasser kam, das besser als mein abgefülltes Leitungswasser schmeckte. Hier gab es auch einen steinernen Unterstand mit Bänken, auf denen man sich hätte ausruhen können. Das hätte ich wissen müssen, denn kurz vorher habe ich wieder in der schattigen Astgabel eines Olivenbaumes Rast gemacht, was nicht so übermäßig bequem war.

Knapp 10 km vorm Ziel war nochmal ein Fluss zu überqueren, der Río Cuzna. Da hat man eine breite Furt betoniert und sogar Betonblöcke als Querungshilfe platziert. Der das geplant hat, hat nur leider identisch große Blöcke genommen. Am Rand der Furt ragen sie soweit raus, dass man kaum raufkommt, und in der Mitte, wo die Betonplatte nach unten gewölbt ist, ragen sie gar nicht aus dem Wasser heraus. Hier kommt man also nicht ganz trockenen Fußes rüber, aber bei der Wärme ist einem jede Erfrischung recht.

Als der Weg dann einmalig eine richtige Straße überquerte, habe ich im Stillen gehofft, dass genau dort ein „Estrella Galicia“-Transporter umgekippt ist und seine Kühlung noch läuft. Leider war dem nicht so. Da blieb mir nur weiterhin das warme Wasser aus dem Rucksack. Um halb sieben habe ich endlich Alcaracejos erreicht, wo sich gleich am Ortseingang die Herberge befindet. Auf mein Klopfen an der Tür wurde mir unerwartet aufgetan. Die Her­berge mit je drei Betten in zwei Zimmern war mal nicht leer. Veronika (32), eine junge tschechische Architektin, die ihren ersten Camino läuft, hat sich hier einquartiert. Sie hat mich freundlicherweise im halbwegs kühlen Haus auf Miguel, den Herbergsbetreuer warten lassen, während sie einkaufen gegangen ist. Ich war ziemlich geschafft und hätte auf der Stelle einschlafen können, musste ja aber später auch noch was zum Essen besorgen.

Camino Mozárabe - Tag 12